Wenn der FC Bayern München am Mittwoch in der Champions League Union Saint-Gilloise empfängt, wird es in der Arena im Stadtteil Fröttmaning weitgehend ruhig bleiben. Nicht etwa, weil die Mannschaft von Trainer Vincent Kompany keinen Grund zum Jubeln liefert, sondern weil die gesamte Südkurve, das Zuhause der eingefleischten Fans, gesperrt ist.
FC Bayern schärft bei UEFA-Sperre nach
Die UEFA hat durchgegriffen, nachdem die Ultras des deutschen Rekordmeisters allen Verwarnungen zum Trotz auch beim Königsklassenduell mit Sporting Lissabon vor der Winterpause massiv gezündelt hatten.
Nachdem der Verband zunächst eine Blocksperre der Stehareale 111 bis 114 verhängte, schärfte der FCB selbst noch einmal nach. Das offene Kurvenkonzept wurde zum Problem. Die Sorge, dass die Übeltäter in die umliegenden Blöcke 109, 110, 115, 116 und 117 ausweichen, war zu groß.
Stimmung als Ultra-Druckmittel
Die Kritik aus der organisierten Fanszene nahm man ebenso in Kauf wie die wahrscheinliche Stille über weite Teile des Spiels, da die Stimmung selbst im Europapokal bestenfalls in marginalen Teilen von der Haupttribüne kommt.
Doch die Reaktionsmöglichkeiten auf Regelverstöße der eigenen Anhänger will man sich beim FC Bayern nicht einschränken lassen. Schließlich ist den Ultras in der Südkurve durchaus bewusst, dass die lautstarke Unterstützung der Mannschaft auch ein Druckmittel sei, befindet der Fanforscher Prof. Dr. Harald Lange von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg im Gespräch mit BR24Sport.
Lange: Umgang mit Fans variiert
"Sie (die Ultras, Anm. d. Red.) haben, was das betrifft, einen gewissen Machtfaktor in der Hand", erklärt der Wissenschaftler: "Sie wissen, dass sie diejenigen sind, die die Stimmung machen. Und diesen Trumpf spielen sie auch aus."
Allerdings variiert der Umgang mit den Fans auf nationalem und internationalem Parkett gewaltig. Während bei Spielen im DFB-Pokal oder Bundesliga "von Seiten des DFB und der DFL mehr oder weniger ein Versprechen gegeben wurde, keine Kollektivstrafen auszusprechen", ist die Lage bei Partien unter UEFA-Schirmherrschaft eine andere, so Lange.
Experte: "Fast dilettantische Entscheidungen der UEFA"
"Auf internationaler Ebene ist es 'guter Brauch', solche Kollektivstrafen unreflektiert auszusprechen. Davon sind jetzt die Bayern betroffen. Das sorgt für riesengroßen Unmut und zieht nicht nur die vermeintlichen Übeltäter, die die Pyrotechnik gezündet haben, in den Misskredit, sondern auch alle anderen, die in der Südkurve stehen", sagt der Dozent.
Die Methode, nicht die Täter, sondern ganze Fangruppen zu bestrafen, sieht Lange kritisch. "Davon ist man in Deutschland aus guten Gründen abgekommen und hat einen ganz eigenen Weg gefunden. Auf europäischer Ebene beobachten wir ganz viele, fast dilettantische Entscheidungen der UEFA im Hinblick auf Fans. Da ist man ganz schnell dabei, ganze Fangruppen mit Betretungsverboten zu belegen", berichtet er und verweist auf das Anreiseverbot für Anhänger von Eintracht Frankfurt zum Champions-League-Duell mit der SSC Neapel im vergangenen November.
Im Video: Fan-Forscher Harald Lange analysiert Pyro-Problem
Die Südkurve im Bayern-Stadion bleibt wegen Pyro-Exzessen gesperrt
Vereine in der Pyro-Zwickmühle
Gleichzeitig sieht Lange die Vereine bei der Prävention des Einsatzes von Pyrotechnik in der Zwickmühle. "Die Wege von Pyrotechnik ins Stadion sind vielfältig", analysiert er und führt weiter aus: "In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass es schlichtweg unmöglich ist, die Stadien frei von Pyrotechnik zu machen."
Als Vereine und Verbände in Deutschland anfingen, gegen Bengalos und ähnliche Feuerwerkskörper vorzugehen, sei man dem Irrglauben aufgesessen, diese tatsächlich aus den Arenen verbannen zu können. "Das ist schlichtweg nicht möglich. Da kann man nichts machen."
"Jedes Fußballstadion sähe aus wie eine Festung"
Zwar gebe es theoretisch Möglichkeiten "über Kontrolle und daran gebundene Sanktionen, wenn jemand auffliegt, einiges an Pyrotechnik rausfiltern", allerdings seien die Folgen solcher Maßnahmen schwerwiegend.
"Dann sieht jede Fußballpartie vor Beginn so aus wie ein Hochrisikospiel. Jedes Fußballstadion sähe aus wie eine Festung. Die Fans und Zuschauer müssten enorm viel Zeit mitbringen, um sich diesen Kontrollen zu unterziehen. Auch die ganzen Mitarbeiter, die Caterer und alle, die im Stadion sonst noch zu tun haben, würden permanent überwacht", zeichnet Lange ein düsteres Bild.
Was ist im Kampf gegen Pyrotechnik gerechtfertigt?
Deswegen sei der Kampf gegen die Pyrotechnik nicht nur eine Frage des Könnens, sondern auch des Willens der Vereine. Schließlich müsse "man die Verhältnismäßigkeit der Mittel abwägen", folgert der Experte. Der Streit um die Ultras und den Einsatz von Feuerwerk wird also weitergehen.
Im Audio: FC Bayern vor dem Duell gegen Union Saint-Gilloise
FC Bayern München - Sporting Lissabon
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