Ein großes Paket sei die Rente mit 63, hatte es vor zwölf Jahren geheißen, als die damalige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) das Konzept vorstellte: "Abschlagsfrei – für Menschen, die jahrzehntelang malocht haben."
Die Assoziationen, die das Wörtchen "malocht" hervorruft, sind bis heute geblieben. Maloche, das ist körperlich harte Arbeit. Nahles hätte auch "schuften" oder "ackern" sagen können – der Ton wäre genauso gesetzt gewesen.
Deshalb galt nun lange: Wer 45 Jahre lang hart körperlich gearbeitet hat, der soll Vorteile gegenüber denjenigen haben, die nur am Schreibtisch die Maus bewegen. Für Malocher soll der Ruhestand früher und ohne Abzüge beginnen, zum damaligen Zeitpunkt wäre das die Rente mit 63 gewesen. Aber dieser Vorteil könnte nun abgeschafft werden.
Rente mit 63 beziehen eher Menschen mit Schreibtischjob
Denn inzwischen ist klar: Der Plan ist nicht aufgegangen. Es gibt mehrere Untersuchungen, die das belegen. Die eindrücklichste ist wohl die des DIW, des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (externer Link). Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2024: Es sind eher Menschen mit guter Ausbildung und vergleichsweise wenig belastender Arbeit, die die "Rente mit 63" in Anspruch nehmen.
Mittlerweile verabschieden sich laut der Deutschen Rentenversicherung (externer Link) nur gut 40 Prozent aller Neurentnerinnen und -rentner zum gesetzlich festgeschriebenen Zeitpunkt in die Rente. Weitere 24 Prozent gehen als langjährig Versicherte in Rente und nehmen Abschläge in Kauf: Für jeden nicht gearbeiteten Monat sind das immerhin 0,3 Prozent weniger.
Und fast jeder dritte Neurentner (28,7 Prozent) nutzt die Möglichkeit, mit 45 Beitragsjahren früher als ursprünglich geplant aus dem Arbeitsleben auszutreten, ohne dabei weniger Geld zu bekommen – das sind die "Malocher", von denen Nahles 2014 sprach. In Zahlen ausgedrückt: Im Jahr 2024 waren das fast 269.000 Menschen.
Wer schwer arbeitet, scheidet oft früher aus
Eine Auswertung des IW Köln hat allerdings ergeben, dass die besonders langjährig Versicherten mit 45 Beitragsjahren überdurchschnittlich oft zum mittleren Einkommenssegment gehören, in der Tendenz eher männlich und eher nicht für die Kindererziehung aus dem Job ausgestiegen sind, und eher als Facharbeiter im Osten der Republik leben.
Dass die "wahren Malocher" aus der Gartenbau-, Fleischverarbeitungs- oder Baubranche nicht die Rente mit 63 in Anspruch nehmen, hat statistisch gesehen einen simplen Grund: Wer einen psychisch und/oder physisch besonders belastenden Beruf ausübt, scheidet mit größerer Wahrscheinlichkeit deutlich vor Erreichen der 45 Beitragsjahre aus dem Beruf aus und bezieht eine Erwerbsminderungsrente.
Übergang von Arbeit zur Rente verwischt zunehmend
Hinzukommt: Spätestens seitdem 2023 die Hinzuverdienstgrenze für Rentnerinnen und Rentner weggefallen ist und dieses Jahr die Aktivrente eingeführt wurde, verwischen die Grenzen zwischen Arbeits- und Rentenleben zusehends. Mehr und mehr Menschen gehen zwar eher in Rente als geplant, sie arbeiten danach aber noch weiter.
In dieser Gemengelage war es absehbar, dass die Rentenkommission nun das Ende der "Rente mit 63" vorschlägt. Und auch wer als langjährig Versicherter mit Abschlägen in Rente gehen möchte, müsste demnach trotzdem bis zum 64. Geburtstag arbeiten. Das würde die Rentenkasse schätzungsweise um rund zehn Milliarden Euro jährlich entlasten (externer Link).
Generell soll die Fokussierung auf die Beitragsjahre abgeschwächt werden. Statt der allgemeingültigen Ausnahmen sollen Einzelfallbetrachtungen die Regel werden. Wer nicht mehr arbeiten kann oder möchte, soll das unkomplizierter anmelden können und nach einer Gesundheitsprüfung entweder mit (Reha-)Unterstützung dazu befähigt werden, weiterzuarbeiten, oder einen Grad der Behinderung erhalten.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde es so dargestellt, als könnte man früher in Rente gehen und sich dann 2.000 Euro steuerfrei dazuverdienen. Das stimmt so nicht. Die Aktivrente kommt nur für Menschen infrage, die die Regelaltersgrenze erreicht haben.
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