Der Bayerische Journalistenverband (BJV) feiert am Samstag sein 80-jähriges Bestehen. Inmitten der Feststimmung lautet die Frage: Wo steht Journalismus heute? Getrieben von der Digitalisierung, bedrängt von einem raueren gesellschaftlichen Klima.
- Zum Artikel: Wie KI den Journalismus unter Druck setzt
Der Vorsitzende des BJV, Harald Stocker, ist gelernter Industriemechaniker, er hat Maschinenbau studiert und wurde dann Wissenschaftsjournalist. Mit diesem Werdegang ist er selbst Beleg dafür, dass die Wege in den Journalismus vielfältig sind. Gerade diese Diversität wollen Verlage und Sender ausbauen, um die Gesellschaft in diesem Beruf noch breiter zu verankern.
Immer mehr Übergriffe auf Journalisten
Stocker begrüßt das in seiner Funktion als Vorsitzender des Bayerischen Journalisten-Verbands. Seit drei Jahren füllt er diese Aufgabe mit viel Energie und auch Leidenschaft aus, die aber auch nötig ist, denn die Übergriffe auf Journalistinnen und Journalisten nehmen zu, verbal wie körperlich. Vor allem die Hetze im Netz bereitet Harald Stocker große Sorge.
Dort würden von Journalisten veröffentlichte Fakten zunehmend nicht mehr als solche akzeptiert, sagt er. Die Folge sei, dass online so lange gehetzt werde, bis es dann auch zu realen Angriffen komme. Wenn man dem nicht entschieden entgegentrete, könne das den Journalismus – und damit die Demokratie – beschädigen.
Wirtschaftlich schwierige Bedingungen – und trotzdem wieder mehr Interesse
Neben dem rauer werdenden Klima erschweren wirtschaftliche Probleme die Arbeit. Verlage und Sender stehen unter Spardruck, im BJV ist der Bedarf an Rechtsberatung deutlich gestiegen. Und trotzdem nimmt das Interesse am Beruf wieder zu. Das sagt Karin Boczek. Sie hat an der Universität Eichstätt eine Juniorprofessur für Digitaljournalismus inne und sieht dort, dass nach jahrelanger Zurückhaltung junge Menschen wieder mehr in die Ausbildung drängen.
Auch, weil sie erkennen würden, so Boczek, dass Journalismus etwas anderes ist als "einfach nur seine Meinung bei YouTube oder Instagram reinzustellen", wie sie sagt. Es gehe um sorgfältige Recherche, Vielfalt, den verantwortungsvollen Umgang mit Quellen und andere professionelle Standards, die so in den sozialen Netzwerken oftmals nicht erfüllt würden.
KI im Newsroom: Wie viel Maschine verträgt der Kommentar?
Die journalistischen Kriterien müssen laufend weiterentwickelt werden – insbesondere durch die Digitalisierung und den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI). Medienhäuser wie zum Beispiel der BR haben inzwischen klare KI-Regeln formuliert. Doch über die Grenzen wird gestritten.
Auslöser einer aktuellen Debatte war ein Fall beim "Tagesspiegel", wo ein leitender Redakteur freigestellt wurde, nachdem bekannt geworden war, dass er Kommentare mit Hilfe von KI verfasst hatte (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt). Springer-Chef Matthias Döpfner stellte daraufhin öffentlich die Frage, warum Kommentare eigentlich nicht von KI geschrieben werden sollten.
Karin Boczek hat dieser Vorstoß nach eigenen Worten "wahnsinnig geärgert". Sie warnt, die Branche schneide sich "ins eigene Fleisch", wenn sie die Differenzierung zwischen menschlicher und maschineller Arbeit verwische. In einer Zeit, in der KI-generierte Fotos und Inhalte gezielt zur Desinformation eingesetzt würden, sei es besonders wichtig, dass Journalismus Transparenz herstelle: welche Standards gelten, wie wird gearbeitet, wo kommt KI zum Einsatz – und wo ausdrücklich nicht.
Lokaljournalismus als unersetzliche Nähe
Perspektivisch erwartet die Journalistik-Professorin Karin Boczek künftig einen noch stärkeren Fokus auf Lokal- und Regionalberichterstattung. Die Nähe zu den Menschen vor Ort, das genaue Hinschauen in Kommunen und Regionen, lasse sich durch keine KI ersetzen.
Zwischen Festakt und Realitätscheck
Zum 80-jährigen Jubiläum blickt der BJV also nicht nur zurück, sondern in eine bewegte Gegenwart. Vorsitzender Harald Stocker sieht den Berufsstand keineswegs im freien Fall, aber auch nicht auf einem Höhepunkt. Insgesamt, sagt er, stünden Journalistinnen und Journalisten "nicht komplett schlecht" da – doch bessere Zeiten habe es definitiv schon gegeben.
Ein ausführliches Gespräch von Journalistik-Professorin Karin Boczek mit dem BJV-Vorsitzenden Harald Stocker können Sie hier nachhören.
Im Video: Festakt 80 Jahre Bayerischer Journalisten-Verband
Festakt 80 Jahre Bayerischer Journalistenverband
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