Donnerstag Spätnachmittag im Regionalzug von München nach Lindau: Bei Außentemperaturen um 35 Grad fällt die Klimaanlage aus. Im Zuginneren ist es noch heißer: über 40 Grad. Ein BR-Reporter, der auf dem Weg zu einem Interview ist und in dem Zug sitzt, beschreibt die Lage nachträglich so: "Die Fahrgäste waren komplett durchgeschwitzt und haben die Situation lethargisch hingenommen."
Ausgefallene Klimaanlagen, Gleisverformungen wegen starker Hitze: Auch in den Kommentaren bei BR24 diskutieren Userinnen und User immer wieder, wie hitzebeständig die Deutsche Bahn ist. "Hatte schon mehrfach Ausfälle der Klimaanlage in ICE", berichtet etwa "Rossbert". Und "sikozptl" meint: "Vor 20 Jahren war ich schon regelmäßig im ICE stecken geblieben. Klimaanlage ausgefallen. (...) das gibt es schon länger das Problem und es wird nichts gemacht". "BonVita" vergleicht mit anderen Ländern: "man sollte mal nach Japan schauen wie da der Bahnverkehr funktioniert. Die kratzen im Sommer auch an der 40 Grad Marke und da fallen nicht ständig die Züge aus".
Pro Bahn: Definitiv Probleme mit Hitzetagen
"Wir haben in Deutschland definitiv Probleme, was das Eisenbahnnetz angeht, wenn wir Hitzetage haben", sagt dazu Marco Kragulji, Sprecher des Fahrgastverbandes "Pro Bahn" in Bayern. Das Hauptproblem hierzulande seien Gleisverwerfungen - also hitzebedingte Verformungen von Eisenbahngleisen - und ausgefallene Klimaanlagen. Das Bahnnetz in südlicheren Ländern sei da oftmals stabiler.
Italien und Spanien: Schienennetz aufs Klima ausgelegt
In Italien oder Spanien zum Beispiel ist das Schienennetz von vornherein auf das mediterrane Klima ausgelegt. Die sogenannte Neutralisationstemperatur - also die Temperatur, die die Schienen haben müssen, wenn sie beim Gleisbau auf den Schwellen fixiert werden - liegt bei der Deutschen Bahn bei circa 22 Grad. In Italien fixieren Ingenieure die Schienen, wenn sie zwischen 30 und 33 Grad warm sind. Dadurch vertragen die Gleise im Süden die Sommerhitze besser, ohne sich zu verformen. Sie sind allerdings im Winter auch anfälliger für Spannungen bei Frost.
Hinzu kommt: In den beiden Ländern werden Schienen oft weiß lackiert. Die Farbe reflektiert das Sonnenlicht, dadurch bleiben die weiß gestrichenen Schienen um fünf bis zehn Grad kühler. Die Deutsche Bahn testet das bisher auf einigen Strecken.
Klimaanlagen in Italien oder Spanien robuster
Die Züge in Italien sind im Schnitt neuer als in Deutschland und standardmäßig für Außentemperaturen von 40 bis 45 °C ausgelegt. Auch in Spanien sind die Züge für extreme Hitze gebaut und verfügen oftmals sogar über mehrere Klimageräte pro Wagen. Außerdem isolieren die Wagenkästen der Züge stark gegen Hitze.
In älteren deutschen ICE-Zügen dagegen versagen die Klimaanlagen häufig ab 32 Grad. Aber: Auch die Italienische Bahn ist nicht immun gegen Hitze. Erst vor wenigen Tagen blieb ein Italo-Schnellzug auf der Strecke Bologna-Florenz für mehrere Stunden im Tunnel stehen, die Klimaanlage fiel aus. Techniker vermuten, dass das Kühlsystem der Elektronik versagt haben könnte. Und abseits der italienischen Hochgeschwindigkeitsstrecken sieht es ohnehin anders aus: Im veralteten Regionalnetz kollabieren die Systeme im Sommer regelmäßig wegen überlasteter Stromnetze.
Die Bahn erklärt auf BR-Anfrage, in Deutschland seien 275 Fahrzeuge bereits mit modernster Klimaanlagetechnik ausgestattet: "Die Klimaanlagen der neuen Fahrzeuge wie z.B. ICE 3neo und ICE L sind leistungsfähiger und erfüllen den Komfortanspruch bis zu einer Außentemperatur von plus 40 Grad Celsius und sind funktionsfähig bis 54 Grad."
Pro Bahn begrüßt Hitze-Kulanz
Die Bahn bietet angesichts der hohen Temperaturen aktuell eine kostenlose Stornierung für Fernverkehrsreisen an. Wer Tickets bis zum 23. Juni gekauft hat, kann sie bis 30. Juni stornieren. "Pro Bahn" betont, dass dies positiv zu bewerten sei und überhaupt das erste Mal, dass es diesen hitzebedingten Kulanzfall gebe.
Auf Dauer müssten aber nicht nur die Züge, sondern auch das Streckennetz so resilient sein, dass es keine Hitzedeformationen oder Klimaanlagen-Ausfälle mehr gebe, so die Forderung des Fahrgastverbandes. Die veränderten klimatischen Bedingungen müsse die Bahn bei allen künftigen Ausschreibungen für neue Züge beachten.
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