Unter dem Eindruck des Attentats in Australien ist gestern Abend traditionell ein Licht des großen Chanukka-Leuchters in der Münchner Innenstadt entzündet worden. In Sydney hatten ein 50-jähriger Vater und sein 24-jähriger Sohn am Tag zuvor am Bondi Beach das Feuer auf dort versammelte jüdische Familien eröffnet.
Chanukka in München: Zeremonie mit Schweigeminute
Gegen Sonnenuntergang entzünden die Veranstalter am Jakobsplatz vor der Synagoge das zweite Licht am Chanukka-Leuchter. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, rief die Anwesenden auf dem Jakobsplatz zu einer Schweigeminute für die Opfer auf.
Knobloch zeigte sich "sehr traurig und sehr schockiert", dass dies bei einem fröhlichen Fest, auf das sich "alle Kinder und Erwachsenen freuen und Lichter entzünden, wie wir es jetzt tun", passieren konnte.
Münchens OB Reiter zeigt sich "tief erschüttert"
Mit einem Beileidsschreiben reagierte auch der Oberbürgermeister von München, Dieter Reiter, und zeigte sich "tief erschüttert". Der grausame Terroranschlag auf jüdische Familien hinterlasse ein Gefühl der Fassungslosigkeit, so der OB. Das Schreiben ging an die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern, die Liberale Jüdische Gemeinde München Beth Shalom sowie das israelischen Generalkonsulat und den Zentralrat der Juden in Deutschland.
Der Angriff "auf unsere gemeinsamen Werte" erinnert laut Reiter auch erneut daran, wie verletzlich und bedroht jüdisches Leben sei: "Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, jeglichem Antisemitismus entschieden entgegenzuwirken – sowohl hier in Deutschland als auch weltweit." München setze sich als eine weltoffene und tolerante Stadt für Frieden, Sicherheit und Vielfalt ein, versicherte der Rathauschef: "Wir sind fest entschlossen, weiterhin gegen Antisemitismus sowie jede Form von Gewalt und Extremismus vorzugehen".
Sicherheitslage Bayern: BKA sieht hohe abstrakte Gefährdung
Das Bayerische Innenministerium teilte auf BR-Anfrage mit, das Bundeskriminalamt habe die Gefährdungslage nach dem Anschlag in Sydney neu bewertet. Das Ergebnis: An der "weiterhin bestehenden hohen besonderen (abstrakten) Gefährdung" für jüdische und israelische Personen sowie Einrichtungen ändert sich nichts. Zugleich heißt es: "Uns liegen derzeit keine konkreten Gefährdungserkenntnisse vor."
Die bayerischen Sicherheitsbehörden tauschen sich eng mit den Behörden von Bund und Ländern aus. Das Innenministerium nennt dazu zentrale Punkte:
- Die Verbände der Bayerischen Polizei sind informiert und sollen Einsatzkräfte sensibilisieren, die jüdische und israelische Einrichtungen schützen.
- Die Polizei steht jüdischen und israelischen Einrichtungen als Ansprechpartner zur Verfügung.
- Die zuständigen Polizeipräsidien treffen die nötigen Schutzmaßnahmen für Chanukka-Feierlichkeiten.
Zum Umfang der Maßnahmen macht das Ministerium keine Angaben: "Über Art und Umfang der Schutzmaßnahmen können wir aus Gründen der Geheimhaltung keine näheren Auskünfte geben, da alle Belange des Personen- und Objektschutzes vertraulich behandelt werden."
Chanukka Bedeutung: Lichterfest und Hintergrund
Das achttägige jüdische Lichterfest hat am Sonntagabend begonnen. Chanukka soll daran erinnern, dass das Licht die Dunkelheit vertreibt. Der historische Hintergrund des Fests ist der Sieg der jüdischen Makkabäer über die griechisch-syrischen Seleukiden im zweiten Jahrhundert v. Chr., die den Jerusalemer Tempel entweiht hatten. Nach der Rückeroberung wurde der Tempel 164 v. Chr. gereinigt und neu geweiht, wovon sich auch der Name "Chanukka" (Einweihung) ableitet.
Jeden Tag wird ein weiteres Licht am achtarmigen Chanukka-Leuchter entzündet. Familien treffen sich, meist gibt es traditionelle Speisen wie Kartoffelpuffer zu essen. Kinder bekommen Geschenke. Es ist ein fröhliches Fest – trotz der ernsten Umstände sang am Montag in München ein Kinderchor, später tanzten Erwachsene auf dem Jakobsplatz.
BR24 auf Instagram: Schweigeminute in München
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