In der Backstube "Kuchentratsch" im Münchner Westen verpackt Rentnerin Brigitte gerade Kuchen. Karottenkuchen. "Die meisten bestellen über das Internet", sagt sie. Einige holen die Kuchen im Café ab, der Rest wird mit DHL versendet. Es ist eine von rund 50 Bestellungen an diesem Tag.
Der Onlinehandel sei "ein großer Teil von dem, was wir hier machen", sagt Julia Höflinger. Die 30-Jährige kümmert sich unter anderem um den Online-Auftritt der sozialen Backstube. Was sie nicht wusste: Seit einigen Wochen finden sich mehrere Kopien der Seite im Netz: mit Bildern, Texten und dem Logo der Originalseite. Fakeshops. Täuschend echt.
Mehr als 119.000 Fakeshops im Netz
BR-Reporter zeigen Julia Höflinger die Fake-Seiten. Für sie sei es total überraschend gewesen: "Man denkt ja, das passiert eher einer größeren Firma und nicht unbedingt uns hier, der Oma-Backstube, die ein paar Kuchen in Deutschland verschickt." Vier Kopien existieren von ihrem Onlineshop. Es sind vier von mehr als 119.000 Fakeshops.
Gefunden hat dieses Netzwerk der IT-Unternehmer Benedikt Scheungraber aus München. Im Sommer stieß er auf den ersten Fakeshop. Es sei "ein typischer Take Down" gewesen, den seine Firma durchführte. Sprich: Ein Unternehmen beauftragte Scheungraber damit, einen Fakeshop aus dem Netz zu entfernen.
"Interessant wurde es dann beim dritten oder vierten, weil wir bemerkten: Das ist die gleiche Infrastruktur, das ist der gleiche Hosting-Anbieter, der gleiche Domain-Registrar. Das läuft auf den gleichen Servern." Über das Wochenende lässt er KI-Assistenten eine Analyse durchführen. Das Ergebnis: Rund 119.000 Fakeshops, 40.000 betroffene Unternehmen, Seiten in mehr als 40 Sprachen. Es ist das größte bislang bekannte Netzwerk an Fakeshops.
Besonders auffällig für Scheungraber: Es sind kleine Unternehmen, deren Seiten kopiert wurden. Unternehmen, die "wahrscheinlich gar nicht so schnell darauf aufmerksam werden, weil sie kein professionelles Monitoring haben".
IT-Sicherheitsexperte: Entwicklung besorgniserregend
"Man kann davon ausgehen, dass wir hier von einem globalen Netzwerk sprechen", sagt Dennis-Kenji Kipker, Professor für IT-Sicherheitsrecht an der Universität Bremen. Die Entwicklung sei "definitiv besorgniserregend, weil wir nicht nur sehen, dass immer mehr solcher Fakeshops in Umlauf kommen, sondern diese Fakeshops immer professioneller gestaltet sind", sagt Kipker im Interview.
BR-Reporter sprachen mit mehr als einem halben Dutzend Unternehmerinnen und Unternehmern in Bayern, deren Onlineshops von Kriminellen kopiert wurden. Alle erfuhren von den Reportern, dass sie Teil des Fakeshop-Netzwerkes sind. Darunter ein Juwelier, eine Brauerei und ein Möbelhersteller. Alle Fake-Seiten arbeiten mit Bildern der Originalseiten. Häufig sind Kontaktdaten der echten Unternehmen angegeben. Fast perfekte Kopien. Fast. Denn die Preise sind in Dollar, auf Desktop-Rechnern laden die Seiten schlechter, und die Internetadressen der Seiten enden alle auf ".Shop".
Hinzu kommen hohe Rabatte von 60–70 Prozent auf den Originalpreis. Neu seien vor allem die hohe Qualität und die schiere Masse der Seiten, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Goger von der Zentralstelle Cybercrime Bayern: "Die Täter agieren voll- oder teilautomatisiert." Um mitzuhalten, setzen auch die Ermittler auf Künstliche Intelligenz bei der Analyse von Webseiten. Schwierig macht es die arbeitsteilige Struktur der Täter: Die Gruppierungen vermieten oder verkaufen die Betrugssoftware, Geldwäschenetzwerke monetarisieren die erbeuteten Kreditkarten. Und die Ermittler stoßen auf rechtliche Hürden: "Cybercrime ist grenzenlos, unsere Befugnisse enden an den deutschen Grenzen", so Goger.
