Eine Halle, geschmückt mit Weihnachtsdeko, auf ausgeklappten Bierbänken liegen Stollen und Plätzchen: ein typisches Weihnachtsfeier-Setting. Der Ort ist allerdings besonders: Es ist der Hangar von Christoph 14. Der Rettungshubschrauber ist auf dem Dach des Klinikums Traunstein stationiert, geflogen von der Bundespolizei, mit Notfallsanitätern des Bayerischen Roten Kreuzes und Ärztinnen und Ärzten der Notarztgemeinschaft Traunstein. Jedes Jahr fliegt Christoph 14 zahlreiche Einsätze. Viele davon unter extremem Zeitdruck, manche auch mit schwer verletzten oder erkrankten Kindern.
Und genau für diese Kinder gibt es einmal im Jahr einen ganz besonderen Termin: den traditionellen Nikolausflug, der heuer bereits zum 13. Mal stattfindet. Eingeladen sind Kinder, die im Laufe des Jahres von der Crew des Rettungshubschraubers versorgt wurden.
Von Inzell nach Traunstein in zehn Flugminuten
Einer dieser kleinen Gäste ist der achtjährige Wiggerl aus Inzell. Er erzählt, dass er von einer Biene gestochen worden sei, anschließend keine Luft mehr bekommen habe und deshalb der Hubschrauber habe kommen müssen. Das sei schon schlimm gewesen, der Flug selbst für ihn aber trotzdem auch "cool". Auch seine Mutter erinnert sich an die kritische Situation. Die Familie habe sehr abgelegen gewohnt, die Anfahrt hätte rund 40 Minuten gedauert. Ohne den Hubschrauber wäre es ihrer Einschätzung nach wahrscheinlich sehr kritisch geworden.
Wenn aus Angst eine schöne Erinnerung wird
Rund 50 Kinder sind an diesem Abend eingeladen. Gemeinsam mit ihren Eltern dürfen sie die Luftrettungsstation besichtigen und vor allem schöne, positive Erinnerungen sammeln. Denn der Nikolaus kommt diesmal nicht mit dem Rentierschlitten, sondern mit dem Rettungshubschrauber.
Mit großen Augen stehen die Kinder und ihre Familien auf dem Dach des Klinikums Traunstein und schauen in den Nachthimmel. Dann ist das laute Surren der Rotoren zu hören: Der knallorange Hubschrauber landet und aus ihm steigt der Nikolaus. Der heilige Bischof nimmt sich für jedes Kind Zeit, spricht ein paar nette Worte und natürlich gibt es auch ein Sackerl mit Geschenke. Unternehmen aus der Gegend haben sich mit Kleinigkeiten beteiligt. Die Großmutter eines geretteten Kindes hat in mühevoller Arbeit 60 kleine Tierchen gehäkelt. Ihr Dankeschön an das Rettungsteam.
Traumatische Erinnerungen überschreiben
Dass dieser Abend für viele Familien mehr ist als nur eine nette Weihnachtsfeier, erklärt Gerhard Wolf, Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Traunstein. Viele Kinder könnten sich nur noch vage an ihren Unfall oder ihre Erkrankung erinnern, manche seien damals sogar bewusstlos gewesen. Der Krankenhausaufenthalt sei für die Familien jedoch meist ein sehr belastendes Erlebnis.
Der Nikolausflug könne dabei helfen, diese Erinnerung neu einzuordnen. Der Hubschrauber, der die Kinder damals gerettet habe, bringe ihnen heute den Nikolaus. Das sei zwar keine therapeutische Maßnahme im engeren Sinn, könne den Kindern aber helfen, das Erlebte in einem positiven Licht zu sehen und besser zu verarbeiten.
Das gelte nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern. Ein Unfall, eine schwere Erkrankung, der Notruf und die Landung des Hubschraubers seien für viele Familien zunächst mit großer Angst verbunden. Wenn später alles gut ausgegangen sei und sie in einem neuen, positiven Kontext in die Kinderklinik zurückkehren könnten, helfe das vielen, das Erlebte neu zu bewerten und besser zu verarbeiten.
Auch für die Crew ein besonderer Abend
Nicht nur für die Kinder ist dieser Abend emotional. Auch für die Besatzung von Christoph 14 ist der Nikolausflug jedes Jahr etwas Besonderes. Hubschrauberpilot Andreas Weber von der Bundespolizei erklärt, allein das Wissen, mit dem Hubschrauber Menschen helfen zu können, sei jedoch etwas ganz Besonderes und motiviere ihn und seine Kolleginnen und Kollegen jeden Tag aufs Neue.
Nach einem schönen Weihnachtsabend im Hangar des Klinikums Traunstein macht sich der Nikolaus schließlich wieder auf den Weg zu seinem hoffentlich inzwischen reparierten Schlitten.
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