Spezialisten in Schutzanzügen entnehmen Gewächs- und Bodenproben in der Umgebung von Seveso, um sie auf giftige Rückstände zu untersuchen.
Spezialisten in Schutzanzügen entnehmen Gewächs- und Bodenproben in der Umgebung von Seveso, um sie auf giftige Rückstände zu untersuchen.
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Pflanzen- und Bodenproben wurden vor 50 Jahren in Seveso und Umgebung gesammelt und auf Rückstände von Dioxin untersucht.
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Pflanzen- und Bodenproben wurden vor 50 Jahren in Seveso und Umgebung gesammelt und auf Rückstände von Dioxin untersucht.

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50 Jahre Seveso-Katastrophe: So wirkt das Gift noch heute

50 Jahre Seveso-Katastrophe: So wirkt das Gift noch heute

Am 10. Juli 1976 geriet in einem Chemiewerk in Seveso eine Reaktion außer Kontrolle und verursachte einen der größten Chemieunfälle weltweit: Dioxin trat aus und eine giftige Wolke verseuchte die Umgebung. Die Folgen werden bis heute erforscht.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Abend am .

Es war ein sommerlich-heißer Samstag, das Chemiewerk Icmesa in Seveso nördlich von Mailand war am 10. Juli 1976 eigentlich nicht in Betrieb. Dort wurde Trichlorphenol, Grundstoff für das Desinfektionsmittel Hexachlorophen, hergestellt. Beim Herunterfahren passierte ein Fehler: Die Anlage überhitzte sich, die chemische Reaktion nahm einen anderen Weg als sonst und es entstand die Verbindung "2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin" (TCDD), das giftigste Dioxin (externer Link). Schließlich zerbarst wegen des Überdrucks eine Sicherung, das Dioxin entwich aus dem Kessel, zog als giftige Wolke über die Umgebung und ging dort nieder – auch in Gärten, in denen Kinder spielten. Erst am nächsten Tag warnte die Firma davor, Obst und Gemüse aus der Nachbarschaft zu verzehren. Bald verdorrten Pflanzen dort, mehr als 3.000 Tiere starben. Kinder mussten wegen Verätzungen der Haut behandelt werden.

Chlor-Akne – und sonst nichts?

Zwei Wochen nach dem Unfall traf der Biochemiker Paolo Mocarelli von der medizinischen Fakultät der Universität Mailand in Seveso ein. "Wir haben befürchtet, dass auch Menschen sterben werden", erinnert sich der inzwischen 91-Jährige. Während das Katastrophengebiet evakuiert wurde, begann er mit seinem Team, die Betroffenen zu untersuchen und nahm Blutproben. Weil damals kein Labor auf der Welt Dioxin im Blut analysieren konnte, deponierte er einen Teil der Proben in Tiefkühltruhen.

Die einzige erkennbare medizinische Folge des Unfalls blieben zunächst rund 200 Fälle von Chlor-Akne, vor allem bei Kindern. Bis zu zehn Jahre dauert es, bis diese schwere Hauterkrankung abheilt. Kein Mensch war durch das Dioxin gestorben, deshalb sollte 1985 mit den Untersuchungen Schluss sein. Aber 1987 meldeten sich Forschende aus den USA: Sie hatten eine Methode zur Dioxinanalyse im Blut entwickelt. Damit begann elf Jahre nach dem Unfall die eigentliche Forschungsarbeit.

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Kind mit Chlor-Akne nach der Seveso-Katastrophe

Dioxin-Folgen nach Jahrzehnten

Als erstes fiel bei den Untersuchungen auf: Manche Menschen hatten trotz hoher Dioxin-Konzentration im Blut nicht unter Chlor-Akne gelitten. "Die individuelle Empfindlichkeit ist also sehr verschieden. Mit diesen sehr starken, neuen Daten haben wir entschieden, die betroffene Bevölkerung weiter zu beobachten", erzählt Mocarelli.

Dank präziser Daten für jede einzelne Person seit 1976 konnten erstmals die Langzeitfolgen (externer Link) von 2,3,7,8-TCDD untersucht werden, das seither "Seveso-Dioxin" heißt. Es zeigte sich unter anderem: Männer, die 1976 noch Kleinkinder waren, zeugten überwiegend Töchter. Ein Teil dieser Männer hatte auch weniger und weniger bewegliche Spermien. "Wir haben entdeckt, dass Dioxin viel stärker giftig wirkt, wenn man als Kind damit in Berührung kommt als in höherem Alter", so der Forscher.

Bei Mädchen führte der Kontakt mit Dioxin später zu Veränderungen des Menstruationszyklus’ und einer früheren Menopause. Sie wurden nicht so leicht schwanger und bekamen häufiger Brustkrebs als in vergleichbaren Bevölkerungsgruppen. Auch Lymphknotenkrebs und Leukämie traten bei ihnen öfter auf. Weitere Folgen waren Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Möglicherweise Folgen über Generationen

Die jüngsten Untersuchungen zeigen erstmals durch Dioxin ausgelöste epigenetische Veränderungen (externer Link). Das bedeutet: Nicht der genetische Code ist verändert, sondern an den Genen hängt an einer bestimmten Stelle ein Methyl-Molekül, das ihre Funktion beeinflusst. In Seveso betrifft das die heute etwa 50-jährigen Söhne von Frauen, die im Juli 1976 schwanger waren.

Eine der Veränderungen beeinflusst die Spermien-Produktion, eine weitere die Schilddrüse und das Skelettsystem, erklärt Paolo Brambilla, Biochemiker an der Universität Mailand-Bicocca: "In diesen zwei Bereichen ist der Effekt eindeutig." Bei einer dritten Veränderung, die mit chronischer Krankheit und Alterung verbunden ist, sind sich die Forschenden nicht sicher. Sie wollen diese Männer deshalb weiter beobachten, um zu schauen, ob die Veränderungen weitervererbt werden. In Tierversuchen wurden solche epigenetischen Veränderungen über drei Generationen beobachtet.

"Eine neue Ära"

Die Forschung könnte also noch lange weitergehen. Schon jetzt hat sie viel bewirkt, etwa die Seveso-Richtlinien der EU zur Sicherheit von Industrieanlagen. Für Paolo Mocarelli, der auch mit 91 Jahren noch aktiv forscht, war die Katastrophe eine Zeitenwende. "Weltweit begann eine neue Ära im Verhältnis zwischen Industrie und Umwelt."

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