Für den Missbrauch der telefonischen Krankschreibung gibt es nach Aussagen von Krankenkassen, Wirtschaftsexperten und Hausärzten keine Belege.
Für den Missbrauch der telefonischen Krankschreibung gibt es nach Aussagen von Krankenkassen, Wirtschaftsexperten und Hausärzten keine Belege.
Bild
Für den Missbrauch der telefonischen Krankschreibung gibt es nach Aussagen von Krankenkassen, Wirtschaftsexperten und Hausärzten keine Belege.
Bildrechte: picture alliance / Caro Kadatz | Caro Kadatz
Schlagwörter
Bildrechte: picture alliance / Caro Kadatz | Caro Kadatz
Audiobeitrag

Für den Missbrauch der telefonischen Krankschreibung gibt es nach Aussagen von Krankenkassen, Wirtschaftsexperten und Hausärzten keine Belege.

Audiobeitrag
>

#Faktenfuchs: Keine Belege für "Blaumachen" an Brückentagen

#Faktenfuchs: Keine Belege für "Blaumachen" an Brückentagen

Verleiten telefonische Krankschreibungen Arbeitnehmer zum "Blaumachen" – gerade an Brückentagen? Und sind Arbeitnehmende auffällig oft vor und nach Wochenenden krank? Der #Faktenfuchs hat verfügbare Daten zu diesen Behauptungen ausgewertet.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Darum geht's:

  • 2022 wurde die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) eingeführt. Sie ermöglicht eine lückenlose Erfassung aller ärztlichen Krankschreibungen. Das ist der Hauptgrund dafür, dass die Zahl der Tage gestiegen ist, an denen Arbeitnehmer krankgemeldet sind.
  • Nur rund ein Prozent aller Krankschreibungen in Deutschland erfolgt telefonisch.
  • Es gibt keine Belege dafür, dass Arbeitnehmer die telefonische Krankschreibung ausnutzen, um an Brückentagen blau zu machen.
  • Ärztliche Atteste beginnen am häufigsten montags und enden freitags. Das allein ist aber kein Beleg für Missbrauch.

Seit Monaten wird diskutiert, was den Anstieg der Krankheitstage in Deutschland verursacht hat und wie der Krankenstand gesenkt werden könnte. Seit Jahren behaupten Politiker, die telefonische Krankschreibung sei für den Anstieg verantwortlich – so etwa der damalige FDP-Chef Christian Lindner schon 2024.

Wurde die telefonische Krankschreibung ausgenutzt?

Zuletzt äußerten manche auch – direkt oder indirekt – den Verdacht, Arbeitnehmende nutzten die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung aus. So sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Mitte Juli in einem Interview bei Phoenix, die telefonische Krankschreibung solle abgeschafft werden, weil sie "zu deutlich mehr verleitet". Söder: "Weil, wenn ich nämlich nicht beim Arzt bin, sondern nur anrufen muss, das zeigen ja viele Belege..." Moderator: "DIW sagt, da gibt es überhaupt gar keine Belege dafür, dass das zu einem Anstieg führt." Söder: "Schauen Sie in Ihrem Umfeld und fragen Sie nach, da gibt es sehr viele Menschen, wo sie’s wissen – gerade an Brückentagen fällt das zum Beispiel auf."

Bildrechte: Screenshot: x.com/djpr, Montage: BR
Bildbeitrag

Es gibt keine Belege dafür, dass Arbeitnehmer die telefonische Krankschreibung ausnutzen, um an Brückentagen blauzumachen

Solch einen Verdacht äußerte Söder nicht zum ersten Mal. Schon im Februar 2026 sagte er im "Bericht aus Berlin": "Friedrich Merz hat völlig recht: An Brückentagen ist Deutschland immer etwas kranker als wann anders." Auf die Nachfragen des #Faktenfuchs, auf welche Belege sich Markus Söder bezog, antwortete die Staatskanzlei nicht.

Befürwortet wurde die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Im März 2026 schrieb die BDA in einer Veröffentlichung, die telefonische Krankschreibung sei missbrauchsanfällig und mache es "sogenannten ‘Blaumachern’ viel zu einfach".

