Besucher der Wiesn feiern in einem Festzelt auf dem Oktoberfest.
Besucher der Wiesn feiern in einem Festzelt auf dem Oktoberfest.
Bild
Volle Tische in einem Festzelt auf dem Münchner Oktoberfest
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Felix Hörhager
Schlagwörter
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Felix Hörhager
Audiobeitrag

Volle Tische in einem Festzelt auf dem Münchner Oktoberfest

Audiobeitrag
>

"Erste Tage nur geweint": Wiesnpersonal klagt über Belästigungen

"Erste Tage nur geweint": Wiesnpersonal klagt über Belästigungen

Sexuelle Belästigungen auf der Wiesn treffen nicht nur Bedienungen und Besucherinnen. Auch Souvenirverkäuferinnen berichten BR24 von übergriffigen Gästen. Obwohl in den Zelten offiziell eine Nulltoleranzpolitik gilt.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Wenn Veronika B. morgens auf dem Weg zum Bierzelt ist, in dem sie während des Oktoberfests arbeitet, fragt sie sich, was sie an diesem Tag wohl wieder erwartet. Wird sie wieder Männer abwehren müssen, die sie küssen oder mit nach Hause nehmen wollen? Wird wieder jemand verlangen, dass sie sich für ein Foto auf seinen Schoß setzt? "Die ersten Tage habe ich nur geweint", sagt die 23-Jährige.

Immer wieder Belästigung und Übergriffe

Veronika B., die in Wirklichkeit anders heißt, ist eine von mehreren hundert Souvenirverkäuferinnen auf der Wiesn - und gegenüber BR24 erzählen sie und andere, dass sie in den Bierzelten immer wieder Opfer von Belästigung und Übergriffen werden. Veronika B. möchte anonym bleiben aus Angst um ihren Job, der für sie entscheidend ist: Die knapp 5.000 Euro, die sie während der 16 Wiesn-Tage verdienen will, brauche sie, um sich das Leben in München leisten zu können. Sie müsse sich das selbst finanzieren und bekomme keine finanzielle Unterstützung ihrer Familie.

Zwickmühle der Souvenirverkäuferinnen

Sie arbeitet in einem der großen Zelte, ihr Job: mit Souvenirs bepackt durch die Tischreihen des Zeltes laufen, um unter anderem leuchtenden Kopfschmuck in Form von Hasenohren zu verkaufen. Hendlhüte, Ansteckherzen, Pins und "Wiesn-Koks" verkaufen in vielen Zelten vor allem junge Frauen, wie sich bei Rundgängen durch mehrere Festzelte zeigt. Ein lukrativer Job, denn während der Wiesn können sie sich damit mehrere tausend Euro verdienen.

Das meiste Geld machen sie mit Trinkgeld. Vom Umsatz bekommt Veronika B. 20 Prozent ab. Deswegen sind Souvenirverkäuferinnen oft in der Zwickmühle: Wer auf grenzüberschreitende Avancen zu deutlich reagiert, riskiert weniger Trinkgeld. Aber genau das ist entscheidend für das Einkommen.

Anders als bei Kellnerinnen, die die Besucher mit Bier und anderen Getränken versorgen, ist das Souvenir-Geschäft oft kein Selbstläufer und die Interaktion mit den Besuchern wichtiger. Um ausreichend Trinkgeld zu bekommen, müsse man schon richtig flirten, sagt die 23-jährige Studentin.

"Viele wollen, dass ich mit denen nach Hause komme"

Besucher, die bereit sind, viel Geld auszugeben, erkennt die Souvenirverkäuferin sehr schnell. Amerikaner in den Boxen seien gute Kunden, wenn man etwas mit ihnen rede. Einerseits würden Männer am meisten Trinkgeld geben - auf der anderen Seite sind sie es, die immer wieder übergriffig werden, wie es auch Veronika B. in den vergangenen zwei Wochen mehrfach erlebt hat.

