Gut 20 Patienten betreut das Team von Stationsleiterin Eva Knapek auf der Station AP03, der Allgemeinpsychiatrie im Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren. Menschen in akuten Lebenskrisen, mit Depressionen oder leichteren Psychosen suchen hier Hilfe. "Manchmal geht es auch einher mit Suizidgedanken", sagt Eva Knapek. Es geht um Menschen, die dringend Hilfe brauchen und draußen keinen Therapeuten finden. "Die suchen dann in der Klinik Beratung und Hilfe."
Patientin Andrea: "Man ist nicht alleine"
Eine der Patientinnen ist Andrea. Sie leidet schon länger an Depressionen und Angststörungen. "Ich kann die Angst nicht mehr unter Kontrolle halten", sagt die Patientin. Dann fange ich an, die Ängste aufzubauschen, und es wird immer schlimmer. Und irgendwann kann ich mich selber nicht mehr beruhigen."
Seit sechs Wochen ist Andrea in der Klinik. Sie fühlt sich hier mit ihrer Krankheit verstanden und gut aufgehoben. "Man ist nicht alleine", erzählt Andrea. "Man kann die Verantwortung ans Pflegepersonal abgeben und nur für sich da sein. Und ich weiß genau: Wenn mich die Angst übermannt, gehe ich ins Pflegebüro und da ist jemand und hört mir zu."
Misshandlung, Missbrauch, Tod - die Schicksale gehen nah
Eva Knapek und ihr Team schaffen einen geschützten Raum und einen geregelten Tagesablauf. Sie helfen, eine Zukunftsperspektive zu schaffen, und sind auch mal einfach nur da. Oft handelt es sich um schlimme Schicksale - und das geht nah: "Es gibt Misshandlung, Missbrauch, Verlust von Partner oder Kind … Wir hören viele schlimme Geschichten. Von uns schaut keiner mehr gern Thriller an, weil wir die live erleben."
Ausnahmesituation: Geiselnahme auf der Station
Immer dabei im Klinikalltag ist auch das Personennotrufgerät. Mit einem Knopfdruck wird per Funk das Personal im ganzen Haus alarmiert und kann so im Ernstfall zur Hilfe kommen. Man könne eben nie wissen, wie ein Patient in einer Ausnahmesituation reagiert, sagt Eva Knapek.
Ihr schlimmstes Erlebnis war vor Jahren eine Geiselnahme auf einer anderen Station. Ein Patient stand plötzlich im Zimmer, bedrohte sie und drei Kollegen mit einer Pistole und gab sogar einen Schuss ab. "Das wurde dann durch das SEK gelöst", erzählt Eva. Später stellte sich heraus, dass es sich bei der Waffe um eine täuschend echt aussehende Reizgaspistole gehandelt hatte. Solche Fälle sind nicht die Regel, sondern die absolute Ausnahme, betont Eva Knapek. "Nur: Es kann Tag und Nacht immer sein und deswegen müssen wir gerüstet sein." Sie spricht nicht gerne über solche Zwischenfälle. Aber auch das gehört dazu.
"Mit einem Verband ist es nicht getan"
Seit 43 Jahren arbeitet Eva Knapek im Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren, schon als Kind wollte sie Krankenschwester werden. Für die 60-Jährige ist die Arbeit hier genau der richtige Job. "In der Psychiatrie sind eben Menschen in absoluten Ausnahmesituationen. Das heißt, das ist nicht mit einem Verband oder so getan", sagt Eva Knapek. "Hier darf ich noch kommunizieren. Ich darf selber Mensch sein und ich darf Menschen erleben in all ihren Färbungen, wie sie halt auch sind. Und das finde ich total schön."
Die Arbeit ist körperlich nicht sehr anstrengend, dafür aber seelisch. Man müsse aufpassen, dass man die Schicksale nicht zu sehr an sich ranlässt und mit nach Hause nimmt, sagt Eva. Doch in der Arbeit gebe es auch sehr viele schöne Situationen und Dankbarkeit bei den Patienten. Der schönste Moment für Eva Knapek und ihr Team: Wenn sie jemanden entlassen können in ein geregeltes Leben.
"Tschacka, gute Arbeit gemacht!"
"Wenn hier ein Patient rausgeht und sagt: 'Hey, danke, dass ihr mir weitergeholfen habt. Ich komme wieder, wenn es mir schlecht geht.' Das ist immer so der Moment, wo ich mir denke: 'Tschaka, gute Arbeit gemacht! Der hat keine Angst mehr vor der Psychiatrie, der traut sich, wieder hierherzukommen - alles gut!'" Denn Hilfe zu suchen bei psychischen Problemen ist noch längst keine Selbstverständlichkeit.
Sollten Sie selbst akut Hilfe benötigen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Beratung erhalten Sie unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222. Weitere Hilfsangebote gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.
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