Der erste Eindruck zählt, der letzte Eindruck bleibt – münzt man das altbekannte Sprichwort auf die beiden ersten Länderspiele in der Karriere von Torhüter Jonas Urbig um, darf letzterer sich allmählich an die Nummer eins auf seinem Rücken gewöhnen. Zwar verpasste die deutsche Nationalmannschaft am 4. Spieltag der UEFA Nations League gegen Griechenland vor knapp 28.000 Zuschauern im Stadio Toumba in Thessaloniki den Sieg (0:0), den Punktgewinn hatte die DFB-Elf aber vor allem ihrem Keeper zu verdanken.
Urbig ist im wichtigsten Moment des Abends da
Urbigs Debüt gegen Serbien am zurückliegenden Donnerstag verlief weitestgehend ereignislos, lediglich ein einziges Mal musste der 23-Jährige ohne große Herausforderung eingreifen. Eine Premiere ohne Gegentor – aber eben auch ohne erinnerungswürdige Auszeichnung. So kam es der etatmäßigen Nummer zwei des FC Bayern München nur allzu gelegen, von Bundestrainer Jürgen Klopp auch drei Tage später zwischen den Pfosten eingesetzt zu werden. "Es ist so, dass alle Jungs, die wir dabeihaben, bei ihren Vereinen regelmäßig spielen. Bei Jonas ist das anders", erörterte Klopp. "Diese Entscheidung hat mit dem Status der Nummer eins aber nichts zu tun."
Zumindest mag dies die Intention des 59-jährigen Übungsleiters gewesen sein. Urbig revanchierte sich für das Vertrauen jedoch mit einer Leistung, welche ein überzeugendes Bewerbungsschreiben für einen Stammplatz im deutschen Tor war. Gewissermaßen wurde dabei eine leise Vorahnung seitens des Rheinländers am Sonntagabend Realität. "Beim FC Bayern gibt es vielleicht erst in der 89. Minute den ersten Torschuss. Der Fokus liegt auf der mentalen Herausforderung, auch so spät noch wach und für diese eine Situation vorbereitet zu sein", hatte Urbig jüngst seine Qualität, im wichtigsten Moment der Partie da zu sein, unterstrichen. Gegen Griechenland trat diese zu Tage – wenn auch umgekehrt.
Nach nicht einmal 90 Sekunden lancierte der Europameister von 2004 seinen ersten Angriff, nach einer Flanke von Kostas Tsimikas kam Giorgos Masouras völlig frei am Fünfmeterraum zum Kopfball. Den Abschluss auf das rechte untere Eck kratzte Urbig mit einer Glanztat von der Linie, ganz im Stile seines großen Lehrmeisters Manuel Neuer.
Einer mit viel Aura: Urbig liefert auch ohne Ball ab
"Ich habe mich einfach gefreut, meinen Teil dazu beizutragen, dass wir gut in das Spiel starten", gab sich der Keeper anschließend am BR-Mikrofon mit Blick auf seine Parade bescheiden und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: "In dieser Sekunde war ich hellwach, obwohl es sehr spät war. Aber ich war froh, dass ich der Mannschaft helfen konnte."
Was Urbig neben seinen Qualitäten auf der Linie auszeichnet: Der Youngster ist auch am Ball äußerst sicher und kann in den Spielaufbau eingebunden werden. Gegen Serbien belief sich seine Passquote noch auf 80 Prozent, in Thessaloniki schraubte er den Wert auf beeindruckende 90 Prozent hoch. Doch auch abseits des Spielgeräts wusste Urbig zu überzeugen.
Als sich Fotis Ioannidis in der 61. Minute über den linken Flügel mit seiner physischen Art nach vorne ackerte und dabei unter anderem Malick Thiaw unsanft von den Beinen holte, knöpfte sich Urbig den 26-jährigen Stürmer vor und tauschte mit ihm ein paar – wohl nicht allzu höfliche – Worte aus. Eine Einsatzbereitschaft und Ausstrahlung, die ein Torhüter auf allerhöchstem Niveau benötigt und auch den Gegner hier und da verunsichern kann.
Wer bekommt die Nummer eins? Jetzt muss sich Klopp entscheiden
Als einziger Torhüter hat Urbig in der XXL-Länderspielpause zwei Partien für die DFB-Elf bestritten, darüber hinaus blieb er jeweils ohne Gegentor. Marc-André ter Stegen (1:1 gegen Niederlande) und Alexander Nübel (0:1 gegen Griechenland) mussten derweil hinter sich greifen. Und wie geht es nun weiter? Eine Kampfansage wollte sich der Nationaltorhüter nicht entlocken lassen. "Grundsätzlich ist es nicht meine Verantwortung, wer nominiert und aufgestellt wird", hielt er sich diplomatisch.
Eines steht jedoch fest: Auf seiner ersten Länderspielreise hat Urbig jedenfalls bewiesen, dass auch eine Nummer 2 im Verein der deutschen Nationalmannschaft ein Gefühl von Sicherheit geben und eine weiße Weste bewahren kann.
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