Mit über 81 Prozent Wahrscheinlichkeit steuern wir laut National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) auf einen sogenannten Super-El-Niño zu – einen, der die Zwei-Grad-Marke im Zentralpazifik überschreiten könnte. Das ist in den vergangenen 150 Jahren erst viermal passiert.
"Der aktuelle El Niño ist in diesem Jahr besonders schnell stark geworden", sagt Andreas Fink vom Karlsruher Institut für Technologie im BR24-Interview für "Possoch klärt". Wir sind also bereits mittendrin.
Was macht diesen El Niño so gefährlich?
El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen: Normalerweise schieben Passatwinde warmes Pazifikwasser nach Westen. Wenn dieses System kippt, staut sich die Wärme vor Südamerika, und die globalen Luftströmungen verschieben sich. Was folgt: Dürren dort, wo Regen gebraucht wird, und Überschwemmungen dort, wo ohnehin zu viel Niederschläge fallen.
Zwei Grad wärmeres Wasser im Zentralpazifik klingt nach wenig. Für den größten Ozean der Erde ist es aber ein enormer Energieschub. Diesmal könnte die Anomalie laut Klimaforscherin Daniela Matei vom Max-Planck-Institut für Meteorologie sogar 2,5 Grad erreichen: Territorium, das Forscher umgangssprachlich als "Mega-" oder "Godzilla-El-Niño" bezeichnen. "Wir haben schon einen El Niño, und alle Vorhersagen zeigen, dass wir im Oktober, November, Dezember einen sehr starken Super-El-Niño bekommen könnten", sagt Matei.
Das Besondere diesmal: Der El Niño schaukelt sich auf einer wärmeren Atmosphäre hoch als je zuvor. Fink erklärt das Prinzip: El Niño sei eine Klimaschaukel zwischen Kalt- und Warmphasen, "aber die Schaukel oszilliert heute auf einem wesentlich höheren Energieniveau, mit mehr Wasserdampf in der Luft". Gleiche Schwingungsbreite, viel mehr Wucht. Extremregen werde dadurch noch extremer als 1877.
Im Video: 50 Millionen Tote durch El Niño 1877 – kann das heute wieder passieren? Possoch klärt!
Ein Planet im Ausnahmezustand
Die Auswirkungen betreffen den halben Globus. Matei skizziert: Sturzfluten entlang des Yangtse in China, Dürren in Südostasien mit eskalierenden Waldbränden, Überschwemmungen an der normalerweise trockenen Pazifikküste Südamerikas, ein geschwächter Sommermonsun in Indien. "Wir haben nicht nur Dürre, wir haben auch starke Regenfälle, richtige Sturzfluten", sagt Matei.
Dazu eine Rekordhäufigkeit von Supertaifunen über Südostasien, wie sie bereits beim Super-El-Niño 2015/16 zu beobachten war. Klimaforscher Mojib Latif ergänzt: Auch Europa ist nicht außen vor: Wenn Ernten weltweit ausfallen, steigen die Preise überall.
Fink mahnt zur Nüchternheit über den Unterschied zwischen Wissen und Handeln: "Es lässt sich einiges an Schäden und Menschenleben verhindern durch vorausschauende Aktionen, aber keineswegs alles." Das Beispiel Ahrtal zeigt, wie eine gute Wettervorhersage trotzdem in einer Katastrophe enden kann, wenn die Warnkette versagt. Dass Regierungen wissenschaftlich informierte Entscheidungen tatsächlich träfen, sei "ganz schwierig von unserer Seite zu beeinflussen".
Bald blind in den El Niño?
1877 wussten die Menschen nicht, was kommt. Heute wissen wir es dank mehr als 4.000 Messinstrumenten im Pazifik, die seit den 1990ern Echtzeitdaten liefern. Das Frühwarnsystem funktioniert. Aber es steht unter Druck.
Latif schlägt Alarm: Die USA finanzieren einen Großteil der Messbojen im tropischen Pazifik, also jene Instrumente, die El-Niño-Vorboten in 100 bis 300 Meter Tiefe erfassen. Trumps Kürzungen im Bereich Klimaforschung bedrohen genau dieses System. "Wenn diese Messbojen nicht mehr da sind, haben wir wirklich ein massives Problem. Das würde letzten Endes Millionen, vielleicht sogar Milliarden von Menschen betreffen."
Matei fügt einen Warnhinweis hinzu: Die Wahrscheinlichkeit eines sehr kalten Winters ab Januar sei durch den aktuellen El Niño deutlich erhöht. "Wir sollten unsere Gasspeicher im Blick behalten und uns nicht überraschen lassen."
Dieser Artikel ist erstmals am 24. Juli 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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