Es sind schwarze Brocken, die die Nürnberger Straßenbahn lahmlegen, zäh und klebrig. Sie bestehen aus Bitumen. Das ist die Dichtmasse zwischen Gleis und Straßenbelag. Tagelang brannte die Sonne auf die Schienen, die Rekordtemperaturen weichten das Bitumen auf. Die zähflüssige Masse blieb an den Radreifen der Straßenbahnen kleben. Und die verteilten es im kompletten Streckennetz.
Zähe Bitumen-Brocken sind Sicherheitsrisiko
"Sie müssen sich das wie ein Gummibärchen vorstellen, das in der Sonne liegt. Das kriegen Sie irgendwann auch nicht mehr ab", sagt Tim Dahlmann-Resing, der technische Vorstand des Nürnberger Verkehrsbetriebs VAG. Schienen verkleben, Weichen lassen sich nicht mehr stellen, Züge könnten entgleisen. Aus Sicherheitsgründen hat die VAG Ende der vergangenen Woche den Betrieb komplett eingestellt. So wie in vielen anderen Städten auch, beispielsweise in Essen, Leipzig und Bremen.
Kein Patentrezept zur Reinigung
Seitdem befindet sich der Betrieb im Krisenmodus. Denn es gibt kein Patentrezept gegen das klebrige Chaos. Die Mitarbeiter kämpften im Dreischichtbetrieb gegen die zähe Masse. Zur Mittagszeit brennt die Sonne auf die Gleisbauer in der Bucher Straße in der Nürnberger Nordstadt. In mühsamer Handarbeit versuchten sie, rund 40 Kilometer Schiene zu reinigen. "Wir machen das mit Hammer und Meißel", sagt Gleisbauer Michael Zimmermann. Sein Trupp und er sind seit 4 Uhr morgens unterwegs.
In der Straßenbahnwerkstatt stehen inzwischen 55 Züge, dort schaben die Mitarbeiter die verklebten Straßenbahnen frei. Mit speziellen Reinigern versuchen die Techniker, das Bitumen an Rädern und Fahrgestellen aufzuweichen. Dann kommen elektrische Schaber zum Einsatz. Das dauert mehrere Stunden pro Zug.
Kampf gegen klebrige Bitumen-Brocken
Eine der größten Krisen der Nürnberger Straßenbahn
Eine derart extreme Herausforderung haben sie bei der Nürnberger Straßenbahn noch nie meistern müssen, sagt der Werkstattleiter Thomas Luber. Dass die Straßenbahn so lange stillstand, habe er in seiner Zeit bei der VAG noch nie erlebt. "Ich glaub, das ist schon fast wie nach dem Zweiten Weltkrieg." Der Verkehrsbetrieb hat einen Ersatzverkehr mit Bussen und Taxen eingerichtet. Jeder Tag Straßenbahnausfall kostet Hunderttausende Euro.
Mit Hochdruckstrahlern gegen den Schmutz
Nach vier Tagen vergeblichem Kampf – ein Lichtblick. Auf den Gleisen ist ein Sprühwagen unterwegs. "Das Fahrzeug strahlt mit Hochdruck Wasser auf die Schienen", erläutert Konrad Schmidt, Bereichsleiter Infrastruktur der VAG. Damit gelingt es, die Bitumenschicht vom Schienenkopf zu entfernen. An kritischen Stellen, wie etwa Weichen, kommt Trockeneis zum Einsatz. "Denn dort müssen auch feine Spalten gereinigt werden."
Auf der Strecke läuft der Einsatz von Trockeneis vielversprechend an. Auch in der Werkstatt wird das auf minus 70 Grad Celsius gekühlte Kohlenstoffdioxid eingesetzt. Die Arbeiter stecken in weißen Schutzoveralls mit Helm und Komplettvisier. Mit einer Lanze sprühen sie das Trockeneis auf die verschmutzten Stellen. Die eiskalten Partikel prallen auf den Dreck und werden sofort gasförmig. Bei dieser Mini-Explosion wird das Bitumen einfach weggesprengt, erläutert der Werkstattleiter.
Suche nach einer Alternative zu Bitumen
Der unermüdliche Einsatz zahlt sich aus. Nach fünf Tagen Stillstand wagen die Verantwortlichen eine erste Testfahrt. Die ergibt: Ein Streckenabschnitt kann seit Freitagvormittag wieder befahren werden, die anderen sollen dann nach und nach folgen.
Derweil sucht die VAG nach einer Alternative zum Bitumen. Denn die Dichtmasse ist notwendig, damit keine Feuchtigkeit zwischen Schiene und Fahrbahnbelag eindringen kann. "Wir suchen Materialien, die einen höheren Temperaturbereich aushalten", erläutert Konrad Schmidt. Das Problem: Es müsse im Winter ab minus 10 Grad flexibel sein. Das verwendete Bitumen erfüllt diese Vorgabe. Es wird dann jedoch ab 40 Grad zum klebrigen Problem. Das haben sie bei der VAG gerade leidvoll erfahren. Noch haben sie keine Alternative gefunden.
Im Video: Nach sechs Tagen Stillstand rollen in Nürnberg die ersten Straßenbahnen
Nach sechs Tagen Stillstand rollen in Nürnberg die ersten Straßenbahnen.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!


