Augsburg hat nach Angaben der Stadt mehr Brücken als Venedig. Doch was diese Brücken und auch Häuser und Kirchen seit Jahrhunderten trägt, bleibt vielfach verborgen unter der Erde. Im trockengelegten Innenstadtkanal "Hinterer Lech" stehen Arbeiter zwischen engen, alten Mauern. Direkt über ihnen liegt der gotische Kreuzgang der evangelischen Barfüßerkirche mit fast 800 Jahren Geschichte. An manchen Stellen trennen gerade einmal 14 Zentimeter Mauerwerk den historischen Bau vom Kanal darunter. Die Konstruktion hat Jahrhunderte getragen. Jetzt ist aber Eile geboten. Bereits am Freitag, 2. Oktober, soll wieder Wasser durch den Kanal fließen. Bis dahin muss der aktuelle Arbeitsschritt abgeschlossen sein.
Ingenieur: Hätte zu Überschwemmungen in Altstadt führen können
Bei einer Begehung im Jahr 2019 wurden Verformungen am Gewölbe und an den Uferwänden sowie Aushöhlungen im Gründungsbereich entdeckt. Damit verlor die historische Konstruktion schrittweise an Tragfähigkeit. Es ging dabei nicht um eine Kirche, die jeden Moment einstürzen könnte, sondern um ernste statische Schäden unter Teilen des Ensembles.
Tragwerksplaner Anton Schiele formuliert den möglichen Verlauf dennoch deutlich: "Wenn wir jetzt nicht reagiert hätten, wäre ein Einsturz sehr wahrscheinlich und eine Überflutung der Altstadt die Konsequenz." Ingenieur Walter Ullmann erklärt, ein Einsturz des Kanalgewölbes und des darüber liegenden Kreuzgangs könnte den Hinteren Lech aufstauen und in Teilen der Altstadt Überschwemmungen auslösen.
Das erstaunliche Fundament unter Augsburg
Das Problem führt tief in Augsburgs Baugeschichte. Nach Schieles Angaben beruht das historische Tragsystem der Innenstadtkanäle auf einem ausgeklügelten System aus Eichenpfahlgründungen. Solange die Bedingungen stimmen, kann Holz im wassergesättigten Untergrund über sehr lange Zeit tragfähig bleiben. Kritisch wird es dort, wo der Wasserstand schwankt und das Holz zeitweise mit Luft in Kontakt kommt. Auch das nur 14 Zentimeter starke Kanalgewölbe konnte so lange halten, weil Gewölbe Lasten sehr wirksam ableiten. Sobald jedoch ihre seitlichen Stützen nachgeben, wird die bislang robuste Konstruktion instabil.
Sanieren im Rhythmus des Wassers
Für die Planung gab es keine detaillierten Bestandsunterlagen. Fachleute mussten den Kanal deshalb zunächst per Laserscan vermessen, Wand- und Gewölbestärken bestimmen und den Boden untersuchen. Gebaut werden kann nur während der Bachablässe, wenn der Hintere Lech weitgehend trockenliegt. In diesem Abschnitt entstehen eine neue Stahlbetonsohle und verstärkte Uferwände. Später soll eine zusätzliche Schale das alte Gewölbe stabilisieren. Der Ablauf ist ungewöhnlich: Baustelle einrichten, Material einbringen, arbeiten, alles wieder herausräumen und das Wasser zwei Wochen lang fließen lassen. Danach beginnt die Einrichtung von Neuem, erklärt Ullmann. Würde der Kanal länger trockengelegt, könnte sich der Grundwasserstand im Umfeld verändern und Schäden an benachbarten Gebäuden begünstigen.
Hohe Kosten für die Kirchengemeinde
Für die kleine Innenstadtgemeinde ist die Sanierung auch finanziell eine enorme Aufgabe. Von den Gesamtkosten in Höhe von rund 1,6 Millionen Euro muss sie nach Angaben von Pfarrer Bernhard Offenberger etwa ein Drittel selbst tragen. "Eine halbe Million ist für eine sehr kleine Kirchengemeinde schon eine ziemliche Herausforderung", sagt er. Dennoch gehe es nicht nur um das eigene Gemeindeleben, sondern um einen historischen und viel besuchten Ort mitten in Augsburg.
Warum diese Baustelle womöglich nicht die letzte ist
Die Sanierung unter der Barfüßerkirche könnte dabei nur ein Vorgeschmack sein. Ingenieur Walter Ullmann sagt, es werde wahrscheinlich künftig "noch den ein oder anderen" in Augsburg treffen, der ähnliche Sanierungsmaßnahmen durchführen müsse. Schiele verweist darauf, dass das historische Gründungssystem nicht nur diese eine Stelle betrifft, sondern überbaute Kanalbereiche in der Innenstadt grundsätzlich nach demselben Prinzip konstruiert wurden.
Noch gibt es aber keine Hinweise auf eine flächendeckende Sanierungswelle. Augsburgs Baumeister müssen den Untergrund auch in Zukunft im Blick behalten und nachbessern, wo nötig. Abschnitt für Abschnitt und immer im Takt des Wassers.
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