Machen Arbeitnehmende an Brückentagen vermehrt "blau"?

Unter den Posts zu den jüngsten Aussagen von Söder zeigen sich viele Nutzer und Nutzerinnen frustriert und äußern, dass sie sich pauschal verdächtigt fühlen. Die Beiträge auf der Plattform X kommen zusammengenommen auf sechsstellige Aufrufzahlen.

Der #Faktenfuchs hat verfügbare Daten ausgewertet und bei Krankenkassen, Hausärzten und Wirtschaftsexperten nachgefragt. Daniel Graeber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagt im Interview mit dem #Faktenfuchs:

"Weder ist belegt, dass an Brückentagen mehr krankgemeldet wird, noch dass das etwas mit der telefonischen Krankschreibung zu tun hätte."

Krankmeldungen ohne Attest nicht in Daten enthalten

Laut Entgeltfortzahlungsgesetz müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bisher erst am vierten Tag der Arbeitsunfähigkeit eine ärztliche Krankschreibung vorlegen. Arbeitgeber sind zwar berechtigt, schon früher ein ärztliches Attest einzufordern, allerdings ist nicht klar, wie viele das tun. Auf Anfrage des #Faktenfuchs wollten mehrere der größten deutschen Arbeitgeber sich nicht zu dieser Frage äußern. Mehreren Gewerkschaften, die der #Faktenfuchs angefragt hat, liegen dazu nach eigenen Angaben keine Informationen vor.

In den verfügbaren Krankenkassen-Daten sind Krankmeldungen ohne Krankschreibung vom Arzt nicht enthalten. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass Arbeitnehmende teils auch ohne Pflicht gleich zu Beginn ihrer Arbeitsunfähigkeit zum Arzt oder zur Ärztin gehen und dass diese teilweise auch rückwirkend krankschreiben.

Vollerfassung der ärztlichen Krankschreibungen dank eAU

Der Anstieg der Zahl von Krankentagen lasse sich vor allem durch die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) im Jahr 2022 erklären, sagt Graeber vom DIW. Vorher hätten Arbeitnehmende ihr ärztliches Attest oft nicht bei der Krankenkasse eingereicht – entweder weil sie es vergaßen oder weil bei kurzen Erkrankungen aufgrund betrieblicher Kulanzregelungen gar kein Attest ausgestellt wurde.

"Da die elektronische Krankschreibung die lückenlose Erfassung ermöglicht hat, hat sie zu einer Vollerfassung geführt – das ist hauptsächlich ein Melde-Effekt."

Die Zunahme der Zahl der Krankentage mit der Einführung der eAU 2022 ist in den Daten des BKK-Dachverbands deutlich sichtbar – bei Atemwegserkrankungen, die üblicherweise eine kurze Krankheitsdauer aufweisen, ist der Ausschlag besonders deutlich.

Auch Wolfgang Ritter, praktizierender Hausarzt aus München und Landesvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, beschreibt diesen Melde-Effekt im Interview mit dem #Faktenfuchs. Beim Blick auf den Krankenstand im monatlichen Zeitverlauf falle das relativ regelmäßige Muster der saisonalen Infektwellen auf – sowie der Anstieg nach Einführung der eAU:

"Die Form der Kurve hat sich nicht verändert, nur das Grundniveau."

Nur rund ein Prozent aller Krankschreibungen erfolgt telefonisch

Die Möglichkeit, sich telefonisch krankschreiben zu lassen, führte die Bundesregierung 2020 im Kontext der Corona-Pandemie zum ersten Mal ein. Zwischen dem 31. März 2023 und 7. Dezember 2023 gab es die Möglichkeit nicht mehr. Danach konnten Ärztinnen und Ärzte wieder telefonisch krankschreiben. Für die Zukunft will die Koalition diese Möglichkeit aber erneut abschaffen.

Die Anzahl und Auswirkung telefonischer Krankschreibungen wird laut dem Ökonomen Daniel Graeber jedoch überschätzt: So zeigt eine Auswertung des Zentralinstituts (Zi) für die kassenärztliche Versorgung mit der Barmer-Krankenkasse für die Jahre 2020 bis 2023, dass nur rund ein Prozent aller Krankschreibungen telefonisch erfolgte. Für 2024 kommt das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) auf einen Anteil der telefonischen Krankschreibungen bei Atemwegserkrankungen von lediglich 0,5 Prozent.

