Von der Goldgräberstimmung, die noch vor ein paar Jahren herrschte, ist in der Wasserstoff-Wirtschaft nicht viel geblieben. Stattdessen kämpft die Branche schon länger mit einem Henne-Ei-Problem: Ohne Wasserstoff-Großabnehmer in der Industrie bildet sich keine Versorgungsinfrastruktur. Und ohne die, gibt es keine Abnehmer.
Der Erlanger Wasserstoff-Pionier Hydrogenious galt und gilt mit seiner sogenannten LOHC-Technologie als Vorreiter der Branche. Dabei wird Wasserstoff – an sich hochexplosiv und flüchtig –sicher in einer Trägerflüssigkeit gespeichert, etwa zu Transportzwecken. Weil der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft weiter stockt, sieht sich das Unternehmen zu einem weiteren Stellenabbau und einem Kurswechsel gezwungen.
Fast jede zweite Stelle gestrichen
Hydrogenious-Chef Andreas Lehmann spricht von schmerzhaften Einschnitten: Sein Unternehmen hat 50 der rund 100 Mitarbeitenden betriebsbedingt gekündigt. Überwiegend trifft es Beschäftigte am Firmensitz in Erlangen. Aber auch Jobs am Standort in Neuss in Nordrhein-Westfalen fallen weg. Die betroffenen Mitarbeitenden seien bereits Ende Januar "transparent zu den aktuellen Entwicklungen informiert" worden, heißt es. Sie bekommen laut dem Unternehmen eine "umfassende Unterstützung", etwa durch eine bezahlte Freistellungsphase und Beratungsleistungen.
Es ist nicht der erste Stellenabbau bei Hydrogenious. Erst vor gut einem Jahr, im Dezember 2024, hatte das Unternehmen 50 Arbeitsplätze gestrichen.
Fehlender Markthochlauf der Wasserstoffwirtschaft als Grund
Der Knoten beim Markthochlauf der Wasserstoffwirtschaft sei "noch nicht geplatzt", sagt Hydrogenious-Chef Andreas Lehmann. Die Branche habe "nach wie vor mit massiven Verzögerungen bei der Umsetzung von notwendigen regulatorischen Rahmenbedingungen" zu kämpfen, heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens. Von Absagen beziehungsweise Verschiebungen bei Schlüsselprojekten ist die Rede. Das wiederum sorge für "Zurückhaltung in der Privatwirtschaft", erklärt Lehmann. Die Folge: Die Wasserstoff-Wirtschaft tritt nach wie vor auf der Stelle.
Hydrogenious stellt sich strategisch neu auf
Weil die Wasserstoff-Wirtschaft nicht in Gang kommt, sieht sich das Erlanger Unternehmen gezwungen, seine Strategie neu auszurichten. Hydrogenious ist der Annahme, dass sich "der Wasserstoffmarkt auch im Jahr 2026 nicht spürbar positiv entwickeln wird." Deshalb konzentriert sich das Unternehmen nun auf einen von bislang zwei Geschäftsbereichen: Kleinanlagen zur Wasserstoffspeicherung und Wasserstofffreisetzung. In diesem Segment sei die Auftragslage "äußerst stabil".
Mit den nun geschaffenen Strukturen sei Hydrogenious künftig "unabhängiger von externen Einflüssen". Das von regulatorischen Grundlagen und von einem funktionierenden Markt für Wasserstoffimporte abhängigere Geschäft mit Großanlagen hingegen, legt das Erlanger Unternehmen auf Eis. Erst einmal. Hydrogenious lässt sich eine Hintertür offen. Die Arbeit an großskaligen Anlagen "kann und wird bei einer Besserung der Rahmenbedingungen im Wasserstoffmarkt jedoch wieder aufgenommen werden“, heißt es. Ob und wann das geschieht, ist allerdings unklar.
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