Beim Beinahe-Unglück eines Vietnam-Airlines-Flugzeugs in München wurden beim Start die Bremsen betätigt. Das geht aus einem Zwischenbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig hervor. Die mit fast 290 Menschen besetzte Boeing 787-9 war Mitte August am Münchner Flughafen über die Startbahn hinausgeschossen und konnte gerade noch im Grasbereich abheben. Der Dreamliner war offenkundig zu langsam, beim Take-off in letzter Sekunde berührte das Heck den Boden.
Ob es ein Fehlverhalten eines Piloten oder ob es einen technischen Fehler gab, ist der Untersuchung zufolge noch unklar. Das BFU stellte Teile der Bremsen sicher, um diese genauer zu untersuchen.
Stand der Vietnam-Airlines-Pilot auf der Bremse?
Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt spricht im BR24-Interview von einer aktiven Bremsung im Cockpit des Dreamliners. "Das wirklich Verstörende ist, dass man in den Daten, die die BFU veröffentlicht hat, sieht, dass der Pilot, der auf dem linken Sitz saß im Cockpit, dass der praktisch die ganze Zeit mehr oder weniger stark auf der Bremse gestanden hat", sagte der Luftfahrtexperte.
Das Bremsen im Flugzeug funktioniere mit den Fußspitzen, ähnlich wie beim Autofahren. Das sei vergleichbar damit, "als würde man beim Autofahren die Handbremse nicht gelöst haben". Es gelte, zu klären, wie das passieren konnte und wie der Pilot während des Startvorgangs auf der Bremse habe stehen können, ohne es zu merken. Dafür müsse man eigentlich eine "deutlich spürbare Kraft" aufwenden.
Dreamliner-Vorfall in München: Abschlussbericht erst im August 2027
Die BFU will ihren Abschlussbericht voraussichtlich bis ein Jahr nach dem Vorfall vorlegen – das wäre August 2027. Bei der Bremsanlage werde es weitere Untersuchungen geben, erklärte Großbongardt. Unter anderem würden Speicherchips ausgelesen. Der Luftfahrtexperte geht außerdem davon aus, dass die Ermittler versuchen werden, mit den Piloten des Flugzeugs zu sprechen. Es gelte zu klären: "War denn tatsächlich die Bremswirkung aus dem Cockpit das Ursächliche oder hat es nicht vielleicht doch ein technisches Problem gegeben?", so der Experte.
Pilot hält blockiertes Bremspedal für möglich
Vor voreiligen Schlüssen warnte der Pilot Martin Pollmüller im BR24-Interview. Es sei nur schwer vorstellbar, dass ein erfahrener Flugkapitän mit 27.000 Flugstunden versehentlich auf der Bremse gestanden habe. Denkbar sei daher auch ein technischer Fehler: etwa eine zu fest angezogene Schraube bei der letzten Wartung, die das Bremspedal blockiert habe. Grundsätzlich seien Flugzeuge sehr komplex, die Wartung daher sehr aufwändig. Die Theorie mit einem klemmenden Bremspedal sei also nur eine von vielen möglichen.
Bei einem Dreamliner-Start in München ist Mitte August offenbar nur knapp eine Katastrophe verhindert worden.
Flugzeug "konnte eigentlich noch gar nicht fliegen"
Laut Großbongardt zeigt der Bericht: "Wir sind ganz hauchdünn an einer Katastrophe vorbeigeschrammt." Denn das Flugzeug habe erst 240 Meter nach Ende der Startbahn abgehoben und sei zu dem Zeitpunkt auch etwa 20 Kilometer pro Stunde zu langsam gewesen.
"Es konnte eigentlich noch gar nicht fliegen", führte Großbongardt aus. Die Besatzung habe die Boeing dann "mit aller Gewalt in die Luft gebracht".
Copilot erhöhte den Triebwerksschub
Dem Bericht der BFU zufolge hatte das Flugzeug am 15. August um 13.55 Uhr die Startfreigabe erhalten. Kurz darauf wurde der Startlauf aktiviert – und Sekunden danach die Bremspedale ausgelöst und permanent gehalten. Kurz vor dem Abheben erhöhte der Copilot den Triebwerksschub manuell.
Die Folge war laut der BFU, dass das Flugzeug über die Startbahn hinausschoss, auf das Gras dahinter geriet und noch im letzten Moment abheben konnte. Heck und Fahrwerk kollidierten dabei mit 20 Lampen des Beleuchtungssystems an der Startbahn. Dabei wurde auch der Rumpf des Flugzeugs beschädigt. Nach der Landung wurden zudem Schäden an vier Reifen festgestellt.
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