(Symbolbild) Industrieschlöte vor einem Sonnenuntergang
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(Symbolbild) Eine Grafik, die sich in sozialen Medien verbreitet, stellt die Probleme der deutschen Industrie dramatischer dar, als sie sind.
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(Symbolbild) Eine Grafik, die sich in sozialen Medien verbreitet, stellt die Probleme der deutschen Industrie dramatischer dar, als sie sind.

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#Faktenfuchs: Virale Grafik zu deutscher Industrie voller Fehler

#Faktenfuchs: Virale Grafik zu deutscher Industrie voller Fehler

Die deutsche Industrie hat mit Problemen zu kämpfen. Eine Grafik, die sich derzeit im Netz verbreitet, stellt Zahlen dazu aber extremer dar, als sie sind – und weist Fehler und Ungereimtheiten auf.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

Darum geht’s:

  • Daten, Quellenangabe, Beschriftungen und Prozentrechnungen der Grafik zur Industrieproduktion sind falsch.
  • Ökonomen sagen: Ein besserer Indikator für den Zustand der deutschen Industrie ist ohnehin die sogenannte Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe – also der Mehrwert, der durch die Produktion entsteht.
  • Die deutsche Industrie befindet sich in einem Strukturwandel, durch den Firmen etwa Produktion ins Ausland verlagern und Dienstleistungen wie Wartungen oder Datenanalysen für Industrieprodukte wichtiger werden.

"Germany’s self-inflicted implosion" lautet die Überschrift einer Grafik, die sich derzeit auf LinkedIn, X, Instagram und Reddit verbreitet. Ins Deutsche übersetzt bedeutet das: "Deutschlands selbstverschuldeter Zusammenbruch".

Zu sehen ist eine Zeitreihe, die die Entwicklung der Industrieproduktion in Deutschland zwischen 1993 und 2026 zeigen soll. Eine darübergelegte gestrichelte Gerade zeigt den angeblichen langjährigen Trend, der nach oben geht. Die Aussage der Grafik: Die tatsächliche Entwicklung der Industrieproduktion in Deutschland liegt seit 2017 deutlich unter dem angeblichen Trend. Der Index für die Industrieproduktion beschreibt die Menge der in Deutschland produzierten Güter.

Grundsätzlich zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts: Die Industrieproduktion in Deutschland ist seit 2017 tatsächlich deutlich zurückgegangen. Drei Ökonomen sagen dem #Faktenfuchs aber in Interviews: Man könne den Zustand der deutschen Industrie nicht ausschließlich an der Entwicklung der Industrieproduktion festmachen, wichtiger sei die sogenannte Bruttowertschöpfung. Diese misst den Mehrwert, der durch die Produktion entsteht. Der Rückgang der Industrieproduktion in Deutschland hat den Experten zufolge zudem unterschiedliche Gründe und sei differenzierter zu betrachten, als die Überschrift der Grafik nahelegt. Dazu später mehr.

Jedoch sind schon die Daten auf der Grafik fehlerhaft und die Darstellung irreführend. Sie taugt daher nicht zur Veranschaulichung wirtschaftlicher Entwicklungen in Deutschland. Bei genauer Betrachtung fällt auf: Sie weist einige faktische Fehler und Ungereimtheiten auf.

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Diese Grafik ist grob fehlerhaft – auch wenn es stimmt, dass die deutsche Industrie mit Problemen zu kämpfen hat.

Fehler 1: Basisjahr ist in Beschriftung und Grafik unterschiedlich

Erstens: In der Legende der Grafik ist als Basisjahr mit dem Indexwert 100 das Jahr 2015 angegeben. Im Diagramm selbst liegt die Kurve im Jahr 2015 jedoch ungefähr beim Wert 107.

Ein Index wie jener für die Industrieproduktion zeigt die Veränderung einer Größe im Zeitverlauf. Dafür wird in der Regel ein Basisjahr festgelegt, zu dem der Wert des Index 100 beträgt. Am Beispiel der Industrieproduktion: Steigt die Produktion in der Industrie nach dem Basisjahr um 10 Prozent, steigt der Indexwert auf 110. Sinkt die Produktion in der Industrie nach dem Basisjahr um 10 Prozent, sinkt der Indexwert auf 90.

