München ist Deutschlands Pendlerhauptstadt: 2024 pendelten rund 530.000 Menschen zur Arbeit in die Landeshauptstadt. Doch auch außerhalb der Ballungsräume wird viel gependelt, sagt Allister Loder, Professor für Mobilitätspolitik an der TU München. Dort gebe es "Hidden Champions", also Unternehmen mit vielen Arbeitsplätzen, die oft nur per Auto erreichbar seien.
Auch Einkommensschwächere pendeln
Das Auto ist in Bayern das wichtigste Verkehrsmittel. In der Oberpfalz, Oberfranken und Niederbayern liegt der Autoanteil bei über 70 Prozent, bayernweit bei 63 Prozent. Auch Familien mit niedrigem Einkommen haben deshalb oft ein Auto, weil es nicht anders geht. Bundesweite Daten zeigen: Sechs Millionen Haushalte mit Einkommen in den untersten 20 Prozent oder ohne Erwerbstätigkeit besitzen ein Auto.
Welche Maßnahmen würden die Pendler entlasten?
Die Bundesregierung möchte die Spritpreise für zwei Monate verbilligen. Ab 1. Mai sollen die Steuern auf Diesel und Benzin um 17 Cent pro Liter sinken. Das Ziel der Maßnahme: Konsum und Wirtschaft stützen sowie den Unmut vieler Pendler dämpfen. Hohe Tankstellenpreise haben politische Sprengkraft.
Senkung der Mineralölsteuer
Unsicher ist, ob die 17 Cent vollständig bei Autofahrern ankommen, denn der Staat legt keinen Verkaufspreis fest. Die Mineralölkonzerne sollen nachweisen, dass sie die Preissenkung weitergeben; außerdem soll das Kartellrecht verschärft werden.
Kritik kommt hier von der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer: Die Maßnahme sei zu wenig zielgenau, weil auch Wohlhabende profitierten. Auch die Grünen halten die Maßnahme für falsch, bei Verbrauchern kommt sie laut Nürnberger Konsumforschungsinstitut NIM aber gut an.
Grafik: So viel kostet Kraftstoff in Bayern
Recht auf Homeoffice?
Die frühere Grünen-Chefin Ricarda Lang fordert ein Recht auf Homeoffice. Manche Firmen hätten hier wohl Spielraum: Die Homeoffice-Tage sind seit Corona zurückgegangen. Laut bayerischem Landesamt für Statistik arbeiteten 2021 noch 67 Prozent an mindestens der Hälfte der Arbeitstage daheim, 2024 nur noch 50 Prozent, Tendenz sinkend.
Viele Firmen wollen ihre Mitarbeiter wieder im Büro sehen und lehnen gesetzliche Vorgaben ab. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft schreibt auf BR24-Anfrage, eine Vorgabe werde betrieblichen Abläufen nicht gerecht. Weil Büromitarbeiter Homeoffice machen könnten, Produktionsmitarbeiter aber nicht, sei sie außerdem ungerecht.
Pendlerpauschale
CSU-Chef Markus Söder fordert wegen hoher Spritpreise eine "deutliche und substanzielle" Erhöhung der Pendlerpauschale, möglichst rückwirkend zum 1. Januar 2026. Aktuell beträgt sie 38 Cent pro Kilometer ab dem ersten Kilometer.
Mobilitätsexperte Professor Allister Loder von der TU-München kritisiert, davon profitierten nicht die besonders Belasteten: "Ich muss ja erstmal so viel Geld verdienen, so viel Einkommenssteuer zahlen, dass ich einen größeren Betrag davon zurückerstattet bekommen kann."
BR24 auf TikTok: Was muss sich für Pendler ändern?
ÖPNV wie in Baden-Württemberg oder Österreich ausbauen
Für viele Pendler ist der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) derzeit keine Alternative: nicht nur wegen unpünktlicher Züge und S-Bahnen, sondern oft, weil es sie gar nicht gibt. Laut Mobilitätsbarometer ist Bayern bei der Entfernung zum nächsten Verkehrsmittel deutschlandweit Vorletzter.
Baden-Württemberg liegt auf Platz 3; grundsätzlich ist die Zufriedenheit mit dem ÖPNV dort höher. Das Land arbeitet mit einer Mobilitätsgarantie: Von fünf bis 24 Uhr sollen alle Orte erreichbar sein, im ländlichen Raum mindestens stündlich. Daran lehnt sich ein Vorschlag der bayerischen Grünen an: alle Orte mindestens stündlich anbinden, notfalls per Rufbus oder Ruftaxi. Bayern ist aber größer und dünner besiedelt als Baden-Württemberg; dichter ÖPNV ist hier schwerer und teurer zu organisieren.
Auch Österreich und die Schweiz hätten laut Loder einen besseren Nahverkehr. Dort gelte der ÖPNV als öffentlicher Service, der kosten dürfe. In Deutschland dagegen sollen Verkehrsbetriebe betriebswirtschaftlich funktionieren, während Bürger bessere Erreichbarkeit wollen. Ein Widerspruch.
Langfristig sieht es für Pendler besser aus
Langfristig könnten Spritpreise für Pendler weniger problematisch werden: E-Autos werden günstiger, Digitalisierung könnte den ÖPNV in dünn besiedelten Gebieten verbessern. Besonders autonomes Fahren bietet laut Mobilitätsforscher Loder großes Potenzial: Selbstfahrende Kleinbusse könnten ein teures Bussystem zielgerichteter ersetzen.
Transparenzhinweis: Im Text hieß es, dass Ricarda Lang Grünen-Chefin sei. Wir haben dies korrigiert in "frühere Grünen-Chefin". Lang war 2024, wie auch der Co-Vorsitzende Omid Nouripour, aus dem Bundesvorstand zurückgetreten. Ricarda Lang ist Mitglied des Bundestages.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!
