Eigentlich sei sie schon immer so ein praktischer Mensch gewesen, sagt Vanessa Schmitt. Während ihres Studiums der allgemeinen Pädagogik stand sie dann in ihrer Küche und hat für eine Freundin eine Torte gebacken. Dabei hat sie realisiert, dass ihr das viel mehr Spaß macht als die Theorie an der Uni – und das Studium abgebrochen.
Am ersten September beginnt sie eine Ausbildung als Konditorin bei der Firma Eisenrieder, die unter anderem das Café Münchner Freiheit betreibt. Aufgeregt sei sie nicht, so die 20-Jährige, aber sie freue sich sehr. Genau wie die 21-jährige Julia Leu. Auch sie lässt sich ab Dienstag bei der Firma zur Konditorin ausbilden. Sie hat vorher ein paar Semester Lebensmitteltechnologie studiert.
Mehr Azubis mit Abitur oder Fachabitur als früher
Die Zahl der Azubis mit Abitur oder Fachabitur ist im Vergleich zu 2008 wesentlich höher. Damals waren es in Bayern etwa zehn Prozent, vergangenes Jahr ist die Zahl auf 14 Prozent angestiegen, wie aus aktuellen Zahlen des Forschungsinstitutes für Bildungs- und Sozialökonomie (FIBS) hervorgeht. Im Handwerk fangen die wenigsten Abiturienten an, allerdings hat sich der Anteil in den vergangenen rund 20 Jahren etwa verdreifacht und liegt jetzt bei gut zehn Prozent.
Tischler und Zimmerer bei vielen beliebter als die Uni
Der bayerische Handwerkspräsident Franz Xaver Peteranderl freut sich über die Entwicklung. Dies zeige, dass der Tag des Handwerks in Bayern wirke, den es seit dem Schuljahr 2022/2023 gibt. Seitdem müssen die Schulen an einem Tag verpflichtend über Karrierechancen im Handwerk informieren. Auch die Imagekampagne, die man seit 15 Jahren durchführe, bewirke, dass das Handwerk einen anderen Stellenwert bekomme, sagt Peteranderl. Vor allem Berufe wie Zahntechniker, Tischler oder Zimmerer sind bei den Abiturienten beliebt.
Das sind die beliebtesten Ausbildungsberufe von Abiturientinnen und Abiturienten.
Viele Ausbildungsplätze in Bayern noch unbesetzt
In Bayern beginnen zum ersten September rund 23.000 junge Menschen eine Ausbildung im Handwerk (externer Link), ein Plus von vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Peteranderl führt das auch auf das große Engagement von Kammern und Innungen bei der Gewinnung von Nachwuchs zurück, etwa auf Berufsmessen und in Schulen. In den IHK-Berufen ist die Zahl der Verträge hingegen um 4,5 Prozent gesunken (externer Link), auf knapp 40.000. Die wirtschaftliche Dauerkrise verunsichere Betriebe und Bewerber, sagt der Präsident des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages, Peter Inselkammer.
Viele Plätze blieben auch unbesetzt, weil die Betriebe keine geeigneten oder gar keine Bewerbungen bekommen hätten. Bei den Arbeitsagenturen in Bayern gibt es noch fast 10.400 unversorgte Bewerber. Gleichzeitig sind noch rund 25.600 unbesetzte Lehrstellen gemeldet.
Viele Arbeitgeber mit schulischen Leistungen unzufrieden
Dass die Quote der Azubis mit Hochschulberechtigung steigt, hänge auch mit dem Bildungssystem zusammen, sagt der Bildungsforscher Dieter Dohmen, der Direktor des FIBS. Viele Arbeitgeber würden die Erfahrung machen, dass einige Bewerber mit mittlerem Schulabschluss Probleme mit Deutsch und Mathe hätten. Das führe dazu, dass große Unternehmen für die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gerne darauf hinweisen, dass sie Abiturienten bevorzugen. "Da baut man dann in der Ausschreibung gerne ein paar Bausteine wie Personalführung ein, um die Stelle schmackhafter zu machen", so Dohmen.
Gleichzeitig sind die Anforderungen in vielen Ausbildungsberufen gestiegen. Und auch der KFZ-Mechaniker hat sich zum KFZ-Mechatroniker weiterentwickelt, bei dem Computer und komplexe Arbeitsabläufe zur Arbeit dazugehören.
Abiturient oder Mittelschüler – Betriebe entscheiden
Nehmen Abiturienten den Jugendlichen mit niedrigerem Schulabschluss die Ausbildungsplätze weg? Nicht unbedingt, sagt Dieter Dohmen, denn oft seien die Bewerber in verschiedenen Bereichen unterwegs. Klar sei aber auch, dass manche Betriebe Abiturienten aktiv umwerben. Allerdings entscheide sich ein Betrieb nicht automatisch für den Abiturienten, sagt der bayerische Handwerkspräsident Franz Xaver Peteranderl. Ein Mittelschüler könne auch einen Abiturienten ausstechen.
Wer nach der Ausbildung zusätzlich studieren wolle, bleibe dem Handwerk meist erhalten und könne dann vielleicht auch mal ein Unternehmen in dem Bereich übernehmen, sagt Peteranderl.
Meister statt Studium – Ausbildung eröffnet Karrierechancen
Bei Vanessa und Julia, die ihre Ausbildung als Konditorin in München beginnen, besteht diese Gefahr eher nicht. Denn die Studienerfahrung haben sie bereits hinter sich. Sie wollen nach ihrer Ausbildung dann vielleicht den Meister machen und weiter in dem Beruf arbeiten.
Im Video: Immer mehr Abiturienten machen eine Berufsausbildung
Alleine in Handwerk, Industrie und Handel haben am Dienstag über 63.000 Azubis ihre Berufsausbildung begonnen.
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