Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den kanadischen Premier Mark Carney im Europaparlament empfing, schlug sie etwas vor, das es in der Geschichte der Union noch nie gab: Kanada als erstes assoziiertes Mitglied der EU. Carney bekam stehende Ovationen. "Wir befinden uns in einer neuen Zeit, in der es darum geht, Partner zu finden, auf die man sich verlassen kann", sagt Wirtschaftswissenschaftler Werner Antweiler von der University of British Columbia im BR24-Interview für "Possoch klärt". Kanada und die EU, so das Versprechen, könnten genau das füreinander sein.
Zwischen Trump und Xi: Die Mittelmächte schlagen zurück
Der Hintergrund ist klar: Trump verhängte Strafzölle auf kanadische Waren bis zu 50 Prozent, Carney brach die Verhandlungen mit Washington ab und verhängte Gegenzölle. Gleichzeitig dominiert China den globalen Markt für kritische Rohstoffe. Zwischen diesen beiden Giganten suchen Europa und Kanada den Befreiungsschlag.
Mark Carney ist dabei zur zentralen Figur geworden: ehemaliger Gouverneur der Bank of England, politische Mitte, rhetorisch präzise. Ian Lesser vom German Marshall Fund in Brüssel beschreibt seinen Wert so: Carney sage Dinge, die viele in Europa gerne sagen würden, bislang aber nicht sagten, und zwar nicht als Randpolitiker, sondern als eine der etabliertesten Persönlichkeiten des westlichen Establishments. In Davos formulierte Carney das Programm der Mittelmächte in einem Satz: "Wenn wir nicht mit am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte."
Politikwissenschaftler Achim Hurrelmann von der Carleton University in Ottawa bremst den Hype: Carney sei geschickt und werde in einer starken politischen Position wahrgenommen, aber er ist Premierminister eines Landes mit 40 Millionen Einwohnern. Und die stehenden Ovationen im Europaparlament sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Begriff "assoziierte Mitgliedschaft" rechtlich und inhaltlich noch vollkommen ungeklärt ist. Eine echte Vollmitgliedschaft Kanadas wäre nach EU-Vertragsrecht ohnehin ausgeschlossen: Nur europäische Staaten können beitreten.
Im Video: Kanada und die EU – Die "Guten" gegen USA und China? Possoch klärt!
Rohstoffe, Handel, Rüstung: Wo die Partnerschaft konkret wird
Wirtschaftlich hat die Allianz reale Grundlagen. Kanada verfügt über große Vorkommen kritischer Rohstoffe, die Europa dringend braucht, um unabhängiger von China zu werden. Hurrelmann benennt aber das strukturelle Problem: Langfristige Investitionen in Bergwerke und Verarbeitungskapazitäten brauchen fünf bis zehn Jahre Vorlauf und müssen dann gegen Chinas deutlich günstigere Preise konkurrieren, die durch niedrigere Umweltstandards möglich werden. Mehr Unabhängigkeit von Xi ist möglich, hat aber ihren Preis.
Beim Handel gilt Ähnliches: Trotz des seit 2017 provisorisch laufenden Freihandelsabkommens CETA – das bis heute nicht vollständig ratifiziert ist – gehen nur knapp acht Prozent der kanadischen Exporte in die EU. Die geografische Distanz, Sprachbarrieren und regulatorische Unterschiede ließen sich durch Abkommen allein nicht wegverhandeln. Zunächst, so Lesser vom German Marshall Fund, müsste CETA endlich vollständig ratifiziert werden, bevor man über assoziierte Mitgliedschaft redet.
Sicherheitspolitisch sind Kanada und die EU über die NATO ohnehin verbündet. Seit 2025 gibt es zusätzlich eine bilaterale Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft, Kanada darf als erstes Nicht-EU-Land beim Rüstungsprogramm SAFE mitmachen. Ein erstes Projekt ist bereits konkret: Kanada wählte den deutschen Hersteller TKMS als bevorzugten Anbieter für bis zu zwölf U-Boote. Lesser macht dennoch klar: Die USA militärisch zu ersetzen, ist für beide Seiten weder möglich noch das Ziel. Es gehe um Absicherung gegen Unberechenbarkeit, nicht um Scheidung.
Aus Flirt muss Substanz werden – bis zum Gipfel in Montreal
Das entscheidende Risiko benennt Politikwissenschaftler Hurrelmann direkt: Wenn in einigen Jahren jemand im Weißen Haus sitzt, der Europa und Kanada wieder freundlich behandelt, könnte die gesamte Annäherung als kurzfristige Trump-Reaktion enden. "Um die Beziehung wirklich zu intensivieren, braucht man einen langen, langen Atem."
Beim nächsten EU-Kanada-Gipfel am 29. und 30. Oktober in Montreal müsste also aus politischen Ankündigungen ein Programm werden: vollständige CETA-Ratifizierung, gemeinsame Investitionen in Rohstoffprojekte, Erasmus-Austausch, erleichterte Visa. Antweiler fasst die Logik zusammen: Kanada kann die Tür zu den USA nicht zuschlagen, um die Tür nach Europa ganz aufzumachen, aber die Tür nach Europa muss wesentlich weiter offen stehen als bisher.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
