"In Turin war ich dabei, 2006. Das Erlebnis bei der Eröffnungsfeier, das hat in mir schon etwas gemacht", erzählt der alpine Skirennfahrer Gerd Schönfelder. Von 1992 in Albertville bis 2010 in Vancouver hat er sechsmal an Paralympics teilgenommen und viele Eröffnungsfeiern erlebt, 1998 in Nagano auch als Fahnenträger.
Eröffnungsfeier als Motivationsschub
Für ihn sei die Zeremonie ein ganz besonderes Erlebnis gewesen: "Ich habe die Bilder gesehen, ich habe die Stimmung aufgesaugt und dann irgendwie gedacht: Morgen geht’s ab! Da will ich jetzt diesem großen Publikum, das wir ja auch gar nicht gewohnt sind, dass da so viel mediales Interesse und so viel Publikumsinteresse ist – da will man einfach seine Bestleistung abgeben. Das hat in mir nochmal so richtig die Motivation hochgefahren."
Dieses Gefühl konnte er in die Wettkämpfe mitnehmen, die anschließenden Erfolge geben ihm Recht. 16 Goldmedaillen hat der Skirennfahrer gewonnen. "Ich glaube nicht, dass das genauso gewesen wäre, wenn ich da nicht gewesen wäre, wenn ich diese Stimmung nicht aufgesaugt hätte", sagte der 55-Jährige im BR24Sport-Interview. Trotzdem hält er den deutschen Boykott der Eröffnungsfeier in Verona am Freitag für die "richtige Entscheidung".
Teilnahme von Russland und Belarus ein "No-Go"
Am Dienstag hat der Deutsche Behindertensportverband (DBS) bekannt gegeben, dass die deutschen Athletinnen und Athleten dem Einmarsch in die Arena von Verona fernbleiben werden. "Das hat zum einen organisatorische, sportfachliche Gründe, weil am Folgetag dann direkt die Wettkämpfe beginnen. Und zum anderen wollten wir damit auch ein respektvolles Zeichen der Wertschätzung und der Solidarität zur ukrainischen Delegation setzen", erklärte Marc Möllmann, DBS-Sportdirektor und Chef de Mission im ARD-Mittagsmagazin.
Denn anders als bei den Olympischen Winterspielen, an denen russische und belarussische Athleten nur unter neutraler Fahne teilnehmen durften, hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) beschlossen, sie unter ihren Nationalflaggen starten zu lassen und bei Siegen auch die Hymne zu spielen. Gerd Schönfelder findet diese Entscheidung "völlig unverständlich" vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine: "Das kann es einfach nicht sein, also das ist in der momentanen Situation ein No-Go."
Eröffnung ohne Athleten wie eine "Geburtstagsfeier ohne Geburtstagskind"
Er kritisiert vor allem die unterschiedliche Herangehensweise des IPC im Vergleich zum IOC. In seinen Augen könne man in diesem Fall Sport und Politik nicht trennen: "Es heißt ja immer so schön, Spiele sollten nicht politisch sein, aber man sieht ja, was das trotzdem für eine Bedeutung hat. Gerade bei Olympia, wo man sagt, es ist ein Miteinander, völkerübergreifend, friedvoll."
Insgesamt neun Länder, darunter die Ukraine, Kanada, Finnland und Tschechien haben die persönliche Teilnahme an der Zeremonie abgesagt, zudem beschloss dass IPC, dass die Fahnenträger von Freiwilligen ersetzt werden sollen. Ohne die Athleten zweifle Schönfelder an der "Sinnhaftigkeit einer Eröffnungsfeier". "Das ist wie eine Geburtstagsfeier ohne Geburtstagskind. Also es geht einfach gar nicht und dann kann ich es gleich komplett sein lassen."
Video: "Sinnhaftigkeit einer Eröffnungsfeier"? Gerd Schönfelder über deutsches Boykott
Gerd Schönfelder im BR24Sport-Interview
Hoffnung auf Umdenken des IPC
Schönfelder hoffe, dass diese solidarische Aktion beim IPC noch ein Umdenken anrege: "Wenn viele andere Nationen weiterhin diesem Beispiel folgen und diese Eröffnungsfeier boykottieren, dann denke ich, wird es da auch noch andere Entscheidungen hinsichtlich dieser geben."
Bei der digitalen Vorstellung der Athletinnen und Athleten wird Deutschland trotzdem dabei sein. Auch wenn der 16-fache Olympiasieger die Entscheidung des DBS unterstütze, sei es "natürlich schon schade, gerade in Verona. (...) Das ist eine ganz besondere Kulisse, da wäre man natürlich gerne dabei."

