Der Geruch von frischem Holz, der Klang der Säge, Mehlstaub in der Luft – Handwerk ist sinnlich, analog, geerdet. Und trotzdem, oder gerade deshalb, erobern viele Betriebe inzwischen die digitalen Bühnen von Instagram, TikTok & Co. Was auf den ersten Blick wie ein Gegensatz wirkt, passt für viele Handwerker erstaunlich gut zusammen.
Zimmerei setzt auf Social Media: "Man sollte mit der Zeit gehen"
"Man sollte als Unternehmen ein bisschen mit der Zeit gehen, weil man sonst irgendwann hinten runterfällt", sagt Zimmerermeister Dominik Brönner aus Neustadt am Main im Landkreis Main-Spessart. Seine Zimmerei nutzt Social Media als Schaufenster: Zu sehen sind beispielsweise der Baustellenalltag und das Team. Wichtig sei ihm, "den Betrieb nach außen hin offen zu gestalten" und die Arbeit "transparent darzustellen".
Maßgeblich in der Hand hat den Auftritt in den sozialen Netzwerken seine Frau Rose Brönner, gelernte Mediengestalterin. Doch harte Kennzahlen wie Klicks oder Views stehen für sie nicht im Vordergrund: "Es geht in erster Linie auch um die Wertschätzung, dass wir schöne Projekte zeigen können". Rechnen tue sich das vor allem so, "dass wir ein bisschen bekannter werden, dass Leute sehen, was wir so machen".
Zeit, Mut, Komfortzone: Die Schattenseite der Sichtbarkeit
Für Dominik Brönner ist Social Media im Handwerk aber auch Herausforderung. Die größte Hürde: die Zeit. Zwischen Angeboten, Baustellen und Büro sei es schwierig, regelmäßig Inhalte zu produzieren. Er selbst sei "nicht so der Typ, der sich gern vor die Kamera stellt", weiß aber: "Man muss vielleicht auch ein Stück weit die Komfortzone verlassen". Social Media ist für ihn deshalb weniger Ersatz für klassische Werbung als Ergänzung – und ein Kanal, auf dem sich auch potenzielle Nachwuchskräfte ein Bild machen können. Bei mindestens einem neuen Mitarbeiter hat das schon funktioniert. Auch neue Kunden haben sie schon so gewonnen.
Vom Dorf in die Welt: Bäcker Axel Schmitt als Social-Media-Sonderfall
Wie weit man das Rad drehen kann, zeigt Bäckermeister Axel Schmitt aus Frankenwinheim. Er betreibt eine kleine Landbäckerei – und ist zugleich Social-Media-Star mit Hunderttausenden Followern. Bekannt wurde er mit Broten, die zu Heavy Metal Musik reifen und einfachen Rezepten, die zuerst im Fernsehen und dann im Netz einschlugen.
Schmitt ging früh in Vorleistung: Er baute eine eigene Showbackstube, nur für Produktionen. "Wir haben da echt Geld in die Hand genommen, ohne einen Auftrag". Heute teilt er seine Zeit etwa "50:50" zwischen klassischer Backstube und Content-Produktion auf, ein eigenes kleines Team kümmert sich mit ihm um die Kanäle.
Werkzeug statt Wunderwaffe: Chancen und Druck im Netz
Trotz aller Erfolge warnt Schmitt vor der kompletten Abhängigkeit vom Netz. "Wenn da einer auf den Knopf drückt, ist hier mein Business zu Ende", sagt er mit Blick auf Content-Creator, die ausschließlich von Klicks leben. In seinem Fall sei es anders: "Ich bin nicht abhängig, dass Social Media groß was einbringen muss." Produktionen seien kostspielig, vieles werde vom klassischen Betrieb "subventioniert".
Sein Rat an Kolleginnen und Kollegen: "Die wichtigste Regel bei Social Media ist: machen. Einfach machen ist das Wichtigste." Meist seien die viralsten Videos einfach aus dem echten Leben. "Das möchten die Menschen sehen, behind the scenes."
Jedes zweite Handwerksunternehmen ist auf Social Media
Aus Sicht der Handwerkskammer für Unterfranken passt das gut zusammen. "Leidenschaft und Begeisterung" seien das, was Handwerk und Social Media verbindet, sagt Hauptgeschäftsführer Ludwig Paul. Fotos und Videos seien nicht nur ein Image-Thema, sondern spielten auch bei Nachwuchsgewinnung und Kundenansprache eine wachsende Rolle. Manche Betriebe produzierten ihre Inhalte selbst, andere beauftragten spezialisierte Firmen. Das zeigt auch eine Studie des Digitalverbandes Bitcom. Demnach ist mindestens jedes zweite deutsche Handwerksunternehmen in den sozialen Netzwerken vertreten.
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