Abendessenszeit bei Familie Federer in München. Die Kinder spielen im Wohnzimmer, Papa Julian kocht und Mama Johanna muss gleich los zum Elternabend. Alltag, wie in vielen Familien. Johanna und Julian versuchen, sich die Familienarbeit gleichberechtigt zu teilen – eine Herausforderung, sagt Julian Federer.
Er selbst sei lange blind gewesen für das, was Johanna im Haushalt ganz selbstverständlich allein erledigte: Haushaltstätigkeiten wie Wäsche waschen, Kinderkleidung einkaufen, Termine beim Kinderarzt vereinbaren. "Das sind ja so Dinge, die man dann nicht mitdenkt, weil man sich halt nicht dafür verantwortlich fühlt."
Frauen übernehmen bis zu dreimal mehr Sorgearbeit als Männer
Die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern ist in Haushalten mit kleinen Kindern besonders groß. Da übernehmen laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes von 2022 Frauen 80 bis 154 Prozent mehr Sorgearbeit als Männer.
Auch bei Familie Federer war das nach der Geburt des ersten Kindes so. Julian ging arbeiten, Johanna kümmerte sich ums Kind und zusätzlich um das "bisschen Haushalt" - bis zur Überlastung. Ihr gesellschaftliches Umfeld habe ihr suggeriert, "ich muss dankbar sein, dass der Julian arbeiten geht", sagt sie rückblickend. "Und dann war ich mir unsicher, habe ich überhaupt das Recht, zu verlangen, dass er Hausarbeit übernimmt?"
Als sie selbst wieder Teilzeit arbeitete, habe sie die Notbremse gezogen. "Ich habe mir dann ganz viel angelesen über Equal Care und dann zu ihm gesagt: Entweder es ändert sich jetzt was oder wir werden uns auf lange Sicht trennen. Denn das funktioniert für mich nicht mehr."
Naturalisierte Rollenklischees und sozialer Erwartungsdruck
Die Gleichberechtigung der Geschlechter – ein Ideal, das viele Paare heute hoch halten, bis die Kinder kommen. Dann landen viele wieder im traditionellen Rollenschema – nur, warum? Laut Paula-Irene Villa Braslavsky, Professorin für Soziologie und Gender Studies an der LMU München, hängt das mit tief sitzenden kulturellen Stereotypen zusammen.
Viele Bereiche unseres Alltags seien von Klischees durchzogen, "dass Frauen häuslich sind, empathisch, fürsorglich, mütterlich, sich für das Private interessieren und quasi von Natur aus aufs Sorgen, Kümmern und Pflegen programmiert sind", so Villa Braslavsky. Solche Rollenbilder tauchten in Werbung, Produktdesign, Kinderbüchern, Serien und teils auch in der Wissenschaft auf. Männern dagegen werde ein natürlicher Hang zu Sport, Ehrgeiz. Macht, Wettbewerb, Kampf, Status und Anerkennung zugeschrieben. Diese Stereotype strukturieren zudem die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt. Das führe dazu, dass sich die traditionelle Arbeitsaufteilung so hartnäckig halte.
Wirtschaftliche und gesundheitliche Nachteile für Frauen
All das hat für Frauen handfeste Nachteile: weniger Gehalt und berufliche Chancen, geringere ökonomische Eigenständigkeit sowie eine schlechtere Alterssicherung. Frauen zahlen für den Gender Care Gap auch mit ihrer Gesundheit. Burnout und Depressionen seien vielfach die Folge, bestätigt Bettina Schrein, systemische Paar- und Familientherapeutin in München. Die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit sei der Hauptgrund, weshalb Paare in ihre Praxis kämen. Väter seien heute zwar oft bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen, wüssten aber oft nicht wie: "Wenn jetzt der Mann sagt, 'Ich gehe einkaufen', und marschiert dann zur Frau und fragt, 'Was soll ich denn kaufen?', dann ist es natürlich für die Frau keine Unterstützung mehr. Dann muss sie wiederum die Verantwortung für den Einkauf übernehmen."
Klare Kommunikation und Checklisten können helfen
Damit jeder Verantwortung übernimmt, sei vor allem klare Kommunikation zwischen Partnern nötig, so die Familientherapeutin. Frauen müssten ansprechen, was sie störe. Sie rät Paaren, gemeinsam eine Art Checkliste zu machen, was an Sorgearbeit getan werden muss und aufzuschreiben, wer bereits welche Aufgaben verantwortet. Davon ausgehend könnten die Partner die Tätigkeiten dann gleichberechtigt aufteilen.
Ganz wichtig: Gegenseitige Wertschätzung. So haben es auch Johanna und Julian Federer hinbekommen. "Das Gefühl zu haben, ein Team zu sein", sagt Johanna, "macht ganz viel aus." Und Julian meint: "Weniger Abhängigkeit stärkt jede Beziehung." Auch das Gespräch mit anderen Familien sei wichtig. Einmal im Monat geht Julian zum "Equal Kerle" Stammtisch, um sich mit anderen Vätern auszutauschen – sofern es der Familienkalender erlaubt.
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