Biobauernhöfe und grasende Kühe auf einer Weide – in Umfragen gehört das für viele Verbraucher zusammen. Schließlich wird dieses Bild auch auf Milchpackungen vermittelt. Erwartet wird deshalb, dass Bio-Milch auch von Kühen stammt, die auf einer Wiese grasen können.
Seit Jahren gibt es Übergangsfristen, aber weil die EU die Weidepflicht strenger anwendet, sehen sich viele Höfe vor einem Dilemma. Ein Änderungsantrag der bayerischen Abgeordneten Christine Singer (FW) und Stefan Köhler (CSU) sucht nach einer Lösung und wurde im Landwirtschaftsausschuss des Europäischen Parlaments angenommen. Das dürfte noch einmal Bewegung in die Sache bringen.
Weidepflicht ist ein besonders bayerisches Problem
Hintergrund ist, dass die EU-Öko-Verordnung in Deutschland (vor allem in Bayern und Baden-Württemberg) jahrelang relativ pragmatisch ausgelegt wurde: Wenn ein Betrieb seinen Tieren einen Laufstall mit einem großzügigen Außenlaufhof bot und frisches Grünfutter fütterte, reichte das oft für das Bio-Siegel, selbst wenn die Tiere aus strukturellen Gründen nicht direkt auf eine grüne Wiese gebracht werden konnten. Etwa wenn der Hof mitten im Dorfkern lag oder der Weg zur Weide durch vielbefahrene Bundesstraßen abgeschnitten war.
Die EU macht Ernst: Bio braucht Weidepflicht
Damit war Anfang 2025 Schluss: Die EU-Kommission stellte nach einem mehrjährigen Verfahren gegen Deutschland klar, dass ein reiner Auslaufhof kein Ersatz für echtes Weideland ist. Rinder, Schafe und Ziegen müssen demnach während der Weidezeit zwingend echten Weidezugang haben.
Strukturelle Gründe, wie die Dorflage, zählen laut Brüssel nicht mehr als "Ausrede". Nur noch temporäre Gründe wie Wetter, kranke Tiere oder Seuchenschutz sind zulässig. Bis Ende 2025 mussten deshalb allein in Bayern über 300 Bio-Tierhalter auf konventionellen Betrieb umstellen, weil sie die Weidepflicht nicht erfüllen konnten. Hunderten weiteren könnte es ähnlich ergehen.
Vor und Zurück des EU-Agrarkommissars
Dann kam EU-Agrarkommissar Christophe Hansen nach Bayern. Bei einem Besuch des Pichelsteinerfests in Regen im Juli 2025 kündigte Hansen überraschend die "Öffnung der EU-Öko-Verordnung" an. Er versprach, sich für eine Härtefallregelung und mehr Pragmatismus einzusetzen, um zu verhindern, dass Öko-Bauern reihenweise aufgeben. Viele Bio-Bauern atmeten kurz auf.
Der Dämpfer kam dann auf der Grünen Woche in Berlin im Januar dieses Jahres: Hansen ruderte verbal merklich zurück. Er betonte bei der Veranstaltung, die Weidepflicht bestehe seit 1999, weshalb das "für niemanden eine Überraschung" sein dürfe. Er argumentierte, man dürfe jene Betriebe, die unter hohem Aufwand bereits alles auf Weidebetrieb umgestellt hätten, nicht durch zu weiche Ausnahmen benachteiligen.
Bauernverband sieht Existenz vieler Biobetriebe gefährdet
Der Bayerische Bauernverband sei grundsätzlich für die Weidehaltung, sagte dessen Generalsekretär Carl von Butler vor der Abstimmung, aber es sei höchste Zeit für eine Flexibilisierung. "In Bayern sind dieses Jahr schon über 300 Betriebe aus Öko ausgestiegen, weil sie das bisher alles erfüllt haben und diese Weidethematik sie nun dazu zwingt, auszuscheiden."
Die Milch und auch sonstige Produkte, die diese Betriebe erzeugten, hätten in der Vergangenheit den Öko-Standard erfüllt, so von Butler, und "das sollten sie auch in Zukunft können." Er teilt die Sorge um die Zukunft der Biolandwirtschaft mit der Interessengemeinschaft "Kein Zwang zur Weide".
Interessengemeinschaft fordert Einlenken der Bioverbände
Dass auch die Bioverbände auf diese Linie einschwenken, fordert eine Interessengemeinschaft gegen eine allgemeine Weidepflicht. Biobauer Jens-Martin Keim verweist auf regionale Unterschiede in Bayern, etwa zwischen Franken und dem Allgäu. "Das Allgäu hat viele Einzelhofstellen. Da ist es völlig egal, in welcher Richtung Sie die Stalltür öffnen. Da ist eine Weide da. Wenn Sie das in Franken machen, haben Sie ein Bahngleis, dann haben Sie eine Straße, die Kirche nebendran und ein Wohngebiet."
Bio-Kriterien neben der Weidepflicht wichtig
Es gehe darum, andere Bio-Kriterien zu erfüllen und auszubauen, um dann bei der Weidepflicht eben Abstriche zu erlauben, heißt es von IG und Bauernverband. Zum Beispiel beim Tierwohl. Im Änderungsantrag aus Bayern heißt es: Es sei wichtig, dass Rinder in ihrem Leben wenigstens zeitweise auf die Weide kämen, sei es als Kälber mit der Mutterkuh, als Jungrind oder als trächtige Kuh.
Singer: "Wichtiger Etappensieg für unsere Ökobetriebe"
Da der Änderungsantrag nun angenommen worden ist, geht die Sache in die Verhandlungsrunde zwischen Kommission, EU-Mitgliedsstaaten und EU-Parlament. Antragstellerin Christine Singer (FW) bezeichnet die Zustimmung als "Etappensieg für unsere Ökobetriebe".
Grüne sprechen von "Unsinn"
Politiker von SPD und Grünen fürchten dagegen eine Aufweichung der Biokriterien, wenn die Weidepflicht tatsächlich gelockert würde. Nach der Abstimmung kritisiert Martin Häusling (Grüne): "Tiere auf Biohöfen benötigen Zugang zu Grünland und Auslauf, das ist eine Grundvoraussetzung für die Ökotierhaltung, nicht ein optionales 'Extra'." Er zähle nun auf die EU-Kommission und den Rat der Mitgliedstaaten, "um diesen Unsinn zu unterbinden." Wann die Verhandlungen weitergehen, ist noch unklar.
Redaktioneller Hinweis: Der Artikel wurde nach der Abstimmung am 14.7. aktualisiert.
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