Alle Opfer des OEZ-Attentäters - acht Jugendliche und eine 45-Jährige Mutter - stammten aus Familien mit Migrationsgeschichte oder gehörten zur Minderheit der Sinti. Kein Zufall, der 18-jährigen Täter David S. nahm sie bewusst ins Visier. Auf seinem Computer fand sich ein Abschiedsbrief, den er am Tag des Attentats verfasst hatte, abgespeichert unter dem Dateinamen: "Ich werde jetzt jeden Deutschen Türken auslöschen egal wer". Auch der Zeitpunkt des Anschlags war ein klares Zeichen: Der fünfte Jahrestag des Massakers, das der norwegische Rechtsextremist Anders Breivik 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya verübt hatte. Zuvor hatte sich der Täter von München die gleiche Waffe besorgt wie der von ihm bewunderte Massenmörder Breivik.
Staatsregierung und Justiz beharrten auf Mobbing als Motiv
Dass der OEZ-Attentäter Rassist und Rechtsextremist war, wurde von den Ermittlern nie bezweifelt. Dennoch beharrten Staatsregierung und Staatsanwaltschaft jahrelang darauf, dass es sich um einen Amoklauf gehandelt habe, David S. sei vor allem deshalb zur Tat geschritten, weil er in der Schule gemobbt wurde.
Diese Festlegung hatte Folgen: Etwa, dass Betroffene der Tat dadurch zunächst keinen Anspruch auf Entschädigung aus einem Fond der Bundesregierung für Opfer rechtsextremer Gewalt hatten. Oder dass das OEZ-Attentat nicht in die offiziellen Statistiken zu extremistischer Gewalt aufgenommen wurde. Indem die Behörden Mobbing zum maßgeblichen Tatmotiv erklärten, attestierten sie dem Mörder David S. zudem eine Art Opferrolle - so empfanden es jedenfalls die Familien der Ermordeten.
Weil die Ermittler immer wieder versucht hätten, Verbindungen zwischen David S. und seinen Opfern zu finden, kritisiert Yasemin Kılıç, deren 15-jährger Sohn Selçuk im OEZ erschossen wurde: "Mein Mann wurde mehrmals zum LKA zur Aussage vorgeladen. Sie wollten irgendwie einen Zusammenhang finden zwischen dem Täter und unseren Kindern, aber keiner hatte irgendeine Verbindung zu ihm."
Hätten weitere Morde verhindert werden können?
Hinterbliebene wie Kılıç, die sich in der Initiative "München erinnern!" zusammengeschlossen haben, prangern zudem an, dass die internationalen Verbindungen von David S. kaum oder viel zu spät untersucht wurden. So war S. über eine Online-Plattform in Kontakt mit einem jungen Mann in den USA, der anderthalb Jahre nach dem OEZ-Attentat selbst einen Anschlag verübte, bei dem zwei Jugendliche getötet wurden.
Hätte dieser Doppelmord verhindert werden können, wenn die bayerische Polizei konsequent ermittelt und US-Behörden informiert hätte? Eine von vielen Fragen, die die Hinterbliebenen von einem Untersuchungsausschuss des Landtages geklärt haben wollen.
Im Audio: 10 Jahre OEZ-Attentat München
Amok oder Attentat? Der lange Streit um den Mord am OEZ
"Sie haben uns im Stich gelassen"
Darin soll es auch um die aus Sicht der Betroffenen schlechte Informationspolitik der Behörden gehen. Nach der Tat habe man Angehörige stundenlang im Unklaren gelassen über das Schicksal ihrer Kinder, Geschwister, Enkel, wodurch sie zusätzlich belastet und traumatisiert worden seien. Eine umfassende und professionelle Betreuung der Angehörigen und Überlebenden habe es nicht gegeben. "Sie haben uns im Stich gelassen", sagt Yasemin Kılıç.
Besonders schmerzt die Hinterbliebenen, dass sich staatlicherseits bis heute niemand bei den Angehörigen entschuldigt habe - insbesondere für die jahrelange Einstufung des rassistischen Attentats als Amoklauf. Im bayerischen Innenministerium sieht man dafür keinen Anlass: "Letztlich konnte die entsprechende Einstufung der Tat dann auch erst auf Basis der durch die Ermittlungen geschaffenen Faktenbasis erfolgen", heißt es auf BR-Anfrage.
Dass die Tat erst drei Jahre später als rechtsextremer Anschlag eingestuft wurde, sei "ein Indiz für die Sorgfalt" der bayerischen Polizei. Ganz anders beurteilt das die Münchner Opferberatungsstelle BEFORE, die mehrere Betroffene des OEZ-Attentats betreut: Die Neubewertung sei viel zu spät erfolgt. "Wird das Tatmotiv nicht er- oder anerkannt, kann kein anderer Schluss daraus gezogen werden, als dass der Wille, umfassend und tiefgehend zu ermitteln fehlt."
Yasemin Kılıç hat ihren Sohn verloren. Heute setzt sie sich mit anderen Hinterbliebenen dafür ein, dass die Tat nicht vergessen wird.
Kehrtwende nach massivem öffentlichen Druck
Zudem erfolgte die Kehrtwende der Staatsregierung erst, als der öffentliche Druck immer massiver wurde - von Anwälten der Hinterbliebenen, Landtagsopposition, Medien und der Stadt München. So gab die städtische Fachstelle für Demokratie drei wissenschaftliche Gutachten zum OEZ-Attentat in Auftrag, die alle zu dem Ergebnis kamen: Dass David S. als Schüler gemobbt wurde, sei für die Tat nicht ausschlaggebend gewesen, vielmehr gebe es klare Hinweise auf einen extrem rechten Hintergrund der Tat.
Yasemin Kılıç, deren Sohn Selçuk vor zehn Jahren im OEZ ermordet wurde, hofft, dass die Behörden aus ihren Fehlern lernen. Kılıç vermutet aber auch, dass das staatliche Verhalten kein reines Versehen war: "Es wurde jahrelang das Märchen erzählt von einem unpolitischen Amoklauf. Es war politisches Kalkül, um die Augen vor dem Problem des Rechtsextremismus zu schließen."
Im Video: BR24live zum Gedenken an die Opfer des OEZ-Attentats
Das Denkmal "Für Euch" zum Gedenken an die Opfer des Anschlags am OEZ in München
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