In Wiesau im Landkreis Tirschenreuth ist am Sonntag beim Gedenkakt "80 Jahre Flucht und Vertreibung" der Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht worden. An der Veranstaltung nahm unter anderem Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) teil.
Wiesau als Durchgangslager
Der Markt Wiesau spielte 1946 eine entscheidende Rolle als zentrales Durchgangs- und Sammellager für Hunderttausende sudetendeutsche Vertriebene. In dem kleinen Ort in der nördlichen Oberpfalz kamen rund 600.000 Menschen an. Daneben waren Furth im Wald im Landkreis Cham und Hof in Oberfranken Standorte von Grenzdurchgangslagern in Bayern. Sie waren die Hauptanlaufpunkte für vertriebene Menschen aus der ehemaligen Tschechoslowakei, wobei die Sudetendeutschen den Großteil der Ankommenden ausmachten.
Zeitzeuge in Wiesau
Einer von ihnen ist Heinz Leitner. Der heute 85-Jährige kam 1946 als kleiner Junge mit seinen Eltern in Wiesau an – als Heimatvertriebener aus der Gegend um Karlsbad. Er sei noch nicht mal in der Schule gewesen, erzählt er. Er kann sich nur schemenhaft erinnern.
Wiesau hatte 2.500 Einwohner: "Eine schwierige Situation – kurz nach dem Krieg: Versorgungsknappheit bei der einheimischen Bevölkerung, und dann kamen täglich Züge mit 1.200 Leuten hier an, die dann noch zusätzlich versorgt und weiterverteilt werden mussten", sagt Bürgermeister Michael Dutz (CSU).
Neue Existenz aufgebaut
Heinz Leitner lernte direkt nach der Schule bei seinem Vater den Beruf des Porzellanmalers. In einer Werkstatt hinter dem Wohnhaus in Wiesau baute sich seine Familie ein neues Leben auf. Sie veredelten und dekorierten filigranes Porzellan – mal üppig in Gold und royalem Blau, mal eher dezent mit Blümchen. Die Teller, Tassen, Kaffeekannen und Platten gingen in die ganze Welt. Noch heute stehen in der Werkstatt Pinsel, Flaschen mit flüssigem Gold und filigranes Porzellan. Ein großes Glasfenster vor der Werkbank sorgt für viel Licht.
Sieben Porzellan-Manufakturen in Wiesau
Die vielen Vertriebenen und Geflüchteten aus dem Sudetenland prägten den Ort Wiesau: Wie Heinz Leitner kamen viele aus der Gegend rund um Karlsbad und hatten Know-How im Porzellan-Handwerk. Die Leitners – wie einige andere – gründeten Porzellanmanufakturen. Insgesamt sieben Stück gab es früher in Wiesau.
Damals wurde nicht geklagt oder über die Vergangenheit geredet, es ging immer um die Zukunft. "Wie geht’s weiter, wie geht’s weiter?", so Heinz Leitner. Gemeinsam mit seiner Frau Monika hat er die Porzellanmanufaktur bis vor 15 Jahren geführt. Heute stehen noch einzelne Exemplare im ehemaligen Verkaufsraum.
Willkommenskultur bis heute
Eine offene Mentalität und viel Hilfestellung den Ankommenden gegenüber, das habe den Ort über Jahre hinweg geprägt, so Bürgermeister Michael Dutz. Monika und Heinz Leitner sagen, dass ihre eigene Biografie ihren Blick auf Geflüchtete in der Gegenwart prägt: "Wir sind zwar vertrieben worden, aber das sind genauso Flüchtlinge. Wir sind ja auch mit nichts gekommen."
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