Wer ehrenamtlich im Sportverein trainiert, im Karnevalsclub mitmischt oder beim Freifunk mithilft, kann steuerliche Vorteile genießen. Wer hingegen in seiner Freizeit an Open-Source-Software arbeitet – also an Programmen, deren Quellcode öffentlich zugänglich ist – geht leer aus. Eine Petition will das ändern.
Millionen profitieren, kaum jemand weiß es
Die meisten Menschen ahnen nicht, wie abhängig ihr digitaler Alltag von Open-Source-Software ist. Der Streamingdienst, der Ticketautomat am Bahnhof, die Website der eigenen Bank: Überall steckt quelloffene Software drin, die oft von Freiwilligen in ihrer Freizeit entwickelt und gepflegt wird.
Eine Petition auf openPetition fordert nun, diese Arbeit als gemeinwohlorientiertes Ehrenamt anzuerkennen. Initiator Boris Hinzer aus Erkelenz hat sie im November 2025 gestartet. Bis Mai 2026 sollen 30.000 Unterschriften zusammenkommen – bislang sind es knapp 9.000. Die konkreten Forderungen: steuerfreie Aufwandsentschädigungen für Open-Source-Entwickler, eine leichtere Einstufung als gemeinnützig und besserer Haftungsschutz. Denn aktuell tragen die oft wenigen Maintainer – also die Personen, die ein Open-Source-Projekt betreuen – eine erhebliche Verantwortung, ohne rechtlich abgesichert zu sein.
Warum Open Source bisher durchs Raster fällt
Ob eine Tätigkeit steuerlich als Ehrenamt gilt, hängt in Deutschland an strengen Kriterien. Die sogenannte Übungsleiterpauschale von 3.300 Euro pro Jahr oder die Ehrenamtspauschale von 960 Euro setzen voraus, dass man im Dienst oder Auftrag einer begünstigten Einrichtung arbeitet – etwa eines gemeinnützigen Vereins.
Genau hier liegt das Problem: Viele Open-Source-Projekte haben gar keine deutsche Trägerstruktur. Sie sind international organisiert, lose vernetzt, ohne Vereinsform. Und selbst wenn jemand einen Verein gründen wollte: Im Katalog der gemeinnützigen Zwecke nach Paragraf 52 der Abgabenordnung taucht Open Source schlicht nicht auf.
Dabei haben Sicherheitslücken in weit verbreiteter Open-Source-Software – wie die Fälle Heartbleed und Log4Shell – gezeigt, welche Risiken entstehen, wenn zentrale Projekte von überlasteten Freiwilligen abhängen.
"Wer macht's denn sonst?"
Was das für die Betroffenen bedeutet, hat der BR-Podcast "Wild Wild Web" dokumentiert. Einer der Gesprächspartner ist Christian Grobmeier, ein Open-Source-Entwickler aus Deutschland. Er hat unter anderem an Log4J mitgearbeitet – einem kleinen Programm, das in Millionen Servern weltweit steckt. Als 2021 eine Sicherheitslücke in Log4J entdeckt wurde, mussten er und eine Handvoll andere Freiwillige das Problem lösen.
Sein Fazit nach Jahren unbezahlter Arbeit: "Seit Jahrzehnten interessiert sich niemand für meine Arbeit. Ich sitze hier seit Ewigkeiten in meinem Keller, keiner guckt hier vorbei, keiner schickt mir Geld, alle wollen bloß meinen Code haben."
Viele Maintainer können gar nicht einfach aufhören, selbst wenn sie wollten. "Wer macht's denn sonst?", fragt sich Grobmeier im Podcast. Er beschreibt ein Dilemma: Wer jahrelang ein Projekt betreut hat, von dem andere abhängen, fühlt sich verantwortlich – auch ohne Bezahlung, auch ohne Anerkennung.
Unterstützung aus der Fachwelt
Die Gesellschaft für Informatik, Deutschlands größter Fachverband für Informatikerinnen und Informatiker, hat sich hinter die Petition gestellt. Das Thema werde auch für die digitale Souveränität Deutschlands immer wichtiger, argumentieren die Unterstützer.
Die Petition wirft allerdings auch Fragen auf: Welche Arbeit genau soll zählen? Nur Code schreiben – oder auch Dokumentation, Community-Moderation, das Beantworten von Nutzeranfragen? Und welche Lizenzen gelten als "echt" Open Source?
🎧 Wie verändert KI unser Leben? Und welche KI-Programme sind in meinem Alltag wirklich wichtig? Antworten auf diese und weitere Fragen diskutieren Gregor Schmalzried, Marie Kilg und Fritz Espenlaub jede Woche in "Der KI-Podcast" – dem Podcast von BR24 und SWR.
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