Beim 1:1-Remis im Halbfinal-Hinspiel der Champions League zieht FC-Bayern-Spielerin Franziska Kett im Zweikampfduell ihrer Gegnerin vom FC Barcelona, Salma Paralluelo, an den Haaren und sieht dafür die Rote Karte. Die Entscheidung von Schiedsrichterin Ivana Martincic geht für DFB-Lehrwart und Regelexperte Lutz Wagner in Ordnung.
Wagner: "Haare-Ziehen im Ermessen der Schiedsrichterin"
Laut Wagner liegt die Bewertung der Situation in der Hand der Unparteiischen. "Das Regelwerk kann ja nicht jeden Fall genau beschreiben. Deswegen sagt das Regelwerk, das ist ein sogenanntes Halten. Da ist es auch völlig egal, ob ich jemanden am Trikot festhalte, am Arm oder in diesem Fall an den Haaren. Hier hat die Schiedsrichterin ein Ermessen. Sie muss feststellen, wie gravierend ist dieser Vorfall. Ist es noch mit Gelb in Ordnung, ist das schon Rot?"
Die Schiedsrichterin muss also einschätzen: War das Haareziehen Absicht oder nicht? Ein wichtiger Faktor für die Entscheidungsfindung ist laut Wagner, dass die Haare "oben am Kopf verankert" sind und die Referees bei allem, was gefährlich für den Kopf sein könnte, besondere Vorsicht walten lassen müssen. "In dem Fall ist es dann verwerflicher, als wenn ich nur an einem Trikot ziehe."
Ketts Haar-Zupfer kein Einzelfall - Wo ist die einheitliche Linie?
Die Rote Karte gegen Kett ist nicht der einzige Vorfall dieser Art im Fußball der Frauen. Bei der Europameisterschaft im vergangenen Sommer wurde die deutsche Nationalspielerin Kathrin Hendrich im Viertelfinale gegen Frankreich aus dem gleichen Grund vom Platz gestellt. Sie hatte die Französin Griedge Mbock im Strafraum am Schopf gezogen, was mit Platzverweis und Elfmeter bestraft wurde.
Eine ähnliche Situation hatte es auch kürzlich im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League gegeben. Arsenals Katie McCabe griff Alyssa Thompson vom FC Chelsea im Mittelfeld vor den Augen der Schiedsrichterin in die Haare und hielt sie davon ab, einen Angriff zu starten. Diesmal gab es allerdings keinen Pfiff und keine Karte. Auch der Videoschiedsrichter griff nicht ein.
Da stellt sich dem neutralen Fußballfan die Frage: Wo ist die einheitliche Linie? Offenbar bewerten die Unparteiischen solche Situationen unterschiedlich. Für das eine Haareziehen gibt es glatt Rot, für das andere, genauso offensichtliche und folgenschwere Haareziehen, gibt es keine Bestrafung, nicht mal einen Freistoß. Kein Wunder also, dass Aufrufe zu Regeländerungen laut werden, so wie der von Bayerns Sportdirektorin Bianca Rech.
Vorschlag zur Regeländerung: Kommt die Dutt-Pflicht?
Sie forderte nach der Partie eine Diskussion zur Unterscheidung von absichtlichem und unabsichtlichem Haare-Ziehen. Auch Regelexperte Lutz Wagner sieht in der Entscheidungsfindung nach Ermessen der Referees Probleme: "Ich finde es nicht gut, wenn man es jetzt nur auf die Schiedsrichterin verlagert und sagt, sie muss immer entscheiden, ob das Absicht ist, ob das keine Absicht ist, ob das Haar zu lang ist, ob das Haar zu kurz ist."
Laut Wagner gäbe es eine Lösung, mit der man eher die Ursache und nicht die Wirkung bekämpfen könne: "Wenn wir einfach sagen, diese Haare sind so nicht zu tragen, sondern von mir aus eben abzubinden, dann wäre damit eine klare Vorgabe gemacht."
Pflicht zu fixierten Haaren in anderen Sportarten etabliert
Das würde bedeuten, den Spielerinnen ab einer gewissen Haarlänge vorzuschreiben, die Haare zum Beispiel in einem Dutt zu befestigen. Das zwingende Fixieren der Frisuren am Kopf ist in anderen Sportarten wie dem Judo oder dem Ringen schon gang und gäbe.
Schließlich gehe es darum, die Sportlerinnen zu schützen, sagt Wagner. "Schmuck muss ja auch abgelegt oder abgetaped werden. Er darf zumindest weder die Spielerin noch die Gegnerin gefährden. Wenn eine Spielerin ein zu langes Haar hat und der Zopf schlägt bei der Bewegung um sich, dann kann das sehr wohl nicht nur für die Spielerin gefährlich sein, sondern auch für die Gegnerin gefährlich sein."
Wagner: "FIFA und UEFA werden aufmerksam"
Gerade weil solche Szenen wie im Halbfinale des FC Bayern gegen Barcelona in letzter Zeit häufiger vorgekommen waren, glaubt Lutz Wagner, dass eine Regeländerung realistisch sei. "Wenn etwas öfter passiert, so wie wir es jetzt in diesen Fällen schon gesehen haben, dann werden die Damen und Herren (der FIFA und UEFA, Anm. d. Red.) da auch aufmerksam. Dann beschäftigen sie sich auf ihrer jeweiligen Sitzung jedes Jahr damit."
Auch die Landesverbände haben die Möglichkeit, eine Anfrage zu stellen, damit der Diskussion rund um das Haareziehen ein Ende bereitet wird, Fairness und nachvollziehbare Entscheidungen dominieren und sich alle wieder auf das Fußballerische konzentrieren können.
Im Audio: Regeldiskussion um Haareziehen im Frauenfußball
Franziska Kett sieht Rot wegen Haareziehen.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
Tabellenführung und Abstiegskampf, aktuelle Spielpaarungen, Ergebnisse und Liveticker, Torjägerlisten, Laufleistung- sowie Zweikampfstatistiken und noch viel mehr: Fußball im Ergebniscenter von BR24Sport.