"Selbst wenn telefonische Krankschreibungen vollständig durch sogenannte Blaumacherei verursacht werden würden, ist diese Anzahl nicht ausreichend, um den gestiegenen Krankenstand der letzten Jahre zu erklären", fasst Daniel Graeber vom DIW zusammen. Auch Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK-Dachverbands sagt:

"Unsere Zahlen geben nicht her, dass die telefonische Krankschreibung schuld daran ist, dass wir plötzlich ein Volk der Krankmacher sind."

Zahlen der BKK zum monatlichen Verlauf des Krankenstands wegen Atemwegsinfektionen zeigen vor allem die bekannten Infektwellen – die jährliche Grippesaison und seit Corona zusätzliche Erkrankungswellen im Sommer und vor Weihnachten. Ein rapides Absinken während der zwischenzeitlichen Aussetzung der telefonischen Krankschreibung oder ein sprunghafter Anstieg nach der Wiedereinführung kann nicht abgelesen werden, bestätigt die BKK.

Auflagen schützen laut Hausarzt vor Missbrauch der telefonischen Krankschreibung

Aus Sicht von Hausärzten sei die telefonische Krankschreibung hilfreich, um Patientinnen und Patienten auch während Infektwellen gut versorgen zu können und eine Weiterverbreitung der Infekte im Wartezimmer zu unterbinden, sagt der Hausarzt Wolfgang Ritter im Gespräch mit dem #Faktenfuchs. Als Einfallstor für Missbrauch sieht er die telefonische Krankschreibung nicht – auch weil bestimmte Auflagen dafür gelten. So können Hausärzte nur Patientinnen und Patienten, die ihnen persönlich bekannt sind, bei leichten Erkrankungen wie Atemwegsinfekten sowie für maximal fünf Tage per Telefon krankschreiben.

Krankschreibungen beginnen am häufigsten montags und enden am häufigsten freitags

Auch rund ums Wochenende vermuten manche den Missbrauch von Krankschreibungen. Der damalige Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) sagte Anfang Juli bei "ntv Frühstart": Er gehe davon aus, dass jeder, der nicht zur Arbeit komme, auch krank sei. Aber: "Fakt ist eben, dass wir insbesondere zu Wochenstart und Wochenende besonders viele Krankheitstage haben. Das kann man, meine ich, nicht medizinisch erklären." Eine #Faktenfuchs-Anfrage an das Büro von Frei blieb unbeantwortet.

Bildrechte: Screenshot: x.com/kripp_m, Montage: BR
Bildbeitrag

Ärztliche Atteste beginnen am häufigsten montags und enden freitags. Das allein ist aber kein Beleg für Missbrauch.

Richtig ist: Ärztliche Krankschreibungen in Deutschland begannen im Jahr 2025 laut Zahlen des BKK-Dachverbands am häufigsten montags (36,8 Prozent) und endeten am häufigsten freitags (48,1 Prozent).

Berücksichtigt werden müsse jedoch, dass Ärzte am Wochenende meist nur in Notfällen aufgesucht werden, sagt Wolfang Ritter vom Bayerischen Hausärzteverband. Deshalb erfolgt die Krankschreibung für Erkrankungen, die bereits am Wochenende begonnen haben, in den meisten Fällen erst am Wochenanfang.

Bei der Dauer der Krankschreibung orientieren sich Ärztinnen und Ärzte laut Ritter an der Schwere der Erkrankung. Bei leichten Infekten endet die Krankschreibung daher oft schon mittwochs, bei schwereren Infekten schreiben er und seine Kolleginnen bis zum Ende der Arbeitswoche krank – also bis Freitag. "Wenn jemand keinen Schichtdienst hat und am Wochenende nicht arbeitet, braucht er dafür auch keine Krankschreibung", sagt Ritter. Freitags beginnen laut BKK-Daten mit 9,4 Prozent weniger Krankschreibungen als an jedem anderen Werktag.

