Ein Blick durch vergitterte Fenster in den Innenhof des Bezirkskrankenhauses.
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BR24 vor Ort: Wie sieht das Leben hinter den Mauern aus?
Bildrechte: picture alliance / Armin Weigel | Armin Weigel
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Gefangen in der Psychiatrie: Krank oder gefährlich?

Gefangen in der Psychiatrie: Krank oder gefährlich?

Gut 2.500 Menschen leben in Bayern in einer forensischen Psychiatrie – also dem Maßregelvollzug, von einem Gericht angeordnet. Entweder weil sie psychisch krank oder weil sie suchtkrank sind. Wie sieht das Leben hinter den Mauern aus?

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio Bayern am .

An der B8, keine vier Kilometer vom Straubinger Zentrum entfernt, gegenüber dem Tierpark, erheben sich hohe Mauern und Zäune. Auf dem Schild vor dem Eingang steht "Bezirkskrankenhaus". Was zunächst harmlos klingt, ist eine forensisch-psychiatrische Klinik. Hier leben suchtkranke und psychisch kranke Straftäter.

Keine Unterbringung im Gefängnis

Für sie haben Gerichte die Unterbringung im sogenannten Maßregelvollzug angeordnet. Denn sie haben ihre ganz unterschiedlichen Taten in einem Zustand ohne oder mit verminderter Schuldfähigkeit begangen. Deshalb kommt für diese Menschen eine Unterbringung im Gefängnis nicht infrage. Der Maßregelvollzug soll laut der Landesbehörde "Zentrum Bayern Familie und Soziales" psychisch kranke Straftäter heilen oder zumindest ihren Zustand verbessern. Alkohol- und drogenabhängige Straftäter sollen von ihrer Sucht entwöhnt werden.

Gleichzeitig steht der Schutz der Allgemeinheit im Mittelpunkt, um eben zu verhindern, dass Patienten weitere Straftaten begehen können. Ziel ist es, die Menschen in einer forensischen Psychiatrie auf ein künftig straffreies Leben in der Gesellschaft vorzubereiten.

Klarer Tagesablauf für die Patienten

In Straubing stehen dazu 230 Therapieplätze zur Verfügung. Knapp 200 davon sind aktuell belegt, rund zwei Drittel durch psychisch kranke Straftäter. Über 300 Fachkräfte kümmern sich um die Patienten. Der überwiegende Teil sind Pflegekräfte, dazu kommen unter anderem Ärzte, Therapeuten, Psychologen und Sozialarbeiter. Die Kosten trägt der Freistaat.

Für die Patienten gibt es einen klaren Tagesablauf, wie Peter (Name von der Redaktion geändert) erzählt: "Morgens um sieben ist Aufschluss. Um viertel vor acht ist Morgenrunde. Und dann werden Therapieangebote gemacht, zum Beispiel Sport wie Fußball, Tennis, Tischtennis oder Arbeitstherapie. Wir kriegen jede Woche einen Wochenplan und müssen den ausfüllen."

Zehn Jahre hinter Klinikmauern

Peter hat eine psychische Erkrankung und ist in diesem Zustand straffällig geworden. Was er getan hat, will er nicht erzählen. Peter ist schon seit zehn Jahren in Kliniken für forensische Psychiatrie untergebracht. Der nächste Schritt sollen für ihn Lockerungsstufen sein, also begleitete und später unbegleitete Ausgänge – wichtige Schritte auf dem Weg zurück in die Gesellschaft.

So stabil ist Peter aber noch nicht. Manche Patienten leben schon deutlich länger im Maßregelvollzug als er. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist auch nach Jahrzehnten der Behandlung noch zu groß. Ob sie jemals aus dem Maßregelvollzug entlassen werden können, ist fraglich.

Nicht immer führen Therapien zu einem Erfolg

Ob zum Beispiel in der Metallverarbeitung in der Werkstatt oder mit Instrumenten im Musikraum – das Therapieangebot ist vielfältig. Psychosen, also eine krankhafte Verzerrung der Realitätswahrnehmung, werden hier aber auch medikamentös behandelt. Manchmal ist auch Zwangsmedikation notwendig – aber nur als letztes Mittel und nach richterlicher Anordnung. Auch bei suchtkranken Straftätern führen Therapien nicht immer zum Erfolg.

Im Gegenteil: Manchmal wird sogar ein Abbruch erwogen. So bei drei der vier Männer, die im August 2024 einen Pfleger als Geisel nahmen, um aus dem Bezirkskrankenhaus in Straubing zu entkommen. Ihnen drohte die Unterbringung in der Justizvollzugsanstalt. Aktuell wird den Männern vor dem Landgericht Regensburg der Prozess gemacht. Das Urteil soll noch diese Woche fallen.

Entlassung nur mit Gutachten

Wenn bei Patienten einer forensischen Psychiatrie die Therapie aber erfolgreich ist, werden sie entweder auf Bewährung oder vollständig entlassen. Dazu erstellt die Klinik ein Gutachten, auf dessen Grundlage ein Gericht entscheidet. 2009 wurde die ambulante forensische Nachsorge in Bayern eingeführt. Sie ist Aufgabe der Klinik, soll den Patienten auf dem Weg in die Gesellschaft begleiten und der Allgemeinheit weiteren Schutz bieten.

Klinikleiter Joachim Nitschke ist von diesem System überzeugt: "Es ist auch ganz wichtig, dass man das soziale Umfeld mit reinnimmt, um präventiv zu arbeiten. Und daher passiert auch viel weniger, als man allgemein denkt. Dadurch machen wir die Gesellschaft sicherer."

Rückfallquote: Maßregelvollzug versus Gefängnis

Auch die Zahlen geben dem System recht: Während über 60 Prozent der suchtkranken Straftäter rückfällig werden, die aus einem Gefängnis entlassen werden, sind es im Maßregelvollzug unter 20 Prozent. Bei psychisch kranken Gewalttätern liegt die Rückfallquote sogar nur im einstelligen Prozentbereich.

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