Fehler 2: Rechen- und Darstellungsfehler bei Abweichung vom Trend

Die angeblichen 24 Prozent Abweichung zwischen Trend und tatsächlicher Industrieproduktion im Februar 2026 stimmen außerdem nicht mit den Werten auf der Grafik überein. Michael Böhmer, Chefökonom des privaten Forschungsunternehmens Prognos, sagt: "Die Grafik enthält einige handwerkliche Schlampigkeiten. Wenn Sie sich die Trendlinie anschauen, dann endet die irgendwo beim Wert von 125. Da könnte ich die 24 Prozent nicht draus ableiten."

Laut Grafik liegt der Wert des angeblich prognostizierten langjährigen Trends im Februar 2026 tatsächlich bei circa 125, während der Wert der tatsächlichen Industrieproduktion zu diesem Zeitpunkt angeblich bei etwa 90 liegt. Die prozentuale Steigerung von 90 auf 125 wäre rund 39 Prozent, die prozentuale Verringerung von 125 auf 90 wäre 28 Prozent.

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Die Prozentrechnung auf der Grafik ist falsch. Außerdem macht es einen Unterschied, von welchem Jahr man als Ausgangspunkt der Rechnung ausgeht.

Wie die Rechnung zeigt, macht es einen Unterschied, ob man von dem niedrigen oder dem hohen Wert als Ausgangswert einer Prozentrechnung ausgeht. Es ist ein typischer Fehler bei der Prozentrechnung, das nicht zu berücksichtigen – und diesen Fehler beinhaltet auch die Beschriftung der Grafik.

Dort heißt es einerseits, im Februar 2026 liege die Industrieproduktion Deutschlands 24 Prozent unter dem langjährigen Trend. Andererseits heißt es, die Industrieproduktion liege im Februar 2026 24 Prozent höher, wenn sich der langjährige Trend seit 2017 fortgesetzt hätte. Egal, von welchem Wert man ausgeht – die 24 Prozent gibt die Grafik nicht her.

Fehler 3: Datengrundlage ist nicht nachvollziehbar

Die Datengrundlage der Grafik ist darüber hinaus nicht nachvollziehbar. Als Quelle ist die Wirtschafts-Datenbank Federal Reserve Economic Data (FRED) der Federal Reserve Bank of St. Louis, eine der regionalen US-Notenbanken, angegeben. Timo Wollmershäuser, Leiter der Konjunkturforschung- und -prognosen am Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut ifo, sagt, grundsätzlich sei das eine gute Datenquelle. "Die wird in der Wissenschaft ganz häufig genutzt."

Mit dem Datencode aus der Quellenangabe finde man die entsprechenden Daten zur deutschen Industrieproduktion aber nicht. Die Federal Reserve Bank of St. Louis selbst schreibt dem #Faktenfuchs auf Anfrage: "Es sieht nicht so aus, als wäre das von Ihnen gesendete Diagramm in FRED vorhanden." Die Notenbank verweist stattdessen auf tatsächlich vorhandene Daten zur Industrieproduktion in Deutschland in ihrer Datenbank. Diese gehen allerdings nur bis März 2024 und nicht bis Februar 2026, wie auf der viralen Grafik dargestellt.

Hinzu kommt: FRED sammelt lediglich Daten und ist keine Primärquelle. Als Quelle für die Daten zur deutschen Industrieproduktion bei FRED ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angegeben. Letztlich beziehe die OECD ihre Daten für die deutsche Industrieproduktion aber vom Statistischen Bundesamt, so Timo Wollmershäuser vom ifo: "Das ist die Primärquelle."

Fehler 4: Daten in Grafik weichen von Primärquelle ab

Das Statistische Bundesamt weist in einer schriftlichen Antwort auf die Anfrage des #Faktenfuchs wiederum auf einen weiteren Fehler der Grafik hin: Zwischen der Grafik und den von der Statistikbehörde erhobenen amtlichen Ergebnissen zur Industrieproduktion seien erhebliche Unterschiede zu erkennen.

Und: "Zusätzlich ist der Rückgang aufgrund der Corona-Krise im Jahr 2020, den wir ähnlich aus unseren Daten kennen, in der Grafik bereits etwa 2018 zu sehen, was uns unplausibel scheint." Der vermeintliche Corona-Einbruch in der Grafik sei auch weniger stark ausgeprägt als in den Daten der Bundesbehörde.

Ursprung der Grafik unklar - ist sie KI-generiert?

Wer die Grafik erstellt hat, ist unklar. Den frühesten Social Media-Beitrag mit der Grafik, den der #Faktenfuchs mithilfe einer Bilderrückwärtssuche finden konnte, hat ein Nutzer am 8. Juni 2026 um 9:40 Uhr auf der Plattform X veröffentlicht. Dieser Post wurde bis zum 23. Juli 2026 fast 260.000 Mal angezeigt. Unter einem Reddit-Post mit dieser Grafik kommentierten hunderte Nutzer.

