Einen 1.000 Liter-Diesel-Notfall-Tank und ein Notstromaggregat mit 25 Kilowatt: Landwirt Josef Müller aus Oberostendorf im Landkreis Ostallgäu ist schon gut gerüstet für den Krisenfall. Es reicht, um seinen Milchviehbetrieb mit 100 Kühen einen Monat lang mit Energie zu versorgen. Der Landwirt hofft aber, dass er seine Notfallvorsorge nie für den Ernstfall nutzen muss. "Leider ist der Krieg viel zu nah da. Wir hoffen, dass wir immer Frieden haben bei unserem Land."
Strom ist im Krisenfall ein Überlebensmittel
"Ohne Aggregat wäre es Chaos pur", sagt der Landwirt. Wenn die Kühe nicht mehr gemolken werden, würden sie krank werden. Das Wichtigste sei morgens und abends zu melken. Das müsse gesichert sein im Milchverkehr, so Josef Müller. Lüftung, Fütterung, Tränken, Melkanlagen – fast alles läuft elektrisch. "Strom ist ein Überlebensmittel. Ohne Energie läuft nichts."
Umfrage unter 16.000 Landwirten in Bayern zur Krisen-Resilienz
Wie krisenfest sind Bayerns Landwirte, um die Ernährung der Bevölkerung zu sichern? Das wollte das Landwirtschaftsministerium wissen und hat zwischen März und Mai 2026 eine Umfrage gestartet. Rund 16.000 von insgesamt circa 100.000 Betrieben haben sich daran beteiligt. Das Ergebnis: Bayerns Bauern können nur bedingt auch bei größeren Krisen ihre Produktion aufrechterhalten. So würden etwa nur Dreiviertel der Betriebe mit Kühen über eine Notstromversorgung verfügen, in der Hähnchenmast seien dies dagegen bereits 95,5 Prozent, teilte die Staatskanzlei nach einer Sitzung des Kabinetts in München mit.
Besonders kritisch: die Wasserversorgung und der Futtermittel-Vorrat
Es gibt also Schwachstellen. Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber sieht vor allem noch Probleme bei der Lagerkapazität und bei der Betriebsfähigkeit von Notstromaggregaten. Das alles müsse bereitgehalten und abgesichert werden, so die Ministerin.
Problematisch ist vor allem die Wasserversorgung im Strom- oder Netzausfall. Rund neun von zehn Betrieben hängen am öffentlichen Netz, viele Brunnen und Tränke-Systeme funktionieren nur mit Strom. Fällt der aus, ist die Versorgung der Tiere mit Wasser unmittelbar gefährdet. Besonderen Handlungsbedarf gibt es außerdem beim Futtermittel-Vorrat. Das ist je nach Betrieb unterschiedlich. So kann laut Ministerin Kaniber ein Rinder-Betrieb das Grundfutter für fast ein Jahr sichern, dagegen hat ein Hähnchenmastbetrieb dafür gar nicht die Lagerkapazitäten.
Cyberattacke auf französische Supermärkte beweist Brisanz
Bayerns Landwirtschaftsministerin verweist im BR24-Interview auf die aktuelle Cyberattacke in Frankreich auf Supermärkte und den damit verbundenen Verlust von Lebensmitteln. Das zeige sich, dass man gegen solche Angriffe gewappnet sein muss. Die gesamte Wertschöpfungskette müsse gesichert sein – vom Landwirt über die verarbeitenden Betriebe bis zum Lebensmitteleinzelhandel. "Wir müssen dazu alle an einen Tisch holen und Schwachpunkte beheben", fordert Michaela Kaniber.
Die Ministerin will deswegen die Landwirte unterstützen, beraten und fördern, damit sie ihren Betrieb möglichst lange im Falle eines Blackouts oder Krisenfalls weiterführen können. Sie hat angekündigt, die Beratung der Landwirte auszubauen und eine finanzielle Förderung bei einem Stallneubau mit Notstromaggregaten prüfen zu lassen.
Professorin für Agrar- und Ernährungspolitik: Landwirtschaft Teil kritischer Infrastruktur
Das sei auch notwendig, findet Christine Wieck, Professorin für Agrar- und Ernährungspolitik an der Universität Hohenheim bei Stuttgart. Denn spätestens seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sollte die Landwirtschaft Teil der kritischen Infrastruktur sein. "Die Menschen brauchen jeden Tag etwas zu essen. Die wenigsten haben für zwei oder fünf Tage Essen zu Hause. Das heißt, die sind auf die Supermärkte angewiesen. Aber die brauchen auch regelmäßig Nachschub."
Die Versorgungskette müsse also gesichert sein. Dazu gehöre auch, dass die Tiere jeden Tag zu fressen brauchen. "Denn die geben jeden Tag Milch, legen jeden Tag Eier. Die müssen jeden Tag versorgt werden." Das könne man nicht unterbrechen, wenn der Strom ausfällt oder kein Wasser aus der Leitung kommt, so die Expertin.
Krisenfeste Landwirtschaft: Expertin begrüßt Bayerns Vorstoß
Deswegen fordert Christine Wieck, dass alle landwirtschaftlichen Betriebe ein Vorsorgekonzept brauchen, wie sie ihre Tiere jederzeit mit ausreichend Strom, Wasser, Futter und Licht versorgen können. Und für eine kurzfristige Krise, einen kurzfristigen Stromausfall, müssten die Supermärkte Lebensmittel vorhalten. Aber in der Landwirtschaft müsse für dieses Thema sensibilisiert werden, so die Professorin für Agrar- und Ernährungspolitik. Denn es ist nicht mehr so wie vor ein paar Jahren, dass es immer selbstverständlich Wasser oder Strom geben wird.
Im Video: Wie krisenfest ist Bayerns Landwirtschaft?
Kühe an der Melkmaschine
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