Kurz vor Beginn des neuen Schuljahres und drei Jahre nach Einführung des Radgesetzes in Bayern ist die Unzufriedenheit mit den Alltagsradwegen groß. Gerade auf dem Land meiden Menschen das Fahrrad, weil ihnen der Verkehr zu gefährlich erscheint, zeigen Recherchen des BR und Studien.
Nach dem "Fahrrad-Monitor 2025" des Sinus-Instituts fühlen sich 41 Prozent der Radfahrer in Deutschland auf dem Bike unsicher. 2021 waren es noch 37 Prozent. Hauptursachen sind laut Studie rücksichtsloses Verhalten von Autofahrern (60 Prozent), zu viel Verkehr (48 Prozent) sowie zu schnelle Autos und andere motorisierte Fahrzeuge (47 Prozent).
Statistik: Jeder sechste Verkehrstote auf dem Rad
Parallel dazu ist die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer gestiegen. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes war jedes sechste Todesopfer im deutschen Straßenverkehr 2025 mit dem Fahrrad unterwegs. In Bayern ist die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer zwischen 2015 (81) und 2025 (82) nahezu konstant geblieben, während die Gesamtzahl der Verkehrstoten von 614 auf 507 zurückging.
Wenn Menschen sagen: "Lieber kein Fahrrad mehr"
Ines Müller aus Deggendorf etwa hat mit dem Radeln aufgehört. "Es ist mir zu gefährlich. Ich möchte nicht im Krankenhaus landen", sagt sie. Auch viele andere wünschen sich bessere Radwege.
"Es gibt vereinzelt Radwege, aber sie hören einfach auf", sagt ein Passauer Radler. Die Stadt Passau landet im Fahrradklimatest des ADFC in ihrer Größenordnung mit der Note 4,6 deutschlandweit auf dem vorletzten Platz – hinter Hof. "Vor allem mit Fahrradanhänger ist es schwierig. Da entscheidet man sich doch eher nochmal fürs Auto", sagt eine Mutter, die in Passau unterwegs ist.
Im Video: Die Gefahr bleibt – Radfahren in der "Todeszone"
Alltagspendeln durch die "Todeszone"
Gefährliche Strecken kennt die Lehrerin Julia Gais aus Waldkirchen. Sie pendelt täglich rund 60 Kilometer mit dem Rad nach Passau. Auf ihrer Strecke gibt es kaum Radwege. Einen Abschnitt zwischen Waldkirchen und Büchlberg bezeichnet sie als "Todeszone": Die Straße ist beidseitig mit Leitplanken begrenzt, Ausweichmöglichkeiten gibt es kaum. "Ich hatte mehrere Situationen, wo ich mich mit Müh und Not an der Leitplanke zur Seite gequetscht habe, um nicht überfahren zu werden", sagt Gais.
Radlland Bayern – außer auf dem Land
Seit 2011 spricht die Staatsregierung vom "Radlland" Bayern. Während in den Großstädten die Zahl der Radler steigt, geht sie allerdings auf dem Land vielerorts zurück oder stagniert – etwa in Niederbayern. Dort liegt der Radverkehrsanteil bei sechs Prozent, während er im Schnitt in Bayern bei elf Prozent liegt. Gleichzeitig befindet sich die Autodichte mit 684,5 Fahrzeugen pro 1.000 Einwohner in Niederbayern auf einem historischen Höchststand.
600 neue Kilometer – nur, wo sind sie?
Seit Sommer 2023 gilt – auf Druck eines erfolgreichen Volksbegehrens – in Bayern das Radgesetz. Nach Angaben des Verkehrsministeriums wurden seit Inkrafttreten rund 600 Kilometer Radwege von Kommunen und Freistaat neu gebaut oder ausgebaut.
Auf BR-Nachfrage, wo diese Strecken liegen, verweist das Ministerium darauf, eine bayernweite Erfassung sei "unverhältnismäßig aufwendig". Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) ergänzt: "Natürlich können wir sagen, wo die 600 Kilometer sind, was da alles gefördert wurde, und das kann man notfalls auch auflisten. Allein in Niederbayern haben wir 100 Kilometer gebaut." Eine Übersicht liegt bislang nicht vor.
Zersplitterte Zuständigkeiten, leere Kassen
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) kritisiert, dass es vielerorts an alltagstauglichen, durchgehenden Radverbindungen fehlt. Etwas zu ändern, ist häufig schwierig, zeigen Gespräche mit Verantwortlichen in Städten und Landkreisen: Zuständigkeiten sind zersplittert, es fehlt an Geld, politischem Willen und Platz für den Umbau.
Eine Stütze ist der Verein "Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundliche Kommunen in Bayern", in dem sich rund 130 Städte, Gemeinden und Landkreise beim Radausbau helfen. Doch etwa ist die Stadt Schweinfurt aufgrund ihrer angespannten Haushaltslage im Juli wieder ausgetreten.
Was Tempo 30 sofort verändern könnte
Dabei gäbe es aus Sicht von Radbeauftragten sowie VCD-Vertreter Sluka eine schnelle und kostenlose Maßnahme: langsamere Autos. "Bei Tempo 30 in Städten trauen sich die meisten Radfahrer einfach mitfahren auf der Fahrbahn", sagt Sluka. Auch die Befragten im Fahrrad-Monitor wünschen sich mehr Radwege und eine Trennung von den Autofahrern. Bayern muss das Rad nicht neu erfinden, sondern dafür sorgen, dass sich darauf niemand unsicher fühlen muss.
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