Auch mit welchen Mitteln die Grafik erstellt wurde und wodurch sich die zahlreichen Fehler darin begründen, konnte nicht geklärt werden. Möglich ist, dass die Grafik mithilfe eines KI-Modells generiert wurde. KI-Modelle sind bekannt dafür, zu halluzinieren, also Wissenslücken mit erfundenen Informationen zu füllen. Das könnte etwa erklären, dass die Kurve auf der Grafik bis ins Jahr 2026 geht, obwohl die Daten der angegebenen Quelle lediglich bis ins Jahr 2024 reichen.

Auch, dass die Grafik zwar eine Entwicklung zeigt, die optisch der tatsächlichen Entwicklung der Industrieproduktion in Deutschland ähnelt, aber gleichzeitig dennoch erhebliche Unterschiede zu den Primärdaten vom Statistischen Bundesamt aufweist, könnte ein Hinweis auf KI-Generierung sein. Eine KI-generierte Grafik kann den typischen Verlauf einer Zeitreihe optisch nachahmen und dennoch wesentlich von den tatsächlichen Daten abweichen. Der Grund liegt darin, dass generative KI in erster Linie wahrscheinliche Muster reproduziert. Das Ergebnis kann dadurch plausibel aussehen, ohne eine korrekte Abbildung der Originaldaten zu sein.

Rückgang der Industrieproduktion ist real

Unabhängig von allen Fehlern der Grafik zeigen aber auch die Daten des Statistischen Bundesamts einen deutlichen Rückgang bei der Industrieproduktion in Deutschland seit etwa 2017 – wenn auch etwas weniger stark. Auch mit den Daten des Statistischen Bundesamtes lässt sich die Entwicklung der Industrieproduktion in Deutschland zwischen 1993 und 2026 mit dem Basiswert 100 im Jahr 2015 darstellen.

Im Dezember 2017 erreichte die Industrieproduktion in Deutschland laut Statistischem Bundesamt einen Höchstwert von 110,8. Im Mai 2026 lag er dann bei 90,9. Michael Böhmer von Prognos sagt: "Der Zustand von großen Teilen der deutschen Industrie ist wirklich ernst." Auch Torsten Schmidt, Leiter des Kompetenzbereichs "Wachstum, Konjunktur, Öffentliche Finanzen" vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung RWI Essen, sagt: "Wir haben Probleme, gerade in der Industrie", und Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut bestätigt: "Wir haben eine Krise in der Industrie. Wir haben einen kräftigen Rückgang gehabt."

Wie aussagekräftig ist eine lineare Trendlinie?

Auch wenn man einen langjährigen linearen Trend zwischen 1993 und 2017 über die Daten des Statistischen Bundesamtes legt – so, wie es auf der verbreiteten Grafik dargestellt ist –, zeigt sich tatsächlich eine Lücke zwischen dem langjährigen Trend und der Industrieproduktion im Jahr 2026.

Torsten Schmidt vom RWI Essen mahnt jedoch zur Vorsicht bei solchen linearen Trendlinien: "Das hilft manchmal zur Veranschaulichung. Manchmal führt es aber auch in die Irre." Im Fall der Grafik, die sich im Netz verbreitet, meldet Schmidt Vorbehalte an: "Man hat den Tiefpunkt und den Hochpunkt genommen und suggeriert, dass das der normale Trend ist. Das ist natürlich ein bisschen übertrieben", sagt er.

Wie die eingezeichnete lineare Trendlinie auf der verbreiteten Grafik methodisch zustande kam, kann man beim Statistischen Bundesamt derweil nicht nachvollziehen. "Bei der ersten Betrachtung scheint es, dass lediglich eine gerade Linie von Januar 1993 bis Dezember 2017 gezogen wurde. Einen Trend auf diese Art darzustellen, würde nicht unseren methodischen Ansprüchen genügen", so die Behörde.

Auch Wollmershäuser vom ifo sagt: "Davon auszugehen, dass sich dieser Trend in der Zukunft linear fortschreibt, so wie das hier gemacht wurde, ist denke ich auf jeden Fall nicht zulässig." In der makroökonomischen Theorie gebe es eine Reihe von Gründen, warum sich solche Trends ändern können, etwa ein Strukturwandel in der Industrie oder demographische Veränderungen.