"Wenn man mit den Gästen redet und versucht, einen Hut zu verkaufen, dann werde ich auch mal angefasst", sagt die Studentin. Sie vermutet, dass die Männer gar nicht so an den Hüten interessiert sind: "Die kaufen auch nur diese Hüte, damit sie mit uns reden können und uns anfassen können." Bis zu 150 Euro habe sie mit einem Hut, der eigentlich rund 30 Euro kostet, schon verdient.

Für Trinkgeld nehme sie Situationen in Kauf, die ihr unangenehm seien: "Die Gäste fragen nach einem Foto. Die geben dir 5 Euro und dann muss ich neben denen sitzen, auf deren Schoß mit den Hüten." Bei manchen Sachen sage sie aber auch nein: "Die, die dich küssen wollen. Viele wollen alle meine Hüte abkaufen, damit ich mit denen die ganze Nacht bleibe und dann zu denen nach Hause mitkomme. Das haben mich schon viele gefragt, da habe ich Angst."

Kein Einzelfall

BR24 hat mit mehr als einem halben Dutzend Souvenirverkäuferinnen geredet. Mehrere schildern ähnliche Erfahrungen. So berichtet eine Souvenirverkäuferin aus einem beliebten Zelt, dass ihr mehrfach Männer in den Ausschnitt gegriffen haben. Andere erzählen von Gästen, die sexuelle Bewegungen andeuteten.

Wenn Souvenirverkäuferinnen bislang selbst nichts widerfahren ist, haben sie von Kolleginnen im Zelt mitbekommen, die nach eigenem Empfinden sexuell belästigt wurden. Der Großteil der Souvenirverkäuferinnen, mit denen BR24 gesprochen hat, wusste über das Hilfsangebot "Safe Space" Bescheid. Nutzen musste das bisher keine der Befragten.

Zusammenhalt unter den Kolleginnen

Stattdessen versuchen die Kolleginnen, im Team füreinander da zu sein. Veronika B. erzählt, dass sie mit ihren Kolleginnen ein "Mädelsteam" habe, das sich umeinander kümmert und in schwierigen Situationen füreinander da sei. Alle Souvenirverkäuferinnen, mit denen BR24 gesprochen hat, betonten, dass der Großteil der Gäste in den Festzelten freundlich sei und nicht übergriffig.

Nulltoleranzpolitik auf dem Oktoberfest

Wie reagieren die Festzelte auf Fälle sexueller Belästigung? Das Büro des Chefs der Wiesnwirte, Peter Inselkammer, teilt BR24 auf Anfrage mit: "Wir lehnen jede Art von Rassismus und Sexismus ab. Solche Verstöße akzeptieren wir in unseren Wiesnzelten nicht und melden sie auch an die Behörden weiter."

BR24 hat bei mehreren Zelten nach Maßnahmen nachgefragt, wenn es zu sexuellen Übergriffen kommt. Kufflers Weinzelt berichtet in diesem Jahr von einem Vorfall, bei dem sich ein Gast gegenüber einer Mitarbeiterin übergriffig verhielt. Security und Polizei seien umgehend hinzugezogen worden. Durch die überschaubare Größe des Zelts und viele Sicherheitsmitarbeiter sei stets ein Security in unmittelbarer Nähe. Man beobachte die Lage laufend und prüfe, wie sich die Schutzmaßnahmen weiter verbessern lassen.

Die Ochsenbraterei verweist auf eine enge Zusammenarbeit von Security, Zeltleitung und Service-Team und betont eine strikte Null-Toleranz-Regel: Bei jedem Anzeichen von Übergriffen – ob körperlich oder verbal, sexuell, rassistisch, sexistisch oder ausgrenzend – sollen die Sicherheitskräfte sofort eingreifen. Die verständigen dann die Polizei, die den Sachverhalt übernimmt. Ähnlich äußert sich auch Käfer's Wiesnschänke.

Wiesn-Zukunft noch offen

Das Zelt, in dem die Veronika B. arbeitet und das zum Schutz ihrer Anonymität nicht genannt werden soll, reagierte bis Redaktionsschluss nicht auf Anfrage von BR24. Ob Veronika B. im nächsten Jahr wieder auf dem Oktoberfest Souvenirs verkauft, weiß sie bislang noch nicht. Das Geld sei attraktiv, die Arbeit jedoch belastend.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!