Auf einer Wiese in Rosenheim spannt Valentin Spernath ein Netz zwischen zwei Metallstangen. Zwei Meter über dem Boden hängt das Fischernetz, ein schlichtes Modell. Doch genau so etwas soll in der Ukraine Leben retten.
Alte Fischernetze für die Ukraine
Spernath gehört zum Verein "Fellas for Europe", einem ehrenamtlichen Netzwerk mit Sitz in Bayern. Die Mitglieder organisieren Hilfsprojekte für die Ukraine. Ihre ungewöhnliche Idee: alte Fischernetze aus Nordeuropa sammeln und in frontnahe Städte bringen. Dort werden sie über Straßen, Eingänge oder Zufahrten gespannt. Drohnen sollen sich darin verfangen, bevor sie Menschen treffen. Spernath erklärt, das Netz sei nur ein Modell. Die echten Netze seien stabile Fischernetze aus Dänemark, Norwegen und anderen Teilen Nordeuropas.
Alltag in Cherson: Das Geräusch der Drohnen
Gerade in Städten nahe der Frontlinie sind Drohnen zu einer täglichen Gefahr geworden. In Cherson im Süden der Ukraine hören viele Menschen das Summen der kleinen Fluggeräte inzwischen sofort. "Die Gebäude können immer noch mit Raketen angegriffen werden", sagt Spernath. "Aber eben nicht mehr mit den kleinen Drohnen."
Diese kleinen Kamikaze-Drohnen werden oft aus einiger Entfernung gesteuert. Sie sind vergleichsweise günstig und deshalb häufig im Einsatz. "Mit einer großen Drohne, mit einer Rakete komme ich durch“, erklärt Spernath. "Die kostet halt auch viel mehr. Und damit ist es schon gegen diesen Alltagsterror, gerade in frontnahen Gebieten wie Cherson, ein gutes Hilfsmittel."
"Unser Haus hat gezittert"
In Cherson nimmt Natalia Nedostup als unabhängige Volontärin die Netzlieferungen entgegen. Regelmäßig spricht sie mit den Helfern aus Rosenheim per Videocall. Als sie sich für das Gespräch zuschaltet, steht sie noch unter Schock. Erst wenige Tage zuvor wurde ihr Wohnhaus beschossen.
"In Cherson ist die Situation angespannt", sagt sie. "Heute Morgen hat unser fünfstöckiges Wohnhaus wegen Artilleriebeschusses gezittert. Es gab Verletzte." Während sie erzählt, wirkt sie erschöpft, aber auch entschlossen. Die Netze, die aus Europa kommen, geben ihr und anderen Menschen zumindest ein kleines Stück Sicherheit.
Die größte Herausforderung: Überhaupt Netze finden
Seit dem vergangenen Sommer hat der Rosenheimer Verein gemeinsam mit anderen Organisationen bereits mehrere Quadratkilometer Netze organisiert. Finanziert wird alles durch Spenden, rund 40.000 Euro sind bislang zusammengekommen.
Doch die größte Herausforderung ist nicht der Transport. "Man muss diese Netze auch finden, das ist das Hauptproblem", sagt Spernath, "genügend stabile Netze zu bekommen." Gesucht werden sie vor allem bei Fischern in Nordeuropa. Wenn genügend Material zusammenkommt, organisiert der Verein den Transport. "Man braucht einen Fahrer, der in dieses Risikogebiet fährt", erklärt Spernath. "Und natürlich muss das finanziert werden."
"Diese Netze sind Schutz für uns"
In der Ukraine werden die Netze über Straßen, Zufahrten oder in der Nähe von Krankenhäusern gespannt. Sie sollen verhindern, dass Drohnen direkt auf Menschen oder Gebäude treffen. Für Natalia Nedostup sind sie weit mehr als nur ein technischer Schutz. "Diese Netze sind nicht einfach Netze", sagt sie. "Das ist Schutz für uns." Sie erklärt, was das konkret bedeutet: "Es ist die Chance, dass Menschen aus ihren Häusern gehen können. Dass sie ins Krankenhaus kommen können."
BR24 auf TikTok: Fischernetze retten Leben in den Ukraine
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