Floskeln kennt der Fußball haufenweise. "Der Pokal hat seine eigenen Gesetze" oder "Geschichten, die nur der Fußball schreibt", sind häufig benutzte Phrasen aus dem Alltag der schönsten Nebensache der Welt. Eine weitere immer wiederkehrende Formulierung ist "Ausgerechnet". Diese wird gerne dann hergenommen, wenn einer Entwicklung eine gewisse Ironie innewohnt.
Ausgerechnet Musiala stellt Rekord ein
Beim Auftritt des FC Bayern gegen den FC St. Pauli hätte man die Redewendung diverse Male gebrauchen können. Denn das 5:0 (1:0), in dessen Rahmen der deutsche Rekordmeister den vermeintlich ewigen Torrekord für eine Bundesliga-Saison schon am 29. Spieltag brach, zeichnete sich durch mehrere "Ausgerechnet"-Momente aus.
Da war Jamal Musiala, der mit dem 1:0 den 101. Treffer erzielte und damit die Bestmarke aus dem Jahr 1971/72 einstellte. Ausgerechnet Musiala, der sich im vergangenen Sommer so schwer am Sprunggelenk verletzte, sich langsam zurückkämpft und um seine WM-Teilnahme bangen muss.
Musiala auf Beckenbauers Spuren
Nicht nur die Leidenszeit des 23-Jährigen macht seinen Kopfball in der 9. Minute so besonders. Schließlich ist Musiala das Gesicht des "neuen" FC Bayern. Der deutsche Nationalspieler war der erste Münchner Star seit langem, der aus dem eigenen Nachwuchs kam. Damit war Musiala der Wegbereiter für Aleksandar Pavlovic, Josip Stanisic oder Lennart Karl, die an der Isar eine Ära prägen sollen.
Insofern ist es passend, dass Musiala mit seinem Tor in die Fußstapfen des "Kaisers" Franz Beckenbauer trat, der 1972 den 101. Treffer erzielt hatte, und den Rekord der 1970er-Bayern-Generation um Beckenbauer und Gerd Müller egalisierte.
"Ausgerechnet"-Moment für Goretzka
Wie Musialas Treffer war auch das 2:0 ein "Ausgerechnet"-Moment. Denn nicht Harry Kane oder Michael Olise schossen das 102. Tor, sondern Leon Goretzka, für den der Rekord-Treffer auch eine Belohnung für seine Beharrlichkeit ist.
Als die Bayern im Sommer 2024 Vincent Kompany als neuen Trainer verpflichteten, galt der Mittelfeldspieler als Verkaufskandidat und saß zeitweise auf der Tribüne. Doch statt das Weite zu suchen, blieb Goretzka in München, ackerte im Training und schaffte es zurück in die Startelf.
Vincent Kompany nach dem Sieg über St. Pauli
Goretzka erfüllt seinen Vertrag
Eine Geschichte, die sich diese Saison auf ähnliche Art wiederholt. Schnell war klar, dass Kompany in den wichtigen Spielen nicht mehr auf Goretzka, sondern auf Pavlovic an der Seite von Joshua Kimmich auf der Doppel-Sechs baut.
Der Verein signalisierte: Goretzkas auslaufender Vertrag wird nicht verlängert. Im Winter hätte der gebürtige Bochumer erneut wechseln können, Top-Klubs aus Spanien und Italien sollen äußerst interessiert gewesen sein. Wieder entschloss er sich für einen Verbleib. Stand heute: Die richtige Entscheidung.
Kompany freut sich für Rekordtorschützen Goretzka: "Typisch Leon"
"Wenn ein Spieler an seine Momente glaubt, dann ist es Leon. Dass er jetzt dieses Tor macht und unseren Stürmern diesen Rekord nimmt, ist auch typisch Leon. Für mich ist er ein ganz großes Beispiel für die Jungs", freute sich auch Kompany für Goretzka.
Dabei war Goretzka die Signifikanz seines Treffers zunächst gar nicht bewusst. "Ehrlich gesagt wusste ich das gar nicht", schmunzelte er. "Ich musste mir auch erstmal erklären lassen, welcher Rekord es war. Es ist insofern ganz nett, weil ich bis jetzt in den Geschichtsbüchern eher mit dem schnellsten Eigentor der Bundesliga stand."
Kompanys unwahrscheinlicher Weg zur Bestmarke
Das dritte "Ausgerechnet" war weniger ein spezieller Moment als vielmehr die Ausgangslage für die neue Bestmarke. Denn dass ausgerechnet eine durch Kompany gecoachte Mannschaft Beckenbauer und Co. verdrängt, hätten sich auch die optimistischsten Bayern-Fans nicht träumen lassen.
Einerseits, weil der Belgier bei seinem Amtsantritt weder die erste, noch die zweite oder dritte Wahl der Vereinsführung war. Andererseits, weil der ehemalige Innenverteidiger sich als Aktiver nicht mit seinen offensiven Fähigkeiten einen Namen gemacht hatte, sondern durch das Verhindern von Toren.
Trotz des Torrekords ist Kompany mit seiner Arbeit nicht am Ende. Drei Titel sollen es in dieser Saison für die Bayern werden. Sollte dem Team das Triple gelingen, könnte mit Blick auf Kompanys Werdegang eine englische Floskel Einzug in den Sprachgebrauch der deutschen Fußballwelt nehmen: "Don't judge a book by its cover".
Jamal Musiala
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