Die Videos tragen Titel wie "Sexy Drunk Girls" oder "Heiße Fahrt auf dem Oktoberfest". Seit Jahren landen Tausende solcher Aufnahmen im Internet. Sie zeigen Frauen auf dem Teufelsrad, immer wieder ist deren Unterwäsche zu sehen. Manche Vorschaubilder der Videos sind digital manipuliert und zeigen Frauen mit nackten Brüsten oder gänzlich unbekleidet.
Kurz vor Wiesn-Start war bereits bekannt geworden, dass mindestens 32.000 solcher Clips im Internet kursierten (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt). Wer systematisch solche Videos filmt, bearbeitet und auf Plattformen wie YouTube, Instagram oder TikTok hochlädt, war allerdings bislang unklar.
BR-Recherchen zeigen nun: Hinter vielen voyeuristischen Teufelsrad-Videos stecken Akteure aus Bayern sowie YouTube-Profis aus der Ukraine, die die Videos gezielt dafür verwenden, um die Reichweiten von Accounts zu vergrößern.
BR identifiziert Akteure, drei davon aus Bayern
Bei einem Akteur handelt es sich nach BR-Recherchen um einen Mann aus Bayern. Den Recherchen zufolge hat er mutmaßlich selbst Aufnahmen angefertigt und steht mit mehr als einem Dutzend Accounts auf mehreren Plattformen in Zusammenhang. Die erfolgreichsten, mittlerweile gelöschten Teufelsrad-Videos dieser Accounts haben zusammen mehrere hundert Millionen Aufrufe.
BR-Reporterinnen und Reporter haben mit einer Frau gesprochen, die auf einem der Accounts gezeigt wurde. Allein ein Video hat mindestens 74 Millionen Aufrufe erreicht. Immer wieder sei sie von Männern wiedererkannt und darauf angesprochen worden, sagt sie. Sie spricht von einem "Mix aus Ekel, Scham und Wut", den sie damals gefühlt habe.
Obwohl dieses Video nicht mehr abrufbar ist, kursieren zum Zeitpunkt der Recherche noch mindestens 29 weitere Clips und Fotos von ihr auf dem Teufelsrad im Internet. Einen Fragenkatalog des BR beantwortet der Mann nicht. Kurz nach der Anfrage werden einige der Videos gelöscht. Ein zweiter Akteur aus Bayern kündigt an, keine Teufelsrad-Videos mehr zu erstellen, nachdem der BR Fragen übermittelt hatte.
Wenn sich derzeit auf der Wiesn das Teufelsrad dreht, kocht die Stimmung. Doch einige Handybesitzer filmen dabei auch Frauen unters Dirndl.
Frau aus Oberbayern bietet Videos für mehrere hundert Euro zum Verkauf
Die Recherchen führen auch zu den Social-Media-Kanälen einer Frau aus Oberbayern. In ihren Videos richtet sie die Kamera immer wieder gezielt zwischen die Beine von Frauen, während sie vom Teufelsrad rutschen. Auf YouTube hat ihr erfolgreichster Kanal über 160.000 Abonnentinnen und Abonnenten. Im Sommer 2024 schreibt sie öffentlich auf der Plattform X: "Ich habe alle Videos selbst gemacht.
Ich war jeden Tag auf dem Oktoberfest und habe über 600 Videos in 18 Tagen gemacht." Auf einer Webseite bot sie ihr Material zum Verkauf an. Über Nacht habe sie 9.000 Euro mit einem einzigen Video verdient, behauptet sie dort. Für mehrere hundert Euro könne man mehr als 500 unveröffentlichte Videos bei ihr erwerben. Auf eine Anfrage des BR antwortete die Frau nicht. In den Tagen danach verschwanden auch in diesem Fall einschlägige Teufelsrad-Videos. Zwei mutmaßlich von der Frau betriebene Accounts wurden ganz gelöscht.
Teufelsrad-Videos, um systematisch Reichweite aufzubauen
Videos vom Teufelsrad eignen sich offenbar dazu, systematisch die Reichweite von Social-Media-Accounts zu vergrößern. Dieses Potenzial hat nach BR-Recherchen eine Gruppe von YouTube-Profis aus der Ukraine erkannt, die eine Community mit tausenden Mitgliedern aufgebaut hat. Ziel der Community ist es, auf YouTube Geld zu verdienen. Ständig sind sie auf der Suche nach Marktlücken für virale Videos. Zum Beispiel harmlose Kochvideos, aber auch Videos von Spaziergängen am Strand, auf denen Frauen im Bikini zu sehen sind.
