"Das ist genau die Trasse", ruft Peter Kraus ungläubig. Zum ersten Mal seit 70 Jahren betrachtet er die steile Waldschneise, durch die heute eine moderne Gondel die Menschen nach oben befördert. Auf den 1.731 Meter hohen Herzogstand. "Ich habe nicht gedacht, dass es so brutal steil ist."
Auf dieser Trasse ist Peter Kraus als 14-Jähriger mit der Seilbahn abgestürzt. "Dass man sowas überleben kann." Er schüttelt den Kopf, während er nach oben blickt und kann den Blick nicht abwenden von dem steilen Hang. "Das ist ein Wunder, das ist wirklich ein Wunder." Drei Menschen kamen bei dem Unglück im Jahr 1955 ums Leben, darunter auch der Vater von Peter Kraus. Sechs weitere wurden schwer verletzt.
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Drahtseil reißt wegen Materialermüdung
Peter Kraus schaut sich um und erinnert sich an vieles wieder. Er deutet auf ein Toilettenhäusl: "Und da ist der Papa damals noch aufs Klo gegangen. Das war das Verhängnis." Peter Kraus und sein Vater besteigen am 20. März 1955 gegen 13:45 Uhr den Sessellift. Der Vater einen Sessel vor dem Sohn. Die meisten Skitouristen sind gerade beim Mittagessen, weshalb der Einer-Sessellift nicht voll besetzt ist.
Peter Kraus und sein Vater fahren los. Sie befinden sich gerade auf der Mitte des Hangs, als es einen lauten Knall tut. Das aus 18 Fasern gedrehte Drahtseil reißt an der Umlaufscheibe der Gipfelstation, bei Sessel 49. Die Klemmen, mit denen Sessel 49 am Seil befestigt ist, bohrten sich über Wochen ins Seil und führten zur Materialermüdung.
Seil und Klemmen nur oberflächlich geprüft
Eigentlich gibt es zu diesem Zeitpunkt, in den 1950er Jahren, aus dem Wirtschaftsministerium strenge Vorgaben: Die Betriebsleiter vor Ort müssen alle zwei Wochen die Seilbahn überprüfen, auch Seil und Klemmen. Der Betriebsleiter der damals privat geführten Herzogstandbahn prüft das Seil aber nur oberflächlich, wodurch er die Drahtbrüche nicht feststellen kann. Später wird er zu sechs Monaten Haft verurteilt.
1992 wird der Sessellift am Herzogstand erneuert. Heute fährt hier eine moderne Gondel. Leider durfte der BR mit Peter Kraus nicht in der Gondel filmen. Der Bürgermeister von Kochel am See ist der Ansicht, dass man das Ereignis "dort lassen sollte, wo es liegt, nämlich in der Vergangenheit". Was sich vor 70 Jahren am Herzogstand ereignete, sei zwar "im höchsten Maße bedauerlich", teilt Bürgermeister Jens Müller mit. Eine "Verkettung unglücklicher Umstände" gehöre jedoch "zum Lauf der Geschichte".
Peter Kraus bleibt wie durch ein Wunder unverletzt
Peter Kraus kann den Tod seines Vaters nicht vergessen. Der stürzt damals rund 100 Meter in die Tiefe. Auch Peter Kraus stürzt ab und rauscht in die Tiefe, bleibt aber unverletzt: Plötzlich verhakt sich das Seil und bleibt ruckartig stehen. Der damals 14-Jährige kann sich ohne eine Schramme aus dem Sessellift befreien. Er macht sich alleine in dem steilen Gelände auf die Suche nach seinem Vater – und findet ihn schließlich. Doch der Vater liegt im Sterben. "Ich hab ihn dann am Arm hochgezogen, damit er wieder besser atmen kann."
Wenige Stunden später stirbt Oskar Kraus im Krankenhaus. Er wird 43 Jahre alt. "Wenn ich später zum Friedhof gegangen bin, dann war immer meine Idee, dass ich die Jahreszahlen auf den Grabsteinen verglichen hab. Dass also andere länger haben leben dürfen", erzählt der Sohn. Zum 70. Todestag besucht Peter Kraus gemeinsam mit seinen Enkeln das Grab des Vaters und Urgroßvaters.
Die Herzogstandbahn auf einer alten Aufnahme vor rund 70 Jahren.
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