"Es war ein reiner Überlebenskampf", sagt Abiturient Chris in einem TikTok-Video, kurz nachdem er sich am Mittwoch mit Zehntausenden weiteren Schülerinnen und Schülern in Bayern durch das Mathe-Abitur gekämpft hatte. Es ist der erste Jahrgang nach der Reform von G8 zu G9 und damit nach der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. Insbesondere Teil A, den die Abiturienten ohne Taschenrechner lösen müssen, sei eine "Katastrophe" gewesen, erklärt Chris. "Was waren das für Aufgaben?", fragt Ronny auf TikTok. Und im Video von Schülerin Jelina klingt es ähnlich: "Was war dieser A-Teil?" Im Gespräch mit BR24 erklärt die 19-Jährige aus Neufahrn bei Freising, sie sei nicht die beste Mathe-Schülerin, habe sich aber intensiv vorbereitet. Vom Prüfungsteil ohne Hilfsmittel habe sie etwas anderes erwartet. "Das war am Anfang gleich so ein Schock", erinnert sich Jelina.
Online-Petition fordert Hochstufung der Noten
Inzwischen wurde eine Online-Petition an den Landtag ins Leben gerufen. Die Prüfungsaufgaben des Mathe-Abiturs in Bayern seien in ihrer Komplexität kaum zu fassen gewesen, heißt es dort. Der Initiator fordert eine Hochstufung der Noten. Rund 2.000 Menschen haben bislang unterschrieben. Nicht jedoch die 19-jährige Jelina aus Neufahrn. Direkt nach der Prüfung sei die Aufregung ja meistens erstmal größer, erklärt sie. Wenn man dann die Ergebnisse bekommt, sehe es oft wieder anders aus. Sie glaubt jedenfalls nicht, dass der Großteil der Abiturienten durchfällt. Zudem erwartet sie von der Petition keinen Erfolg. Denn es ist nicht das erste Mal, dass sich Widerstand gegen ein angeblich zu schweres Mathe-Abitur regt.
Alle Jahre wieder?
Bereits 2021 hatten Schülerinnen und Schüler in einer Online-Petition gefordert, den Notenschlüssel im bayerischen Mathe-Abi anzupassen. Damals kamen rund 38.000 Unterschriften zusammen. Im Jahr 2019 hatten sogar mehr als 80.000 Menschen eine Petition mit derselben Forderung unterschrieben. Auch in anderen Jahren gab es Petitionen, zum Teil mit deutlich weniger Unterschriften. Am Ende half alles nichts, die Prüfungen zählten.
Zudem sind längst nicht alle Abiturienten derselben Meinung. Der 18-jährige Ferdinand aus München erklärt BR24 nach der diesjährigen Mathe-Prüfung: "Wenn man nicht komplett geschlafen hat in den letzten Halbjahren, war das machbar."
Landesschülersprecher: Machbar, wenn auch anspruchsvoll
Der Landesschülersprecher der Gymnasien in Bayern, Lukas Berger, hat sich unter Abiturienten umgehört. "Es waren definitiv einige schwere Aufgaben dabei, gerade im A-Teil. Insgesamt wurde das Abitur aber überwiegend als machbar, wenn auch anspruchsvoll, wahrgenommen", erklärt der 18-Jährige auf Anfrage. Die Lehrkräfte an seiner Schule in Untergriesbach im Landkreis Passau hätten das Mathe-Abitur ebenfalls als fair eingestuft.
Auch Günter Manhardt, Landesvorsitzender der Schulleiter aller bayerischen Gymnasien und selbst Oberstudiendirektor eines Gymnasiums bei Augsburg, erklärt, die Abiturienten an seiner Schule seien nach der Mathe-Prüfung "sehr entspannt" gewesen. Von den Lehrerinnen und Lehrern habe er die Einschätzung, 15 Punkte zu bekommen sei zwar schwer, aber vier bis fünf Punkte (gerade ausreichend) solle jeder schaffen können.
Kommissionen legen Prüfungsaufgaben fest
Das Mathe-Abitur in Bayern setzt sich, wie in allen Bundesländern, etwa zur Hälfte aus einem Pool an bundesweit einheitlichen Aufgaben sowie zur anderen Hälfte aus landeseigenen Aufgaben zusammen. Am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin legt eine Kommission, bestehend aus 16 Expertinnen und Experten aus allen Bundesländern, die Pool-Aufgaben fest. Andreas Herz, der die Kommission im Fach Mathematik leitet, erklärt, alle Experten kommen aus der schulischen Praxis, sind also etwa als Lehrerinnen und Lehrer tätig.
Kommissionen der jeweiligen Bundesländer haben anschließend noch ein Jahr Zeit, aus den Pool-Aufgaben, die das IQB in Berlin vorlegt, sowie eigenen Aufgaben die Mathe-Abiturprüfung des jeweiligen Landes zusammenzustellen.
Die Struktur des Mathe-Abiturs ist seit 2024 in ganz Deutschland einheitlich. In Teil A müssen die Schülerinnen und Schüler einen Teil der Aufgaben auswählen, den sie ohne Hilfsmittel bearbeiten. In Teil B hingegen dürfen sie Taschenrechner und Formelsammlung verwenden. In Bayern ist es so geregelt, dass die Lehrkräfte jeder einzelnen Schule vor Beginn der Prüfung aus jeweils zwei vom Freistaat vorgegebenen Analysis-, Stochastik- und Geometrie-Aufgaben jeweils eine auswählen, die ihre Schüler bearbeiten müssen. So kann sich das Mathe-Abitur auch in Bayern teilweise von Schule zu Schule unterscheiden.
BR24 auf Instagram: Mathe-Abi - Hui oder pfui?
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