Michael Böhmer von Prognos hält einen linearen Trend auf einer Darstellung der Industrieproduktion hingegen für legitim. Das würde zu der Entwicklung der Industrieproduktion im Zeitverlauf grundsätzlich durchaus passen, so Böhmer. Würde sich die Zeitreihe anders entwickeln, ginge das hingegen nicht: "Wir haben ja auch Zeitreihen, da ist der Trend exponentiell, da kann ich natürlich keine Gerade durchlegen. Oder sie ist asymptotisch, sie stößt langsam an eine Grenze. Da kann ich natürlich auch keinen linearen Trend durchlegen."

Ökonomen: Bruttowertschöpfung ist aussagekräftiger als Industrieproduktion

Alle drei Ökonomen betonen aber: Die Industrieproduktion allein reicht nicht aus, um Aussagen über die Entwicklung der Industrie oder die Entwicklung der Gesamtwirtschaft Deutschlands zu treffen. Wollmershäuser etwa sagt: "Um über die wirtschaftliche Lage eines Landes oder auch über die wirtschaftliche Lage des Industriesektors Aussagen zu machen, muss man eine Reihe weiterer Indikatoren anschauen."

Denn ein solcher Industrieproduktions-Index des Statistischen Bundesamtes misst lediglich die preisbereinigte Leistung des produzierenden Gewerbes in Deutschland ohne Baugewerbe. Ökonom Böhmer sagt: "Industrieproduktion bedeutet, vereinfacht gesagt, was aus den Fabriken an Produkten rauskommt." Die Statistischen Landesämter erheben dafür jeden Monat Wert und Menge der monatlichen Produktion von Industriebetrieben in Deutschland. Zu den größten Industriezweigen in Deutschland zählen etwa die Automobilindustrie, die chemische und pharmazeutische Industrie, der Maschinenbau oder die Elektroindustrie.

Schmidt, Böhmer und Wollmershäuser sagen dem #Faktenfuchs: Geeigneter für die Messung und Darstellung der Entwicklung der deutschen Industrie sei die sogenannte Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe. Schmidt sagt: "Viele Maschinenbauer und die Automobilindustrie verkaufen eine Maschine, die sie selber gebaut haben. Das ist dann auch in der Industrieproduktion drin. Aber die ganzen Dienstleistungen, die dazu angeboten werden, zur Wartung, zur Auswertung von Daten und all diese Dinge, die an Bedeutung gewonnen haben, die sind in der Wertschöpfung enthalten, aber nicht in der Industrieproduktion." Auch Wollmershäuser betont die Bedeutung dieser sogenannten Tertiärisierung, also der zunehmenden Wertschöpfung durch Dienstleistungen im Zusammenhang mit Industrieprodukten.

Hinzu komme die Verlagerung eines Teils der Produktion ins Ausland. "Aber die Entwicklung und Vermarktung der Autos ist in Deutschland geblieben. Wir messen also, dass im Grunde genommen die Produktion zurückgeht. Sehen aber gleichzeitig, dass die Wertschöpfung diesen Rückgang nicht im gleichen Umfang mitmacht", so Wollmershäuser. Man erfasse nur einen Teil des Strukturwandels in der Industrie, wenn man nur auf die Industrieproduktion schaue.

Bruttowertschöpfung ging seit 2015 sogar nach oben

Michael Böhmer von Prognos erklärt, dass sich die beiden Werte – Industrieproduktion und Wertschöpfung – über viele Jahrzehnte quasi parallel entwickelt hätten. Anhand der Industrieproduktion, die häufiger veröffentlicht werde als die Bruttowertschöpfung, konnte man sehen, wie sich auch die Wertschöpfung veränderte, so Böhmer. "Das ist vor ein paar Jahren aufgebrochen, etwa mit der Corona-Krise. Da ist der Produktionswert deutlich zurückgegangen. Die Bruttowertschöpfung ist aber lange ziemlich stabil geblieben." Mittlerweile gehe die Bruttowertschöpfung zwar auch zurück, allerdings nicht so stark wie die Produktion, so Böhmer.

Dieser Unterschied zwischen der Entwicklung von Bruttowertschöpfung und Industrieproduktion wird deutlich, wenn man die beiden Indizes in einer Grafik übereinanderlegt. Während der Index der Bruttowertschöpfung seit 2015 sogar leicht auf 103,4 angestiegen ist, ist die Industrieproduktion seitdem auf 89,5 gesunken.

Ähnlich wie in der Grafik, die sich auf Social Media verbreitet hat, kann man auch einen langjährigen linearen Trend über die Entwicklung der Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe legen. Dabei zeigt sich: Die Lücke zwischen langjährigem Trend und tatsächlicher Bruttowertschöpfung ist deutlich geringer als zwischen dem langjährigen Trend bei der Industrieproduktion und der tatsächlichen Industrieproduktion.

