Wenn Robert Schmidbauer seine Töchter vermisst, dann geht er manchmal zu einem kleinen Hügel in der Nähe seines Hauses in Freilassing. Früher waren sie hier oft gemeinsam rodeln. Er zieht ein Sterbebild aus der Tasche, darauf sind zwei lächelnde Mädchen zu sehen: Christina, damals 11 Jahre alt, und Marina, 8 Jahre alt. Sie waren "ein Herz und eine Seele", sagt Schmidbauer.
Schmidbauers Töchter, Christina und Marina, sind 11 und 8 Jahre alt geworden.
Neben den Fotos steht das Datum ihres Todes: der 2. Januar 2006. Um 15.54 Uhr stürzte das Dach der Eislaufhalle in Bad Reichenhall ein. 15 Menschen starben, darunter auch Christina und Marina Schmidbauer. Seine Frau Dagmar überlebte, mit einem dreifachen Beckenbruch.
Schmidbauer war an diesem zweiten Januar zu Hause geblieben. Er weiß noch genau, wie das Telefon läutete. Er dachte, es sei seine Frau, um ihm zu sagen, dass sie jetzt heimfahren. Doch es kam anders. Seine Frau hatte sich in dem Chaos irgendwie aus der Halle gekämpft und ein Handy geliehen: "Wir haben keine Kinder mehr." Das ist der Satz, der sich ihm eingebrannt hat.
Zwei Stelen in orange für Christina und Marina
Bei dem Einsturz starben 12 Kinder und drei Frauen. Für sie hat die Stadt eine Gedenkstätte errichtet – auf dem Areal, wo früher die Eislaufhalle stand. 15 bunte Stelen mit Zacken am oberen Ende für die 15 Menschen, die jäh aus dem Leben gerissen wurden.
Grund für den Einsturz der Halle waren bauliche Mängel. Sie führten dazu, dass das Dach dem tagelangen Schneefall nicht standhielt. In der Folge suchte man nach den Verantwortlichen. Die strafrechtliche Aufarbeitung empfanden viele Angehörige allerdings als unbefriedigend.
Im November 2008 verurteilte das Landgericht Traunstein den Konstrukteur des Daches der Eislaufhalle wegen fahrlässiger Tötung zu eineinhalb Jahren Bewährungsstrafe. Einen Sachverständigen und einen Architekten sprach die Große Strafkammer frei. Die zuständigen Mitarbeiter der Stadtverwaltung hingegen – unter denen viele Angehörige die eigentlich Verantwortlichen vermuteten – saßen gar nicht auf der Anklagebank.
Das Mahnmal - 15 bunte Stelen mit zackigen Kronen erinnern an die 15 Menschen, die jäh aus dem Leben gerissen wurden.
Traumatherapie für die Hinterbliebenen
Was hat die Stadt gewusst? Hätte das Unglück verhindert werden können? Der Prozess habe viele Fragen offengelassen. Aber all das sei für ihn nicht mehr "lebensentscheidend", sagt Schmidbauer. Er und seine Frau haben sich nach dem Unglück mühsam zurück ins Leben gekämpft.
Geholfen hat dem Paar dabei eine Trauma-Psychologin. Nach so einem Schicksalsschlag gebe es nur drei Wege damit umzugehen, habe sie den Eltern zu Beginn der Therapie gesagt, erinnert sich Schmidbauer: Alkohol, Selbstmord oder der Versuch, das Beste aus dem Schicksal zu machen. Die ersten zwei Optionen kamen für seine Frau und ihn nicht infrage. "Also musst du irgendwie weiterleben."
Wenig später entschloss sich das Paar, noch einmal ein Kind zu bekommen. Der Sohn - "unser größtes Glück" - ist heute 17 Jahre alt. Der Schmerz über den Verlust der Töchter wird die Eltern trotzdem für immer begleiten. Schmidbauer vergleicht ihn manchmal mit Wellen: "Die Wellen werden leichter und kommen seltener. Aber sie kommen immer."
Eishallengelände soll wieder bebaut werden
Auch die Stadt Bad Reichenhall hat eine sichtbare Wunde davongetragen: Das Gelände, auf dem früher die Eislaufhalle stand, liegt seit zwanzig Jahren brach.
Doch nun soll hier wieder etwas entstehen: der neue Hauptsitz des bayerischen Landesamtes für Maß und Gewicht. Eine angemessene Wahl, findet der Oberbürgermeister der Stadt, Christoph Lung. Denn das Landesamt kümmere sich um die Richtigkeit von Produkten, um die Genauigkeit von Messergebnissen, kurz: um Sicherheit. Das Mahnmal werde direkt daneben natürlich weiter bestehen bleiben - um auch in Zukunft an die Toten von 2006 zu erinnern.
An diesem 2. Januar 2026 – zwanzig Jahre nach dem Unglück – werden die Angehörigen wie jedes Jahr zum Unglücks-Zeitpunkt am Mahnmal zusammenkommen, um der Verstorbenen zu gedenken. Ab 17 Uhr findet dann im nahegelegen Münster St. Zeno ein öffentlicher Gedenkgottesdienst statt.
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