Jan Ullrich ist der beste Radfahrer, den Deutschland je hatte. 1997 gewann er als bislang einziger Deutscher die Tour de France, fünfmal wurde er bei der prestigeträchtigsten Radrundfahrt Zweiter. Er gewann Olympiagold und die Vuelta a España. Mit seinen Sommersprossen, dem Ring im linken Ohr und seinen schnellen Brillen kurbelte sich Ullrich zum Publikumsliebling – und zu einer der größten Sportikonen Deutschlands.
- "Pizza & Pommes" – der BR24Sport-Podcast mit Felix Neureuther und Philipp Nagel. Die neue Folge jetzt anhören bei ARD Sounds und überall, wo es Podcasts gibt. Den Podcast gibt es jetzt auch als Videopodcast bei BR24Sport auf YouTube.
Doch auf den Höhenflug im Rennradsattel folgte ein jahrelanger Absturz. 2006 wurde Ullrich wegen seiner Verwicklung in den Dopingskandal um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes von der Tour de France ausgeschlossen, sein Vertrag mit dem T-Mobile-Team wurde fristlos gekündigt. Ein Jahr später beendete er seine Karriere. Der Internationale Sportgerichtshof CAS sprach ihn später des Dopings schuldig. Ende 2023 räumte Ullrich erstmals öffentlich ein, von 1996 bis 2006 gedopt zu haben.
Doping-Skandal, Drogen, Bewährungsstrafen, Schlagzeilen
Es folgte eine Abwärtsspirale: Alkohol- und Drogenabhängigkeit, Haftstrafen auf Bewährung und immer neue Schlagzeilen in der Boulevardpresse. Aus dem gefeierten Radsporthelden wurde ein Mann, dessen Absturz über Jahre öffentlich begleitet wurde.
Im BR24Sport-Podcast "Pizza & Pommes" spricht Ullrich offen über diese prägende Phase seines Lebens. Im Gespräch mit den Hosts Felix Neureuther und Philipp Nagel beschreibt er, wie tief er damals gefallen war: "Bei mir war es wirklich so schlimm, dass links gehen bedeutet, aus dem Leben zu scheiden, und rechts der Versuch, noch mal ins Leben zurückzukommen. Also da ging nichts mehr geradeaus, sondern nur noch diese zwei Wege links, rechts."
Ullrich über Vaterrolle: "Ich muss ja eigentlich Vater sein"
Sein Absturz wurde von den großen deutschen Boulevardmedien über Jahre hinweg öffentlich dokumentiert. Kaum eine andere Sportlervita wurde in der Klatsch- und Tratschpresse derart ausführlich begleitet. Aus dem gefeierten Helden wurde ein Antiheld – aus dem Höhenflug ein Absturz. Doch Ullrich schaffte die Wende. "Natürlich habe ich mich dann entschieden fürs Leben – und dann hat es Klick gemacht." Plötzlich sei er bereit gewesen, Hilfe anzunehmen und für sich zu kämpfen: "Ich war bereit, zu kämpfen, mich rauszukämpfen." Eine besondere Bedeutung habe dabei seine Rolle als Vater bekommen. "Mir ist dann immer bewusst gewesen: Was bin ich eigentlich für ein Vater? Ich muss ja eigentlich ein Vorbild sein, aber ich will ein Vorbild sein. Ich habe da auch Verantwortung."
Der Sport half ihm aus der Sucht
Ullrich versuchte, wieder Struktur in sein Leben zu bringen, rauszugehen, den Kopf freizubekommen und seinen Körper zu spüren. Der Entzug von den Substanzen wurde dabei zu einer der größten Herausforderungen: "Und wenn du dann die Substanzen weglässt, dann kommt ja immer die härteste Zeit, weil der Körper hat sich dann gewöhnt dran. Erstmal diese Entwöhnung."
Auch der Sport half ihm auf dem Weg zurück. Ullrich fand seine Liebe zum Radsport wieder – eine Leidenschaft, die ihm lange abhandengekommen war. Mehr als vier Jahre lang sei der Sport, "der meine Liebe war und meine Leidenschaft und mein Beruf", zu einer "Hassliebe" geworden.
"Das hat alles dazugehört zu meinem Leben"
Wenn er in die Garage gegangen sei, sein Fahrrad gesehen habe und eine Runde drehen wollte, seien "sehr, sehr schnell schlimme Gedanken" an die dunkle Zeit zurückgekommen. Doch auch diese Phase hat Ullrich überwunden. Heute, so erzählt er, habe sich sein Leben wieder eingependelt. Er führe ein "sehr, sehr intensives, aber auch interessantes Leben". Auf die turbulenten Jahre blickt Ullrich inzwischen mit einer gewissen Nachsicht zurück: "Irgendwo sag ich heute: Das hat alles mit dazugehört zu meinem Leben und das hat es auch interessant gemacht."
Mittlerweile habe er zudem eine innere Ruhe entwickelt. "Ich muss die Welt nicht mehr einreißen", sagt Ullrich. Heute konzentriere er sich vor allem auf das, was ihm Freude bereitet – und auf seine Kinder.