Keine Datenauswertung für Krankschreibungen an Brückentagen

Die Zahl der Brückentage in Deutschland variiert. Je nach Bundesland und Kalender im jeweiligen Jahr können sich für Beschäftigte ein bis sechs Brückentage ergeben. Eine Auswertung der Daten wäre aufgrund der unterschiedlichen Tage, der geringen Anzahl jährlich und der regionalen Unterschiede aufwendig und wenig aussagekräftig und wird laut BKK bisher nicht gemacht. "Ich kenne keine Daten, die belegen, dass sich an Brückentagen mehr Menschen krankmelden", sagt dazu Ritter vom Hausärzteverband im Gespräch mit dem #Faktenfuchs.

Keine Belege für “Blaumachen” rund um Wochenenden und Brückentage

Daniel Graeber vom DIW ergänzt:

"Selbst wenn man mehr Krankmeldungen rund um Brückentage sähe, würde das für sich genommen noch nichts beweisen."

So sei auch bei Brückentagen – wie bei Montagen – zu berücksichtigen, dass Arbeitnehmerinnen am vorhergehenden Feiertag nur in Notfällen einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen. Kommen am Feiertag Menschen zusammen, könne dies außerdem das Infektgeschehen beeinflussen. Zudem seien Menschen, die aus stressigen Phasen kommen, zu Beginn von Erholungsphasen – wenn der Cortisolspiegel absinkt – anfälliger für Krankheiten, sagt Hausarzt Wolfgang Ritter.

"Dass an Brückentagen mehr ‘blaugemacht’ wird, ist eine verbreitete Vermutung. Belegt ist sie für Deutschland aber nicht", sagt Daniel Graeber.

Der #Faktenfuchs hat außerdem mehrere der größten Arbeitgeber Deutschlands gefragt, ob sie vermehrt Krankmeldungen rund um Wochenenden und an Brückentagen feststellen. Die meisten verwiesen auf den Schutz interner Daten, weshalb sie sich nicht äußern wollten. Ein Sprecher der Rewe Group, die 270.000 Mitarbeitende in Deutschland beschäftigt, antwortete:

"Auf Basis unserer Erfahrungen haben wir keine Auffälligkeiten festgestellt, die die Annahme stützen würden, dass sich Beschäftigte rund um Wochenenden oder Brückentage vermehrt krankmelden."

Fazit:

Für den Missbrauch der telefonischen Krankschreibung rund um Wochenenden und an Brückentagen gibt es nach Aussagen von Krankenkassen, Wirtschaftsexperten und Hausärzten keine Belege. Telefonische Krankschreibungen machen nur rund ein Prozent aus. Ursächlich für den Anstieg der Krankentage sind die Einführung der elektronischen Krankschreibungen (eAU) sowie langfristige Erkrankungen.

Quellen:

Interviews/Anfragen:

Interview mit Daniel Graeber, forscht am Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin

Interview mit Dr. Wolfgang Ritter, niedergelassener Hausarzt aus München und Landesvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes

Presseanfrage an Pressestelle der Bayerischen Staatsregierung

Presseanfrage an Thorsten Frei (MdB)

Presse-Anfragen an mehrere Krankenkassen: AOK, Barmer, TK, DAK, DIW

Presse-Anfragen an mehrere der größten Arbeitgeber in Deutschland, wie etwa Edeka Verbund, Volkswagen AG, DHL Group, DB AG, Rewe Group

Veröffentlichungen:

Gesetz über die Zahlung des Arbeitsentgelts an Feiertagen und im Krankheitsfall (Entgeltfortzahlungsgesetz), § 5 Anzeige- und Nachweispflichten

Analyse des Zentralinstituts für Kassenärztliche Versorgung

DAK-Auswertung u.a. zu telefonischen Krankmeldungen

Pressemitteilung der AOK zu telefonischer Krankschreibung: Reimann: Abschaffung der telefonischen Krankschreibung wird Krankenstand nicht senken

Auswertung der Barmer Krankenkasse: BARMER Gesundheitswesen aktuell 2025

AOK-Fehlzeitenreport 2025

Studien und Untersuchungen zu Phänomen der Leisure Sickness hier, hier und hier.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!