Netzwerk "DoppelCart" – doppelter Betrug
Der IT-Unternehmer Scheungraber nennt das Netzwerk, das er entdeckte, "DoppelCart", also "zweifacher Einkaufswagen". Denn Verbraucher, die auf den Fake-Seiten einkaufen, würden doppelt betrogen, wie Scheungraber erklärt: "Einmal der offensichtliche Betrug. [Kunden] bestellen Ware und bekommen sie nicht, haben aber dafür bezahlt."
Das Zweite, so Scheungraber, ist der eigentlich größere Schaden: Die Seite greift Kreditkartendaten direkt bei der Eingabe ab (Phishing). "So können die Betrüger die Kreditkarte der Betroffenen plündern."
Frühere Recherchen des BR mit internationalen Partnermedien zeigten, dass hinter dieser organisierten Form des Phishing chinesische Kriminelle steckten. Auch im Fall von DoppelCart führen die Spuren nach China.
Chinesische Cyberkriminelle hinter Netzwerk?
Scheungraber entdeckte, dass der Server, auf dem mehr als 90 Prozent der Seiten laufen, in China steht. Hinzu kommen Analysen, die zeigen, dass die Betrugssoftware auf Chinesisch programmiert ist.
Dass die Spur nach China führt, ist für den Cyberexperten Kipker "wenig überraschend". Man habe in China eine etablierte E-Commerce-Industrie mit den nötigen Programmierkenntnissen für solche Fakeshops. Im DoppelCart-Netzwerk sind 69 Seiten auf Chinesisch – von rund 119.000. Die Täter scheinen den chinesischen Markt nicht direkt anzugreifen.
BR-Reporter konfrontierten die Hostingprovider sowie den Anbieter von ".shop"-Adressen mit den Erkenntnissen zu dem Betrugsnetzwerk. Sie antworteten weder auf die Frage, ob sie von den kriminellen Aktivitäten wissen, noch ob oder welche Schritte sie dagegen unternehmen.
Check für Unternehmer: Datenbank betroffener Firmen online
Nachdem Benedikt Scheungraber Anfang September das Netzwerk aufdeckte, veröffentlichte er seine Erkenntnisse auf der Homepage seines Unternehmens [externer Link]. Firmen können dort überprüfen, ob Fakeshops ihrer Marken existieren. Er habe zahlreiche Rückmeldungen erhalten – auch von Firmen, deren Kunden Geld und Kreditkartendaten verloren hätten.
Im Fall von Kuchentratsch, der sozialen Backstube in München, sei das noch nicht geschehen, sagt Julia Höflinger. "Wir nehmen das ernst. Wir versuchen, das zu melden. Wir versuchen, rechtliche Schritte einzuleiten", sagt die Unternehmerin. Ihr gehe es darum, Vertrauensverlust bei Kunden zu verhindern. Die Rentnerin Brigitte sagt zu den Fakeshops: "Also ich find's furchtbar, ehrlich gesagt." Dann verpackt sie den nächsten Kuchen.
Woran Sie "DoppelCart"-Fakeshops erkennen
- Verdächtige Web-Adresse „.shop“: Die Internetadressen des Netzwerks enden in mehr als 90 % der Fälle auf die Toplevel-Domain „.shop“.
- Abweichende Währung: Obwohl die Seiten auf Deutsch verfasst sind und Ware anbieten, sind die Preise in der Regel in US-Dollar ($) ausgewiesen.
- Unrealistische Rabatte: Die Fakeshops locken mit Nachlässen von 60 bis 70 Prozent auf den Originalpreis.
- Kleine Unternehmen im Fokus: DoppelCart zeichnet sich dadurch aus, dass gerade kleine und mittelgroße Marken und Unternehmen kopiert werden.
- Kopierter Inhalt mit Fehlern: Bilder, Logo und Beschreibungstexte stammen 1:1 vom echten Unternehmen. Allerdings laden die Fake-Seiten auf Desktop-Rechnern oft spürbar langsamer oder fehlerhaft.
- Echte Kontaktdaten missbraucht: Lassen Sie sich nicht von realistischen Kontaktdaten täuschen – die Betrüger übernehmen die korrekten Kontaktdaten der kopierten Betriebe.
- Doppelter Schaden: Bei diesem Netzwerk geht es den Tätern nicht nur um das Geld für nicht gelieferte Ware, sondern vor allem um das Abgreifen Ihrer Kreditkartendaten (Phishing).
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