Es ist Oberst Avichay Adraee, der arabisch sprechende Presseoffizier der israelischen Streitkräfte, der die Aufforderung an die libanesische Bevölkerung im Süden des Landes zum Verlassen weiterer Dörfer bekanntgibt: "Zu Ihrer Sicherheit müssen Sie sich weiter in das Gebiet nördlich des Zahrani-Flusses begeben und jegliche Bewegung in Richtung Süden unterlassen, die Ihr Leben gefährden könnte." Die israelischen Streitkräfte würden bald mit der Bombardierung von Brücken über den libanesischen Litani-Fluss beginnen, kündigt der langjährige Armeesprecher für die arabischen Medien am Mittwochmittag an.
Damit solle verhindert werden, dass die Hisbollah ihre Einheiten sowie Waffen in die Gegenden südlich des Litani-Flusses transportieren könne, in denen die israelische Armee operiere. Das Gebiet, von dem der israelische Oberst spricht, umfasst inzwischen 13 Prozent des libanesischen Staatsgebiets, das von den sogenannten "Evakuierungsordern" betroffen ist. Bereits am 4. März hatten die Libanesen im Süden die erste Räumungsorder erhalten. Sie sollten sich hinter dem Litani-Fluss in Sicherheit bringen. Dies löste eine erste große Fluchtwelle aus. Die zweite Aufforderung dehnt das Gebiet jetzt deutlich weiter nach Norden aus, in dem die israelische Armee gegen die Teheran-treuen Hisbollah-Einheiten vorgeht.
Der Süden des Libanon – seit Jahrzehnten Kriegsgebiet
Für die Libanesen jeglicher Generation werden düstere Erinnerungen wieder wach: An die Kriege der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, an die 18 Jahre andauernde israelische Besatzung der südlichen Libanons, die 2000 mit dem Abzug der israelischen Armee endete, an den Krieg nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, an oftmalige Flucht, Zerstörung und Vertreibung. Stets war es der gleiche Anlass, stets war das politische Ergebnis das Gleiche: Die Hisbollah wurde 1982 von iranischen Revolutionsgardisten gegründet, mit dem strategischen Ziel, als Abschreckungs- und Vergeltungswaffe des Iran gegen Israel zu fungieren. Damit sollte der Iran nicht direkt in eine militärische Konfrontation mit Israel hineingezogen werden.
Zuvor war im selben Jahr, 1982, die israelische Armee unter dem damaligen Verteidigungsminister Ariel Sharon in den Libanon eingerückt, bis nach Beirut, um die dort residierende Spitze der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) um Jassir Arafat zu vertreiben und den Raketenbeschuss auf den Norden Israels zu unterbinden. Die israelische Besatzungszeit dauerte bis ins Jahr 2000. Sechs Jahre später brach der nächste Libanon-Krieg aus, ausgelöst durch einen Überfall der Hisbollah auf eine israelische Grenzpatrouille. Nach verlustreichen Kämpfen wurde nach wenigen Wochen eine Waffenruhe unter der Regie der Vereinten Nationen vereinbart. Das Ziel jedoch, die Hisbollah zu entwaffnen, wurde verfehlt.
Beide Kriegsparteien ignorierten oftmals die Anwesenheit von UN-Beobachtungstruppen. Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 griff die Hisbollah erneut im Auftrag Teherans an. Erneut ging es Israel um die weitgehende Zerstörung des umfangreichen Raketenarsenals der Hisbollah und der Zurückdrängung der Schiiten-Miliz hinter den Litani-Fluss. Erneut flohen Zehntausende Menschen aus dem umkämpften Süden des Landes. Die anschließende Waffenruhe, im Spätherbst 2024 vereinbart, blieb brüchig. Israels Luftwaffe griff in den Folgemonate bis zum Angriff auf den Iran Ende Februar immer wieder mutmaßliche Hisbollah-Ziele an.
Keine Rückkehr der Bevölkerung ohne Sicherheit für Israel
An der möglichen Dauer des jetzigen Kriegs gegen die Hisbollah hegt Israels Regierung keinen Zweifel: Bereits am Wochenende kündigte Verteidigungsminister Israel Katz an, die Armee werde ihre Einsätze ausweiten. Zudem warnte er, dass die libanesischen Vertriebenen, die durch die israelische Militäroperation aus ihren Häusern vertrieben worden waren, nicht zurückkehren könnten, solange die Sicherheit der Israelis im Norden des Landes nicht gewährleistet sei. Erstmals bombardiert die israelische Luftwaffe mit den Brücken über die Flüsse Litani und Zahrani auch die libanesische Infrastruktur.
Die libanesische Regierung, die erste ohne Regierungsbeteiligung der Hisbollah, hatte Israel direkte Verhandlungen vorgeschlagen – ebenfalls ein Novum in der Geschichte der Region. Vergeblich. Israels Verteidigungsminister Katz erklärte bereits Anfang der Woche: "Die libanesische Regierung wird durch Schäden an der Infrastruktur und Gebietsverluste immer höhere Kosten zu tragen haben." Dies gelte, bis die Hisbollah entwaffnet worden sei – eine Forderung, die unter anderem auch nach dem Libanon-Krieg von 2006 von Israels damaliger Regierung erhoben worden war.
Das Wort "Gebietsabtrennung" lässt im Libanon die Befürchtung aufkommen, dass die Abtrennung des Südlibanons vom Rest des Landes den Weg für eine groß angelegte israelische Militäroperation auf libanesischem Gebiet ebnen könnte.
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