Das Gesehene hatten alle Beteiligten auch beim Bankett in der Nacht noch nicht verarbeitet. Was sich in den 90 Minuten auf dem Rasen des Pariser Prinzenparks abgespielt hatte, glich einer neuen Sportart oder zumindest einer Neuinterpretation dessen, was zuvor im Volksmund als "Fußball" bekannt war. Der FC Bayern hatte bei Paris Saint-Germain mit 4:5 verloren. Ein Ergebnis, bei dessen Einordnung sich alle Protagonisten schwer taten.
Dreesen: "Wenn du 2:5 hinten bist, bist du eigentlich tot"
Der Vorstandsvorsitzende, Jan Christian Dreesen, sprach in der Nacht von einem "historischen Tag. Es hat noch nie neun Tore in einem Halbfinalspiel der Champions League gegeben". Besonders der Spielverlauf war ihm in Erinnerung geblieben. In einem offenen Spiel waren die Münchner nach einem diskutablen Handelfmeter mit einem 2:3-Rückstand in die Pause gegangen. Nach Wiederanpfiff war der FC Bayern spielbestimmend, doch Paris stellte per Doppelschlag auf 5:2.
"Wenn du 2:5 hinten bist, bist du eigentlich tot", gab Dreesen zu. Doch die Spieler hätten anschließend Charakter bewiesen, lobte der Bayernboss. Die Mannschaft habe "den Mut, den Willen und das Vertrauen in sich selber, auch solche Rückstände immer wieder aufzuholen. Das war heute außergewöhnlich. Das zeichnet diese Mannschaft aus, und das haben wir so in dieser Weise noch nicht erlebt", führte Dreesen weiter aus.
Die Moralmonster schlagen wieder zu
"Viele wären da weggebrochen", erkannte auch Joshua Kimmich. "Trotzdem haben wir dann eine gute Mischung gefunden zwischen daran glauben, dass wir noch zwei, drei Tore machen können, und auch nicht komplett hinten aufmachen." Manuel Neuer richtete seine Kollegen nach dem Pariser Doppelschlag wieder auf, wie er hinterher berichtete: "Nach diesem fünften Gegentor bin ich zu ein paar Spielern gegangen. Ich habe daran geglaubt, dass wir hier doch noch was holen können, also mindestens das Ergebnis verbessern können."
Damit haben die Münchner nicht zum ersten Mal in dieser Spielzeit Moral bewiesen. Schon vor dem Hinspiel gegen Real Madrid hatte das Team von Trainer Vincent Kompany in Freiburg einen 0:2-Rückstand in einen Sieg gedreht. Der Vorbote vor dem Champions-League-Kracher in der französischen Hauptstadt war ein 4:3-Sieg in Mainz nach 0:3-Rückstand. Das Comeback von Paris schaffte die Mannschaft diesmal sogar ohne ihren Trainer. Kompany fehlte gelbgesperrt und wurde von seinem Assistenten Aaron Danks vertreten. Ihm sprach Dreesen noch in der Nacht ein Sonderlob aus: "Du hast einen fantastischen Job gemacht."
Eberl: "PSG hat sich schon in Budapest gesehen"
Auch Sportvorstand Max Eberl hob die Resilienz des Teams hervor. Die Pariser hätten sich nach dem 5:2 "abgeklatscht, als ob sie schon durch wären und nach Budapest fahren und du kommst gegen diese Kulisse zurück. Das ist für mich besonders." In der ungarischen Hauptstadt findet das Endspiel statt. Wer in dieses einzieht, ist nach dem gestrigen Abend längst nicht entschieden. "Wir fahren nach Hause, sind ein Tor im Rückstand und wissen, was zu tun ist. Die Allianz Arena ist auch ein Stück weit eine Festung und dann können wir hoffentlich feiern."
Kompanys außergewöhnliche Bitte an die Fans
Damit das Rund im Münchner Norden am Mittwoch in einer Woche zu einer solchen werden kann, nahm Trainer Kompany die Fans in die Pflicht und formulierte eine außergewöhnliche Bitte: "Wenn einer eine Karte gekauft hat und er fühlt sich nicht wohl, soll er zuhause bleiben und seine Karte an den Allerfittesten weitergeben." Der Coach setzt auf die Wucht der 75.000 in der Arena: "Wir müssen das Spiel gewinnen und diesen Support brauchen wir." Fraglich, ob irgendjemand, der eine Karte für das Rückspiel bekommen hat, freiwillig auf das Versprechen eines weiteren derartigen Spektakels verzichtet.
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