Die Biogasanlage von Markus Wagner in Neufahrn im Landkreis Landshut.
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Biogas: Ferngesteuerte Anlagen gegen die Dunkelflaute

Biogas: Ferngesteuerte Anlagen gegen die Dunkelflaute

Viele alte Biogasanlagen sind unflexibel und oft nicht mehr konkurrenzfähig. Eine Regensburger Firma möchte das ändern. Sie steuert die Anlagen vieler Landwirte fern. Das soll Betreibern mehr Ertrag für den Strom und die Energiewende voranbringen.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Niederbayern und Oberpfalz am .

Wenn Markus Wagner aus Ettenkofen bei Neufahrn in Niederbayern wissen will, wie seine Biogasanlage gerade läuft, muss er in eine App schauen. Dort sieht er genau, wann seine Generatoren Strom produzieren und wann nicht. Jede Viertelstunde kann sich das ändern.

Landwirte geben Kontrolle ab

"Jetzt aktuell fahren wir auf Halblast, aber in einer Viertelstunde fahren wir auf Vollast rauf", sagt Wagner beim Blick auf sein Handy. Der Landwirt aus dem Landkreis Landshut hat darauf aber überhaupt keinen Einfluss: Die Anlage läuft ferngesteuert.

Markus Wagner hat die Kontrolle komplett an eine Regensburger Firma abgegeben – und damit ist der Niederbayer längst nicht allein. Rund 400 Biogasanlagen in ganz Deutschland, 100 davon in Bayern, werden von der SK Verbundenergie AG (SKVE) aus der Ferne automatisiert hoch- und runtergefahren [externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt].

Flexible Anlagen orientieren sich am Strompreis

Die Firma hat die Anlagen zu einem sogenannten "virtuellen Kraftwerk" zusammengeschaltet – mit einer Gesamtleistung von 400 Megawatt (MW). Das entspricht etwa der Hälfte eines großen Gaskraftwerkblocks. Den Strom dieser Anlagen verkauft SKVE stellvertretend für die Landwirte an der Strombörse.

Hier entscheidet sich, welche Kraftwerke und Anlagen zu welchem Preis zum Zug kommen. Tatsächlich schwankt der Preis, der viertelstündlich festgelegt wird, im Tagesverlauf oft deutlich. Eine große Rolle spielt neben der Nachfrage dabei auch das Wetter. Ist viel günstiger Wind- und Sonnenstrom im Netz, sinkt der Preis an der Strombörse. Bei wenig Sonne und Wind und hohem Verbrauch steigen die Strompreise. Genau diese Differenzen versucht die Regensburger Firma auszunutzen.

Algorithmus optimiert Fahrplan laufend

Ein Algorithmus soll dafür sorgen, dass die Anlagen im virtuellen Kraftwerk nur dann ans Netz gehen, wenn es sich auch wirklich lohnt. Zurzeit sei der Preis vor allem morgens und abends hoch, während er wegen des Photovoltaikstroms gegen Mittag oft gegen Null gehe, sagt SKVE-Vorstand Johannes Schwarz. "Wir produzieren zu der Zeit dann eben wenig Strom. Dann füllen sich die Gasspeicher. Wir verschieben die Stromproduktion also gezielt auf den Abendbereich", so Schwarz.

Damit sein Unternehmen für sich und die Anlagenbetreiber das Optimum rausholen kann, berechnet der Algorithmus den Fahrplan für jede einzelne Anlage immer wieder neu. Das zugrundeliegende Modell ist komplex. So sind bei SKVE unter anderem Physiker, Informatiker und – da das Wetter eine große Rolle spielt – sogar ein Meteorologe angestellt. 

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Landwirt Wagner sieht sich am Handy die App von SKVE an.

Energiespeicher für die Energiewende

Am Ende soll davon nicht nur der einzelne Landwirt profitieren, sondern auch die Energiewende im Ganzen. Die Grundidee zur Start-up-Gründung im Jahr 2012 war es, die vielen Biogasanlagen im Land als eine Art umweltfreundlichen Energiespeicher zu nutzen. "Die Initialzündung war die Überzeugung, dass wir Energiewende brauchen", sagt Vorstand Christian Dorfner rückblickend.

Doch woher soll der Strom kommen, wenn Sonne und Wind gerade nicht liefern? Damals sei bereits über Themen wie Wasserstoff oder Batteriespeicher nachgedacht worden, berichtet der SKVE-Gründer. "Es gab aber Hunderte, Tausende ungenutzte Speicher, die keiner gesehen hatte. Und das waren die Biogasanlagen."

In sogenannten Dunkelflauten, in denen kaum Wind weht und keine Sonne scheint, hätte Biogas gegenüber Batteriespeichern einen Vorteil, so Dorfner. Wenn die Batterie voll ist, ist sie nach einer bis zwei Stunden leer. Und was macht sie dann? Nichts. Eine Biogasanlage könne hier wesentlich länger laufen. "Die schaffen locker ihre acht bis zehn Stunden."

Puzzleteil im Strommix

Das Problem damals wie heute: Viele Biogasanlagen laufen nicht flexibel genug, um schnell auf das schwankende Angebot von Sonnen- und Windstrom reagieren zu können. Viele laufen einfach die ganze Zeit durch. Flexible Anlagen könnten stattdessen ein Puzzleteil zum Gelingen der Energiewende sein, sind sie bei SKVE überzeugt.

Eine Ansicht, die auch Energieexperte Oliver Brückl von der OTH Regensburg teilt, wenn auch mit Einschränkungen. Biogas werde nicht die alleinige Lösung sein. "Wir werden auch andere Lösungsbausteine brauchen: beispielsweise Methan-Gaskraftwerke. Biogas kann aber durchaus hier einen Teil abdecken", sagt Brückl.

Im Video: Energieversorgung - Flexibles Biogas stabilisiert das Netz

Energieversorgung - Flexibles Biogas stabilisiert das Netz
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Energieversorgung - Flexibles Biogas stabilisiert das Netz

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