Wolfgang Bauer ist mitten im Praxisjahr seiner landwirtschaftlichen Ausbildung, als im Herbst 2015 der Unfall passiert. Beim Grasmähen mit dem Maishäcksler verstopft die Maschine. Er schaltet sie ab, räumt das Gras raus, macht einen Kontrolllauf, schaltet sie erneut ab und will ein letztes Mal reingreifen. "Ich war der Meinung, die Maschine steht, und sie ist nicht gestanden. Ich hab in den Wurfbeschleuniger gefasst und das Wurfgebläse hat mir dann meinen Arm runtergezogen."
Noch heute verzieht Wolfgang das Gesicht, wenn er vom Unfall erzählt. "Das ist ein Schmerzcocktail, wie ich ihn so noch nie gehabt habe! Die Hand hat sich so richtig kochend angefühlt, obwohl sie schon nicht mehr da war. Wie, wenn man ins kochende Wasser reinlangt", erzählt er in der BR-Sendereihe Hofgeflüster. Ein Erntefahrer setzt den Notruf ab, Wolfgang wird per Hubschrauber nach München geflogen und sofort notoperiert
Im Video: In der Serie Hofgeflüster berichtet Wolfgang Bauer, wie er sich nach dem Unfall ins Leben zurückgekämpft hat.
Für die Serie "Hofgeflüster" besucht "Unser Land"-Reporterin Stefanie Heiß Bauernhöfe in Bayern und spricht mit den Landwirtsfamilien über Tabuthemen in der Landwirtschaft. Alle Videos der "Hofgeflüster"-Serie gibt es hier.
Der Weg zurück ins Leben
Wolfgangs rechte Hand ist nicht mehr zu retten. "Zum Glück war meine Familie schon da, als ich nach der OP aufgewacht bin, sonst hätte ich das psychisch nicht so gut weggesteckt", erzählt der heute 31-Jährige. Auch seine Mutter Monika erinnert sich noch gut an diesen Moment. "Er hat die Augen aufgemacht, zu seiner Hand geschaut und gesagt: Mama, ich brauch eine Prothese!" Seine Familie bewundert Wolfgangs Lebenswillen und Optimismus. "Er hatte keinen einzigen Durchhänger!" Der Gedanke an eine Handprothese, die ihm wieder ein selbstständiges Leben ermöglicht, hält ihn in den Wochen im Krankenhaus aufrecht.
Unterstützung von der SVLFG
Da Wolfgang seine Hand bei einem Arbeitsunfall verloren hat, werden seine gesamte medizinische Behandlung, die Therapien und auch die Handprothesen von der landwirtschaftlichen Sozialversicherung (SVLFG) übernommen. Thomas Weiß ist Reha-Manager bei der SVLFG und betreut Wolfgang Bauer in dieser Zeit. Er koordiniert Wolfgangs Behandlungen und Therapien und bespricht mit ihm auch, welche Möglichkeiten er hat, beruflich umzuschulen. Der Reha-Manager ist erst skeptisch, ob die schwere körperliche Arbeit als Vollerwerbslandwirt mit Handprothese möglich ist. Doch Wolfgang zweifelt keine Sekunde daran, dass er den Hof seiner Eltern übernehmen kann.
Hightech-Prothesen auf dem Milchviehbetrieb
Wolfgangs Prothese besteht aus zwei Teilen: Der Prothesenschaft sitzt auf seinem Unterarmstumpf. An den Schaft kann er die Prothesenhand schrauben. Davon hat er drei: eine, mit der er fest zupacken und schwere Arbeiten auf dem Hof erledigen kann. Eine, die jeden Finger einzeln bewegen kann und die er für filigrane Arbeiten nutzt, und eine, die man am Handgelenk hochbiegen kann. Diese Hand nutzt er, wenn er den Joystick für den Frontlader am Traktor bedient, oder auch, um beim Essen das Messer zu halten. Da Wolfgang Linkshänder ist, musste er nicht viel umlernen und nutzt die Prothese im Alltag vor allem zum Gegenhalten.
Wolfgang steuert die Prothese, indem er in Gedanken seine Hand öffnet. Die Prothesenhand reagiert sofort. Acht Elektroden messen die Oberflächenspannung auf der Haut, die entsteht, wenn Wolfgang daran denkt, die Hand zu bewegen. "Wenn ich jetzt sage, ich will den Gegenstand greifen, dann greife ich den", erklärt Wolfgang begeistert, während er mit der Prothese nach einem Glas greift. Ein teures System: Die Erstausstattung von Stumpf und Hand kostet über 100.000 Euro.
Selbstständiger Landwirt und Berater für andere
Traktor fahren, Strohballen wuchten, Melkgeschirr anlegen – Wolfgang kann dank der Prothesen alle anfallenden Arbeiten auf dem Hof verrichten. Vor sieben Jahren hat er den Betrieb mit 40 Milchkühen von seinen Eltern übernommen und bewirtschaftet ihn im Vollerwerb. Und auch privat hat Wolfgang sein Glück gefunden. Kurz nach dem Unfall lernt er seine heutige Frau Lisa kennen. Mittlerweile haben die beiden zwei gemeinsame Kinder. Sein Weg macht Mut und auch Wolfgang selbst möchte anderen Betroffenen Mut machen. Deswegen ist er mittlerweile Peer-Berater bei der SVLFG. Menschen, die ähnliche Unfälle erlitten haben, können auf seinen Hof kommen, um zu erleben, wie ein erfolgreicher Alltag in der Landwirtschaft mit Handprothese aussehen kann.
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