Eine junge Vietnamesin steht am Montagmittag mit ihrer Tochter vor dem Gepäckabgabe-Schalter von Vietnam Airlines für den Flug von München nach Hanoi – es ist der erste Flug mit diesem Ziel seit dem Zwischenfall vom Samstag. Die Nachrichten hätten sie sehr beunruhigt und gehörig Stress ausgelöst, erzählt die Frau. Am Ende habe sie sich aber entschieden, doch wie geplant nach Hanoi zu fliegen: "Nach so einem Zwischenfall bin ich mir sicher, dass das Flugzeug ordentlich gecheckt wird."
Passagierin berichtet: "Ich hatte solche Angst."
Eine andere Frau, die am Samstag mit an Bord des Dreamliners von Boeing nach Hanoi war, ist jetzt dagegen mit einer anderen Maschine unterwegs. Sie will ihr eigentliches Ziel in Vietnam mit einem Umweg über Singapur erreichen. Die Ereignisse vom Samstag haben sie gehörig mitgenommen: "Ich hatte solche Angst – ich wollte nur noch eins: sicher landen."
Auch andere Passagiere berichten auf Social-Media-Kanälen von der Unruhe und den Ängsten, die sie bei dem Beinahe-Unglück durchstehen mussten. Videos vom Start zeigen Erschütterungen in der Kabine. Von außen wiederum ist zu sehen, wie in diesem Moment Staub vom Boden aufwirbelt. Immerhin: Niemand kommt zu Schaden, die Passagiere kommen mit dem Schrecken davon.
Die Boeing 787-9 war erst nach dem Ende der Startbahn in die Luft gegangen, dann kreiste sie zwei Stunden über München und Teilen Oberbayerns zwischen Ammersee und Altötting, ließ Kerosin ab, um dann – offenbar mit deutlichen Problemen – wieder auf dem Münchner Flughafen zu landen; dabei wurden die Reifen des Hauptfahrwerks regelrecht zerfetzt. Als die Maschine zum Stehen kommt, nähern sich Feuerwehren und Rettungsdienste. Die Landebahn muss anschließend wegen kaputter Reifenteile gereinigt werden – ein Teil der Landebahn bleibt stundenlang blockiert.
Luftfahrtexperte erinnert an ähnliche Vorfälle – mit schlimmen Folgen
Nach Einschätzung des Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt könnten die Passagiere und der Münchner Flughafen nur haarscharf einer Katastrophe entgangen sein. Angesichts der enormen Geschwindigkeit von 300 km/h beim Start hätte das Flugzeug bei einem gescheiterten Start in einem Feuerball enden können. Im Gespräch mit BR24 erinnert er an einen Vorfall in Indien, bei dem ein Flugzeug kurz nach seinem Start abstürzte und mehr als 240 Passagiere starben.
Als mögliche Ursache für die Probleme beim Start verweist Großbongardt auf einen anderen Fall in Australien, bei dem es einen Fehler bei der Eingabe des Startgewichts gegeben habe. Das sei auch in diesem Fall denkbar – eine Einschätzung, die auch auf verschiedenen Internetseiten von Luftfahrtbeobachtern die Runde macht.
Die Plattform "Aviation Herald" wiederum spricht von Hinweisen, dass vor dem Start mindestens die Bremsen auf der rechten Seite des Jets blockiert hätten. Das Heck des Flugzeugs könnte beim Start aufgesetzt haben und beschädigt worden sein.
Cockpit: Für belastbare Bewertungen des Vorfalls ist es zu früh
Die Piloten-Vereinigung Cockpit rät dagegen zur Zurückhaltung: Es lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös beurteilen, wie es dazu kommen konnte, dass die Maschine beim Start über das reguläre Ende der Startbahn hinausgeriet: "Für eine belastbare Bewertung liegen derzeit schlicht noch nicht genügend gesicherte Informationen vor. Insbesondere Aussagen darüber, ob technische Faktoren eine Rolle gespielt haben, wären zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation."
Die Fluggesellschaft Vietnam Airlines wiederum hatte von einem technischen Problem gesprochen, ohne dies näher auszuführen. Man entschuldige sich "aufrichtig für die entstandenen Unannehmlichkeiten." Die Flugbesatzung habe alle vorgeschriebenen Verfahren eingehalten.
Bundesamt hat Untersuchungen aufgenommen
Die genauen Untersuchungen, wie es zu dem Zwischenfall am Münchner Flughafen kommen konnte, hat die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen mit Sitz in Braunschweig übernommen. Bereits am Wochenende seien Experten der Behörde vor Ort gewesen, erklärte ein Sprecher. Die Flugschreiber seien sichergestellt worden. Die Untersuchung werde aber mehrere Wochen in Anspruch nehmen, dann soll es zunächst einen Zwischenbericht geben.
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