"Selbstverschuldet"? - "Kann man aus einer einzelnen Grafik nicht erkennen"

Wenn es nach der Überschrift der verbreiteten Grafik geht, ist Deutschland an dem Rückgang der Industrieproduktion selbst schuld. Das ist laut den drei für diesen Artikel interviewten Ökonomen jedoch zu kurz gegriffen. Torsten Schmidt vom RWI Essen sagt: "Natürlich gibt es auch inländische Probleme: Bürokratie, hohe Energiepreise, falsche Produktentwicklung oder falsche Entscheidungen in Unternehmen, was die Produktpalette angeht. Das ist schon hausgemacht, das muss man so sehen."

Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle, so Schmidt: "Es hat auch damit zu tun, dass die Konkurrenz auch nicht geschlafen hat, es hat mit einer schwierigen Zollpolitik der USA zu tun. Man darf auch nicht vergessen, dass Russland ein wichtiger Abnehmer deutscher Produkte war. Die Sanktionen haben zu einem sehr starken Rückgang bei den deutschen Exporten geführt."

Auch Michael Böhmer von Prognos sagt, dass so eine Entwicklung im Grunde nie einen einzelnen Grund habe. Für die Chemieindustrie und die Stahlindustrie seien die Transformation zur CO2-Neutralität und hohe Energiepreise eine Belastung. Für andere Branchen spiele dieses Thema hingegen keine Rolle, wie etwa im Maschinenbau.

Auch könne Deutschland mit den geringeren Lohnkosten in anderen Ländern nicht mithalten. "Die Chinesen haben gleichzeitig seit mehreren Jahren eine sehr aggressive Exportpolitik" und drängten auf internationale Märkte, so Böhmer, was es für deutsche Maschinenbauer schwierig mache.

Fazit

Eine virale Grafik, die angeblich einen "selbstverschuldeten Zusammenbruch" der Industrieproduktion Deutschlands zeigt, weist eine Reihe von Fehlern auf. Die Quelle ist nicht nachvollziehbar und die Daten weichen von jenen des Statistischen Bundesamtes ab, das die Industrieproduktion in Deutschland erhebt. Die Beschriftung stimmt zudem nicht mit der Grafik überein und enthält Rechenfehler. Die Grafik spiegelt also keine faktisch korrekte oder umfassende Aussage zur deutschen Wirtschaft wider.

Dennoch stimmt es, dass die Industrieproduktion in Deutschland seit 2017 stark zurückging. Richtig ist auch, dass die deutsche Industrie mit Problemen zu kämpfen hat, das bestätigen drei Ökonomen dem #Faktenfuchs.

Diese Ökonomen sagen aber auch: Die Bruttowertschöpfung im produzierenden Gewerbe ist der geeignetere Indikator, um die Entwicklung der deutschen Industrie zu veranschaulichen. Denn Dienstleistungen wie etwa die Wartung von Autos oder die Auswertung von Daten werden für klassische Industrieunternehmen wichtiger – und auch damit verdienen sie Geld. Diesen Strukturwandel bildet der Index für die Industrieproduktion nicht ab.

Quellen:

Interviews/Presseanfragen

Anfrage bei der Federal Reserve Bank of St. Louis

Anfrage beim Statistischen Bundesamt

Interview mit Michael Böhmer, Chefvolkswirt am Forschungsunternehmen Prognos

Interview mit Torsten Schmidt, Leiter des Kompetenzbereichs „Wachstum, Konjunktur, Öffentliche Finanzen“ am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung RWI Essen

Interview mit Timo Wollmershäuser, Leiter der Konjunkturforschung und -prognosen am ifo-Institut München

Veröffentlichungen

BR24 #Faktenfuchs: Faktencheck mit KI? Prüfen Sie die Antwort!

DESTATIS: Bruttowertschöpfung

DESTATIS: Produktionsindex

Eurostat: Index and base year

Federal Reserve Economic Data (FRED): Production Germany

Federal Reserve Economic Data (FRED): Production, Sales, Work Started and Orders: Production Volume: Economic Activity: Industry (Except Construction) for Germany

Lehmann, Robert und Wollmershäuser, Timo: Strukturwandel - Verliert die Industrie in Deutschland wirklich an Bedeutung?

Serlo: Der vermindete und vermehrte Grundwert

Statista: Daten und Fakten zum Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland

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