Markus Söder ist dabei, sich zu wandeln: Bart ab, Essens-Postings weg, stattdessen seriöser im Auftritt und versöhnlicher im Umgang. Er werde künftig noch stärker darauf achten, "dass Ton und Stil der Lage unserer Demokratie angemessen sind", sagte der Ministerpräsident kürzlich.
Doch während Söder gerade sein altes Image abzustreifen versucht, fordert CSU-Vize Manfred Weber per Pfingstbrief bereits andere inhaltliche Schwerpunkte von seiner Partei. Ilse Aigner, Bezirkschefin in Oberbayern, und der CSU-Ehrenvorsitzende Theo Waigel äußern vorsichtig Verständnis für Webers Anliegen. Beobachter sehen in dem Schreiben einen "impliziten Frontalangriff" auf Parteichef Söder. Und dann sorgt auch noch das interne Papier eines Kreisverbands für Aufsehen – viele an der Basis sind verärgert, es rumort in der CSU.
- Zum Artikel: Brodeln in der CSU: Was heißt das für Söder?
Historiker: Jede "Götterdämmerung" beginnt mit Misserfolg
Hat sie also begonnen, die "Söder-Dämmerung"? Ist der Zenit seiner Macht überschritten? "Letztlich ist am Beginn der Götterdämmerung immer der Misserfolg", sagt Thomas Schlemmer. Der Historiker am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin hat ein Buch zur CSU verfasst. Die Konstellation sei stets ähnlich: "Garantiert ein Parteivorsitzender nicht den Erfolg der Partei, dann sägt die Parteibasis bzw. vor allem die Mandatsträger, die auch um ihre politischen Karrieren bangen, an den Wurzeln", sagt Schlemmer.
So sei es Edmund Stoiber ergangen – obwohl der die Landtagswahl 2003 noch grandios gewonnen (60,7 Prozent) hatte. Laut Schlemmer schlug Stoiber dann allerdings ein Reformtempo ein, das von der Bevölkerung nicht mitgetragen wurde. Zudem liebäugelte er nach der Bundestagswahl 2005 mit einem "Super-Ministerium" in Berlin. Diese "politischen Rochaden" seien "irgendwann nicht mehr verstanden worden". Die Umfragewerte gingen nach unten, die Parteibasis stellte Stoiber öffentlich in Frage, am lautesten die damalige Fürther Landrätin Gabriele Pauli. "Man fürchtete um die nächste Landtagswahl und hat ihn ersetzt."
Söders Werte sinken – die der CSU nicht
Söder konnte bislang bei keiner Landtagswahl zulegen, die nächste steht 2028 an. Zuletzt befeuerte die aus CSU-Sicht enttäuschende Kommunalwahl die interne Kritik am Stil des Parteichefs mit Döner-Terminen und Essens-Selfies. Die wachsende Skepsis ist mehr als ein Gefühl: In den Jahren 2020/21, während der Pandemie und im Vorfeld der Bundestagswahl, hatte Söder deutschlandweit hohe Beliebtheitswerte. Bis zu 58 Prozent waren mit der Arbeit des CSU-Chefs zufrieden. Dieser Wert ist stark gesunken: Im ARD-DeutschlandTrend von April kommt Söder noch auf 27 Prozent Zustimmung. Damit liegt er weiter im oberen Drittel, die Beliebtheitswerte gingen insgesamt deutlich zurück.
Im Zuge einer möglichen Kanzlerkandidatur 2021 waren Söders bundesweite Werte wichtig. Für die aktuelle Frage – wie sicher ist seine Position als CSU-Chef – sind die Zahlen aus Bayern relevanter: Im BR24-BayernTrend aus dem Januar sagt immer noch eine Mehrheit von 55 Prozent, dass sie mit Söder als Ministerpräsident zufrieden ist (-5 im Vergleich zu Januar 2024). Seine Partei, die CSU, kommt auf 39 Prozent – bei der Landtagswahl 2023 waren es 37 Prozent.
"Königsmörder, Königsmacher und neuer König"
Laut Historiker Schlemmer braucht es für eine "Götterdämmerung" mehr als Misserfolg. Die "zweite Zutat" sei die Idee für eine Wende zum Besseren. Und als drittes: Personen. "Meistens zwei oder drei: ein Königsmörder, ein Königsmacher und ein neuer König oder eine neue Königin", sagt Schlemmer.
Auf Stoiber folgten 2007 Günther Beckstein als Ministerpräsident und Erwin Huber als Parteichef. Nach massiven Verlusten bei der Landtagswahl traten beide zurück. Als Jahre später die Machtbasis von Horst Seehofer bröckelte, hatte sich Söder klar als Nachfolger profiliert: "Eine Götterdämmerung gebiert meistens einen neuen Gott."
... solange kann Söder "einigermaßen ruhig schlafen"
Aktuell gebe es zwar Kritik am CSU-Chef, aber: "Wenn man sich die Zeitungsartikel oder auch Fernsehbeiträge ansieht, ist immer nur vom Grummeln die Rede", sagt Schlemmer. Es werde kaum jemand namentlich zitiert. Was ist mit Webers Brief? "Manfred Weber hat in der CSU, außer den Bezirksverband Niederbayern, keine Hausmacht."
Historiker Schlemmer sagt zur aktuellen Lage: "Ich sehe keine Götterdämmerung." Stoiber und Seehofer seien jeweils von Hoffnungsträgern zur Belastung für die Partei geworden. "Das kann man bei Markus Söder noch nicht sagen." Solange sich keine klare Nachfolge formiere, solange es in der CSU niemand gebe, "der mehr Erfolg verspricht", könne Söder "einigermaßen ruhig schlafen".
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