Irgendwann vor der Wiesn 2024 müssen die Gründer der Community auf das Teufelsrad gestoßen sein – und beschließen selbst nach München zu fahren. In einem Video erzählen sie davon: "Wir haben quasi den ganzen Tag gefilmt". Erst nach Stunden seien sie von Teufelsrad-Mitarbeitern aufgefordert worden zu gehen. Die Kosten für die Reise, so sagen sie, hätten sie wieder reingeholt. Nach einer BR-Anfrage teilen sie über eine Münchner Anwaltskanzlei mit, die entsprechenden Inhalte inzwischen von ihren Kanälen gelöscht zu haben. Ein Fehlverhalten werde damit nicht eingeräumt.
Teufelsrad-Videos waren täglich im Livestream auf YouTube zu sehen
YouTube-Accounts, die mutmaßlich zum Umfeld dieser Community gehören, bewerben Videos mit Vorschaubildern, bei denen auf die Teufelsrad-Szene Bilder aus Pornofilmen kopiert wurden. Dutzende dieser Accounts standen in den vergangenen Wochen auf einem ukrainischen Online-Marktplatz zum Verkauf. Der Marktplatz schreibt auf eine Anfrage des BR, man sei ein Vermittler zwischen Käufern und Verkäufern von YouTube-Accounts. Mit den Inhalten habe man nichts zu tun.
Zudem bietet ein Mann in einer ukrainischen Telegram-Gruppe Videos zum Kauf an: "Das Besondere an dieser Attraktion sind die Mädchen in Röcken und genau das zieht die Zuschauer an." Sechs Euro pro Minute sollten Aufnahmen mit ausschließlich Frauen kosten. Sind auch Männer auf dem Teufelsrad sinkt der Preis auf 1,50 Euro pro Minute. Auf Anfrage des BR sagt der Mann, er besitze die Videos selbst nicht. Er sei nie in Deutschland gewesen, hätte nur den Bedarf abfragen wollen. Die Anzeige in der Telegram-Gruppe wurde gelöscht.
Google (YouTube), Meta (Facebook, Instagram) und TikTok, auf deren Plattformen die meisten der Teufelsrad-Videos online stehen oder standen, teilten mit Verweis auf die Plattformregeln mit, nach der Anfrage des BR Videos und Accounts entfernt zu haben.
Teufelsrad: Auch von 2026 schon Videos im Netz
Die Betreiber des Teufelsrads ließen auf BR-Anfrage über einen Anwalt mitteilen, man sei bereits seit 2024 bemüht, durch entsprechende Vorkehrungen Upskirting zu verhindern. Im Zelt seien nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch Schilder angebracht, die darauf hinwiesen, dass Upskirting strafrechtliche Folgen nach sich ziehe. Bei Verdacht auf Upskirting werde immer die Polizei gerufen.
Bei einer Recherche vor Ort am ersten Wiesn-Tag konnte ein BR-Team das nur teilweise bestätigen. Mehrere Schilder weisen Besucher darauf hin, dass es sich bei Upskirting um eine Straftat handelt. Allerdings konnte das BR-Rechercheteam einige Personen beobachten, die viele Runden mit Handys und GoPro-Kameras filmten, ohne von Mitarbeitern des Teufelsrads angesprochen zu werden.
Trotz eines generellen Livestream-Verbots auf der ganzen Wiesn streamte eine Person stundenlang live auf TikTok. Sie veröffentlichte auch Teufelsrad-Durchgänge mit Kindern im Internet, ohne vom Personal angesprochen oder der Veranstaltung verwiesen zu werden. Bereits am nächsten Tag waren Ausschnitte dieser Fahrten als neue Videos auf TikTok und YouTube online. Dazu äußerten sich die Betreiber des Teufelsrads bis zum Redaktionsschluss nicht. In Videos vom Teufelsrad aus diesem Jahr sind Durchsagen zu hören, mit denen an die Besucher appelliert wird, nicht unter Röcke zu filmen.
Die Stadt München als Veranstalterin des Oktoberfests hat auf eine BR-Anfrage nicht reagiert.
Mitarbeit: Niels Ringler, Ludwig Spitaler, Lara Jack, Kevin Ebert
Mehr zum Thema bei 11km, BR24 Funkstreifzug am 30.09.26
Im Video: Wie mit Teufelsrad-Videos Geld verdient wird
Der Upskirting-Paragraf greift bei vielen Teufelsrad-Videos nicht.
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