Immer weniger Deutsche entscheiden sich für eine Ausbildung in einem Hotel oder Restaurant. Dafür hat sich die Zahl der vietnamesischen Azubis laut Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittelfranken seit 2022 mehr als vervierfacht. Doch manche Azubis geraten auf ihrem Weg nach Deutschland an die falschen Vermittler.
Azubis zahlen hohe Vermittlungsgebühren
Die meisten vietnamesischen Azubis kommen über Agenturen nach Deutschland. Doch der Vermittlungs-Service kostet. Son Pham, Geschäftsführer der Regensburger Vermittlungsagentur "V-Unite", erklärt: "Der klassische Marktpreis liegt bei 6.000 bis 10.000 Euro." Für Menschen in Vietnam sind das etwa zwei Jahresgehälter. Verschiedene Quellen berichten von Fällen, in denen Azubis bis zu 20.000 Euro gezahlt haben sollen.
Van Anh ist 2023 für eine Ausbildung in einem Restaurant nach Deutschland gekommen. Van Anh heißt eigentlich anders, möchte aber anonym bleiben. Sie hat 7.500 Euro für ihre Vermittlung gezahlt und erzählt: "Meine Familie hat einen Kredit bei der Bank aufgenommen. Dafür schicke ich jetzt Geld nach Vietnam zurück, um die Schulden zu bezahlen." Das bedeutet auch: Van Anh und ihre Familie sind finanziell abhängig von ihrer Ausbildung.
Das System der Agenturen
Das System funktioniert so: Die jungen Menschen machen in Vietnam einen Deutschkurs bis zum Sprachniveau B1. Die Vermittlungsagenturen, die im Auftrag deutscher Unternehmen nach Azubis suchen, suchen in den Sprachschulen nach geeigneten Kandidaten. Die Vermittler helfen ihnen dann bei Behördengängen, bringen sie ins Land und kümmern sich – im Idealfall – um sie.
Stefan Kastner von der IHK Mittelfranken sagt: "Hier gibt es leider auch unseriöse Agenturen, denen es lediglich ums Geld geht." Das machen auch die rassistisch anmutenden Namen mancher Agenturen wie "Vietbee" (Vietnamesen-Biene), "Power4You" oder auch "Reiskraft" deutlich.
Gefälschte Verträge
Im schlimmsten Fall stehen die Kandidaten am Ende ohne Geld und ohne Ausbildungsvertrag da. So einen Fall gab es beim Arvena-Hotel in Nürnberg. Hier haben sich im März fünf Vietnamesen mit vermeintlichen Ausbildungsverträgen des Hotels gemeldet.
Doch die Verträge sind gefälscht. "Das ist eine Qualität an Betrug, die wir so noch nicht kannten", erzählt Geschäftsführer Jörg Schlag. Eines der Opfer sagt im Interview, dass die Agentur ihm im Vorfeld verboten hatte, selbst Kontakt zum Hotel aufzunehmen. Gezahlt haben die Vietnamesen mehrere Tausend Euro.
Im Video: Moderner Menschenhandel: Werden Azubis aus Vietnam ausgebeutet?
Immer mehr Betriebe holen sich Azubis aus Vietnam - zum Beispiel in der Gastro- und Hotelbranche.
Billige Arbeitskräfte
Solche Fälle sind eher die Ausnahmen. Den meisten Azubis aus Vietnam geht es gut. Stefan Kastner von der IHK sagt: "Auch die Abbrecherquoten sind bei vietnamesischen Azubis minimal."
Bei den problematischen Fällen handele es sich in Mittelfranken eher um Einzelfälle. Doch die treten immer wieder auf. Van Anh war einer davon. Sie kam für ihre Ausbildung in einen asiatischen Imbiss. Dort habe sie 14 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche arbeiten müssen, erzählt sie. Mit kaum Pausen. "Das sind grobe Verstöße gegen das Arbeitsschutzgesetz", sagt Laura Savelsberg von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Sie fordert stärkere Kontrollen der Betriebe und klarere Regeln für die Vermittlung der Azubis. "Denn so, wie es aktuell passiert, geht das zum Teil in Richtung Menschenhandel."
Eindämmung sei schwierig
BR24 hat rund 30 Agenturen angeschrieben – von ihnen antwortet nur eine Handvoll, darunter auch V-Unite. Sie klagen über ihre unseriösen Kollegen und wünschen sich unter anderem eine staatliche Zertifizierung. Und mehr Aufklärung: Sie sagen, dass eine kostenlose Vermittlung auf keinen Fall seriös sein kann. Denn die Vermittlungskosten laufen so oder so auf – und wenn der Betrieb sie nicht bezahlt, dann muss das Geld zwangsläufig von woanders herkommen.
Laut deutschem Recht müssen ohnehin die Betriebe für die Vermittlung zahlen, nicht die Azubis. Das umgehen manche Agenturen aber, indem sie ihren Sitz nach Vietnam verlegen.
Das Bundesarbeitsministerium kennt die Probleme ebenfalls. Allerdings sei "die Eindämmung der unseriösen Vermittlung durch gesetzliche Anpassungen auf deutscher Seite aufgrund des häufigen Sitzes dieser Agenturen in Vietnam schwierig". Man versuche, mit den vietnamesischen Behörden zusammenzuarbeiten und in Deutschland Betriebe wie Azubis zu informieren und zu sensibilisieren.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

