Nahezu exakt 18 Jahre nach seinem Profi-Debüt für den FC Bayern München hat Thomas Müller der Fußballwelt wieder einmal seine außergewöhnliche Raffinesse bewiesen. In der Nacht zu Montag versenkte der 36-Jährige einen indirekt ausgeführten Freistoß im Sechzehner ins rechte untere Eck und brachte damit den Sieg der Vancouver Whitecaps über die Seattle Sounders unter Dach und Fach (2:0). Ein weiteres Kunststück durch den Man of the Match, der abermals unterstrich: Allein für gute Laune ist er nicht nach Kanada gewechselt.
Thomas Müller: Die Gier und das Feuer sind noch da
Selbst in seinem für einen professionellen Fußballspieler etwas höheren Alter lodert in Müller weiterhin das Feuer der ewigen Gier. "Im Fußball unterschreiben wir Verträge, um zu spielen. Es geht um den Wettkampf, darum herauszufinden, ob man es immer noch draufhat", hatte der ehemalige Nationalspieler im Frühjahr erklärt und kurzerhand nachgeschoben: "Damit meine ich nicht unbedingt das Alter. Auch die jungen Spieler müssen sich diese Frage in jedem einzelnen Spiel stellen."
Schon bei seinem Wechsel in die Major League Soccer (MLS) vor einem Jahr war die Devise klar: Müller will Titel gewinnen und bei den Whitecaps, denen bis auf fünf kanadische Pokalsiege ein großer Triumph noch verwehrt geblieben ist, eine Ära einläuten.
Bei diesem Vorhaben befindet sich der bayerische Superstar auf einem vielversprechenden Weg. In der vergangenen Saison war erst im Finale der MLS-Playoffs gegen Inter Miami um Lionel Messi Endstation (1:3). Nach 20 Spieltagen in der laufenden Saison liegt Vancouver in der Western Conference auf Platz eins – auch dank Müller.
Müller braucht auch in der MLS nicht das Rampenlicht
Seine sechs Tore und zwei Vorlagen in 15 Ligaspielen sind dabei nur ein Aspekt seines Wirkens bei den "Caps". Im kanadischen Fußball lernen Fans und Beobachter nach und nach jene Qualitäten von Müller kennen, die ihn einst auch beim FC Bayern so unersetzlich gemacht haben.
"Ich glaube, Thomas versteht und weiß besser als viele andere, wie wichtig es ist, dass eine Mannschaft harmoniert", hob Trainer Jesper Sorensen auf einer Pressekonferenz das zwischenmenschliche Feingespür seines Starspielers hervor.
Dieses ist vor allem dann besonders ausgeprägt, wenn Müller eigentlich selbst im Rampenlicht steht. "Thomas könnte die Lorbeeren für seine Leistungen einfach selbst einstreichen. Aber er entscheidet sich dazu, sie auf seine Mitspieler zu übertragen. Ich finde, das ist großartig für die Mannschaft", führte Sorensen weiter aus.
Müller glänzt bei Skills Challenge
Gänzlich entziehen kann sich Müller dem Trubel rund um seine Person aber natürlich nicht. Sein Rekord bei der Skills Challenge der MLS-All-Stars Ende Juli hatte international für Schlagzeilen gesorgt. Mit einer goldenen Krone auf seinem Haupt nahm er auf einem überdimensionalen Thron Platz.
"Ich würde nicht sagen, dass ich dagegen bin", meinte er über das protzige Showevent. "Aber wenn ich mir den Kalender anschaue und sehe, dass das All-Star-Game mir vier Tage meiner Vorbereitung auf die wichtigen Spiele wegnimmt – dann bin ich kein großer Freund davon."
Müller lebt den "Weiter, immer weiter"-Gedanken
Früher haftete der MLS noch der Ruf der letzten Oase für die alternden Superstars an, die Vision des zweimaligen Champions-League-Siegers weist in eine komplett andere Richtung. Beim FC Bayern gilt seit einem legendären Ausspruch von Oliver Kahn das Credo "Weiter, immer weiter", welches Müller nun seinen Mitspielern in Vancouver einimpft.
"Wir wollen Tore erzielen, einen Fußball spielen, der Spaß macht. Wichtig für mich ist, dass wir eine Entwicklung nehmen und noch besser werden als vergangene Saison", unterstrich er seine Ambitionen mit den Whitecaps.
Im Leagues Cup und CONCACAF Champions Cup setzte es zwar jeweils das frühe Aus, in der Canadian Championship und der MLS träumt Vancouver aber noch vom Titel. Und wer weiß: Vielleicht wird der ewige Titelhunger des Thomas Müller am Ende der Saison ja doch noch ein weiteres Mal gestillt. Zumindest vorübergehend.
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