Endlich kann Jürgen Klopp auch offiziell das Präfix "Schatten" von seinem neuen Titel als Bundestrainer streichen. Nachdem der 59-Jährige mit seiner flapsigen "Noch"-Bemerkung zu Julian Nagelsmann noch vor dem ersten Gruppenspiel der Nationalmannschaft erste Ambitionen auf das Amt beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) hatte durchblicken lassen, war die Personalie nach dem WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft glühend heiß geworden.
Klopp als Heilbringer und letzte DFB-Hoffnung
Nach Tagen und Wochen, in denen die Verhandlungen zwischen der DFB-Spitze, Klopp und dem Red-Bull-Konzern als dessen (Ex-)Arbeitgeber mehr oder weniger öffentlich geführt wurden, folgte nun die offizielle Verkündung: Klopp übernimmt das DFB-Team.
Nach den Misserfolgen der vergangenen acht Jahre kommt dem Nachfolger des gebürtigen Landsbergers Nagelsmann gleichermaßen der Status als Heilsbringer und letzte Hoffnung zu.
Im Video: Jürgen Klopp übernimmt die deutsche Nationalmannschaft
Jürgen Klopp
Klare Unterschiede zwischen Klopp und Nagelsmann
Ähnliches galt vor Klopp zwar bereits für Nagelsmann, der bei der Heim-EM 2024 vielversprechende Ansätze gezeigt hatte, doch es sind die Unterschiede zu seinem Vorgänger, die Klopp zur Wunschlösung des Verbandes und der Nation machen.
Am offensichtlichsten ist dabei der Blick auf die jeweiligen Titelsammlungen. Nagelsmann kann da einzig mit der Deutschen Meisterschaft 2022 aufwarten, während Klopp neben zwei Bundesliga-Triumphen unter anderem auch mit einer Englischen Meisterschaft, einem Champions-League-Erfolg und diversen nationalen Pokal-Siegen vorweisen kann.
Im Video: Klopps erste Worte als Bundestrainer
Jürgen Klopp
Klopp-Autorität dank Resümee
Sicherlich: Nagelsmann ist 20 Jahre jünger als Klopp, der Vergleich ist also nicht restlos fair, doch Klopps Bilanz verschafft ihm eine Autorität, die ihn über jeden Zweifel erhaben machen dürfte, während Nagelsmann seine Profis von sich überzeugen musste.
Ein Unterfangen, das dem 38-Jährigen zumindest bei seinen beiden jüngsten Stationen mehr schlecht als recht gelang - Stichwort: Kommunikation. Diese löste bei Nagelsmann insbesondere in der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft immer wieder Diskussionen aus.
Kommunikation als Nagelsmann-Schwachpunkt
Leon Goretzka versprach er noch im März eine wichtige Rolle, setzte ihn im Turnier aber kaum ein. Andere Beispiele waren die öffentliche Kritik an Deniz Undav oder das Versprechen an Oliver Baumann, als Nummer eins in die USA zu fahren, nur um hinter den Kulissen Manuel Neuer zur Rückkehr zu überreden.
Gleichzeitig wurden nach dem Sechzehntelfinalaus Berichte laut, wonach Nagelsmann kaum Einzelgespräche geführt habe und wenig zugänglich für die Spieler gewesen sei.
Menschenfänger Klopp? "Konnte den Glauben spüren"
Ähnliches ist von Klopp nicht zu erwarten. Der langjährige Liverpool-Coach gilt als Menschenfänger erster Güte. "Was mich am meisten geprägt hat, war, dass er von der einen auf die andere Sekunde gemerkt hat, was du brauchst. Fünf Minuten vorher hat er dich noch im Training zusammengebrüllt. Du wusstest nicht mehr, wo rechts und links ist", berichtete zum Beispiel sein ehemaliger Schützling Sven Bender im Frühjahr bei "Blickpunkt Sport": "Im Trainingslager bist du dann eine halbe Stunde später zum Essen gegangen und er hat dich zur Seite genommen und gesagt: 'Komm, wir trinken jetzt einen Kaffee.' Ich sage: 'Ich trinke gar keinen Kaffee.' Meint er: 'Du trinkst jetzt einen Kaffee.' Dann hat er dir sofort in einer Minute wieder das Gefühl gegeben, du bist extrem wichtig."
Im Video: Sven und Lars Bender in "Blickpunkt Sport"
Sven und Lars Bender
Andy Robertson, Führungsspieler in Liverpool, schwärmte gegenüber "The Athletic" ebenfalls von Klopps Qualitäten: "Von dem Moment an, in dem ich durch die Tür gekommen bin, konnte ich den Glauben spüren, den alle in ihn hatten", erklärte der Schotte: "Er hat ziemlich viele Titel gewonnen, aber es geht mehr darum, wie er einem Klub und den Fans den Glauben zurückgegeben hat."
Schluss mit ideenlosem Ballgeschiebe beim DFB
Das ideenlose Ballgeschiebe der Blamage gegen Paraguay (3:4 i.E.) ist unter Klopp nicht zu erwarten. Sein Stil basiert vor allem auf Leidenschaft, Intensität und Laufbereitschaft - Dinge, die die Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren nicht nur aber auch unter Nagelsmann allzu oft vermissen ließ.
Dass die Probleme, die den deutschen Fußball seit beinahe einem Jahrzehnt plagen, damit Geschichte sind, ist nicht gesagt. Aber nach den jüngsten Ergebnissen ist klar, dass es frischen Wind braucht. Und was wäre frischer als das Gegenteil dessen, was man bisher hatte?
Im Video: Neuendorf und Watzke sprechen über Klopp-Verpflichtung
Bernd Neuendorf, Jürgen Klopp, Hans-Joachim Watzke




