A8, Donnerstagabend, nahe Rosenheim: Kurz hintereinander prallen zwei Lkw bei heftigem Schneefall in die Leitplanken. Die Stoßstange des ersten Sattelzugs wird abgesprengt und fliegt auf die Fahrbahn, wo andere Fahrzeuge hineinkrachen. Zehn Autos müssen abgeschleppt werden, die Fahrtrichtung Salzburg ist vorübergehend gesperrt.
Anderthalb Stunden später: Der nächste Sattelzug prallt in die Leitplanke, stellt sich quer und ist nicht mehr fahrbereit. Die Folge: zwei Stunden Teilsperre der A8.
Verband: Lkw müssen nicht zwingend fahren
Dabei müssten Lkw-Fahrer nicht auf Gedeih und Verderb Wind und Wetter ignorieren, sagt Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL): "Bei solchen Witterungsverhältnissen sind unsere deutschen Mittelständler ganz vernünftig und sagen ihren Fahrerinnen und Fahrern: 'Bleibt bitte entweder zu Hause auf dem Betriebsgelände oder fahrt den nächsten Parkplatz an'". Sicherheit gehe in solchen Fällen vor.
Doch Engelhardt sagt auch: "In Deutschland werden mittlerweile 40 Prozent der Ladungen von gebietsfremden Transportunternehmen vornehmlich aus Mittel- und Osteuropa transportiert. Ob dort die Auftraggeber immer die gleiche Sorgfalt walten lassen? Da mache ich mal ein großes Fragezeichen dran."
Zeitweises Lkw-Fahrverbot bei starker Glätte?
Würde ein temporäres Fahrverbot für Brummis da weiterhelfen – bis die Extremwetterlage vorbei ist? Engelhardt glaubt nicht daran: Ein Fahrverbot "für alle wäre aus unserer Sicht absolut kontraproduktiv", sagt er. Die Fahrerinnen und Fahrer seien ohnehin verpflichtet, bei entsprechenden Witterungsverhältnissen die Fahrt zu unterbrechen und einen geeigneten Parkraum anzufahren – besonders mit Gefahrgut-Lkw.
Die Situation auf den Autobahnen sei zum Teil sehr unterschiedlich. Die Entscheidung zur Fahrtunterbrechung "sollte man den Fahrern überlassen, die das in der Regel auch gut einschätzen können", so Engelhardt zu BR24. Bei einem tage- oder stundenweisen Lkw-Fahrverbot wegen Glätte gebe es noch ein weiteres gravierendes Problem: Rund 40.000 Brummi-Parkplätze fehlten an Autobahnen in Deutschland, so BGL-Sprecher Engelhardt. Eine stundenlange Parkplatzsuche sei utopisch.
"Vorausschauende Fahrweise" entscheidend
Auf mehrspurigen Schnellstraßen kann bei schlechter Witterung auch ein Linksfahrverbot für Lkw über 7,5 Tonnen angezeigt werden. Der BGL schreibt auf seiner Homepage, dass generell eine "den Umständen angepasste, vorausschauende Fahrweise (…) für Lkw-Fahrer besonders wichtig" sei. Durch ihre Berufserfahrung könnten die Fahrer die Situation in der Regel gut einschätzen.
Wenn Winterreifen an ihre Grenzen kommen
Grundsätzlich gilt eine situative Winterreifenpflicht für Lkw genauso wie für Pkw. Doch hilft das nicht immer: Bei starker Eis- und Schneeglätte kommen laut BGL an Steigungen die besten Winterreifen an ihre Grenzen, weil sie kaum mehr einen Kraftschluss zwischen Reifen und Fahrbahn herstellen könnten. Dann würden auch Winterreifen durchdrehen.
Doch das ist nicht die einzige Ursache für Glätte-Unfälle. Laut Amelie Schiller, Sprecherin des THW Bayern, kommen Lkw auch aufgrund ihrer größeren Angriffsfläche beispielsweise bei Sturmböen leichter ins Schleudern und kippen so auch schneller um. Zudem werde mitunter der viel längere Bremsweg unterschätzt und der Sicherheitsabstand nicht eingehalten, was zu Auffahrunfällen führen könne.
Daran hätten zum Teil auch Pkw-Fahrer Schuld: "Das ist etwas, was wir heutzutage recht häufig haben, dass ein Pkw-Fahrer vor einem Lkw-Fahrer in die Fahrbahn zieht und nicht einberechnet, dass es einen gewissen Abstand braucht. Der Lkw-Fahrer muss dementsprechend bremsen – hat aber einen längeren Bremsweg. Und dann kommt es zu Auffahrunfällen". Hinzu kämen nicht angepasste Geschwindigkeiten.
Just-in-Time-Druck lässt nach – mehr Spielraum bei Extremwetter
Einen Lichtblick jedoch gibt es: Der tägliche, zuweilen stundengenaue Lieferdruck lässt laut Engelhardt nach: "In Summe nehmen die Just-in-Time-Vereinbarungen sehr stark ab, weil wir einfach ein so großes Infrastrukturproblem haben, dass Transporte nicht mehr so planbar sind, wie das vor zehn, 15 Jahren der Fall war." Das nimmt Druck von vielen Brummi-Fahrerinnen und -Fahrern wie auch von ihren Spediteuren, eine Risikofahrt bei Extremglätte zu wagen.
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