Mit spürbarer Spannung war die Council-Sitzung des Weltfußballverbandes in Zürich erwartet worden, dünner hätten die Ergebnisse nach der dreieinhalbstündigen Krisensitzung aber nicht ausfallen können. Auf die vielen Fragen rund um den in der Kritik stehenden FIFA-Präsident Gianni Infantino gab es keine zufriedenstellenden Antworten, die Gegner des gebürtigen Schweizers reisten frustriert wieder ab - und eine Alternative zu Infantino ist noch nicht greifbar.
"Nicht nur Freunde, sondern auch Feinde"
Die Council-Mitglieder der Europäischen Fußball-Union (UEFA) hatten für Donnerstag mehrere Punkte auf die Agenda gehoben: darunter Infantinos Vorhaben, Anteile an FIFA-Turnieren an Personen aus dem Umfeld von US-Präsident Donald Trump zu verkaufen, die Verleihung des FIFA-Friedenspreises an letzteren oder der "Fall Balogun" bei der WM 2026 in Mexiko, Kanada und den USA. Dahingehend offene Fragen sollen möglicherweise noch schriftlich bis zur nächsten Council-Sitzung im Dezember in Doha beantwortet werden. Einen genaueren Zeitrahmen ließ sich der Verband nicht entlocken.
Ein undurchsichtiges und vor allem eigensinniges Vorgehen wie dieses ließ Infantino in den vergangenen Monaten immer mehr in die Kritik geraten. Einen Gegenkandidaten für die Wahl im März 2027 im marokkanischen Rabat hat die UEFA noch nicht gefunden. Das Vorhaben erweist sich jedoch als äußerst knifflig. "Das ist ein Job, den man mögen muss - und für den es die richtigen Voraussetzungen braucht", meinte Hans-Joachim Eckert, früherer Münchner Richter und ehemaliger Vorsitzender der FIFA-Ethikkommission, fasste im Interview mit BR24Sport.
So muss ein Kandidat für den Posten des FIFA-Präsidenten mindestens fünf Jahre im Fußball tätig gewesen sein und etwa kein anhängiges Strafverfahren haben. "Da müssen sie schon suchen, wer das überhaupt machen möchte. Denn man macht sich nicht nur Freunde, sondern auch viele Feinde", so Eckert.
Schwierige Aufgabe: Infantino sitzt am Geldhahn
Doch selbst wenn sich ein Name finden sollte, auf den sich die Infantino-Gegner einigen können - die Wahl ist damit noch lange nicht gewonnen. "Es ist gar nicht so einfach gegen ihn anzutreten, wenn Infantino am Geldhahn sitzt", merkte Eckert an. Was er damit meint? "Er versteht es glänzend sich mit den Geldern der FIFA das Wohlgefallen der Verbände zu sichern, indem er manchmal eine Million, zwei Millionen - mittlerweile sind wir bei 20 Millionen Euro - verspricht. Gerade für die kleineren Verbände sind das horrend hohe Summen. Somit neigen einige Leute dazu, ihm die Stimme zu geben", erläuterte der 78-Jährige.
Wiederwahl von Infantino? "Dürfte nicht kandidieren"
Am Ende des Tages muss ein System bezwungen werden, welches Infantino seit seinem Amtsantritt im Februar 2016 zu seinen Gunsten zu lenken wusste. "Ursprünglich war vorgesehen, dass der Generalsekretär die Verträge abschließt, die Öffentlichkeitsarbeit übernimmt und die rechtlichen Rahmenbedingungen prüft und setzt", sagte Eckert. "Was hat Infantino gemacht? Er hat alle Entscheidungen an sich gezogen."
Ohnehin stößt sich der frühere Münchner Richter generell an einer möglichen Wiederwahl von Infantino an. Normalerweise dürfen FIFA-Präsidenten nur drei Amtszeiten bekleiden - und genau genommen, ist der Schweizer am Ende seiner dritten Periode angekommen. "Aus meiner Sicht dürfte er nicht kandidieren. Infantino war anfangs bereits [nach dem Rücktritt von Sepp Blatter; Anm.d.Red.] drei Jahre Präsident, ein Jahr hat ihm zur vollen Amtszeit gefehlt", so Eckert. "Bei der FIFA hat er aber natürlich ein paar Willige auf seiner Seite, die das nicht so sehen. Das ist das zentrale Problem: In den Statuten ist etwas auf diese Weise geregelt, Infantino findet aber Leute, die es anders machen wollen."
Ex-Ethikchef Eckert schlägt alternatives System vor
Um derartige Entwicklungen innerhalb der FIFA zu verhindern, müsste man laut Eckert das Amt des Präsidenten noch einmal überdenken. "Meine Vorstellung wäre, dass man ein rotierendes System einführt. Die jeweiligen Konföderationen stellen für zwei Jahre den Präsidenten, die Reihenfolge wird zuvor ausgemacht", erklärte er. "Nach zwei Jahren geht der alte Präsident, ein neuer kommt. In zwei Jahren hat man zu wenig Zeit, um irgendwelche Abhängigkeiten aufzubauen."
Von einer solchen Revolution ist man im Weltfußballverband aber noch weit entfernt, am 18. März 2027 soll der FIFA-Präsident gewählt werden. Für die Infantino-Gegner tickt die Uhr: Die Frist für die Nominierung einer Alternative läuft am 18. November ab, die UEFA will aufgrund der Kandidatenfrage zuvor nochmals zusammenkommen.
FIFA-Präsident Gianni Infantino will in seinem Amt bestätigt werden

